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Mit Rucksack nach Garmisch

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Von: Patrick Reichelt

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Tief ins Glas geschaut, aber natürlich nur bei der Siegerehrung: der Norweger Halvor Egner Granerud in Oberstorf.
Tief ins Glas geschaut, aber natürlich nur bei der Siegerehrung: der Norweger Halvor Egner Granerud in Oberstorf. © Oryk Haist/Imago

Halvor Egner Granerud düpiert beim Auftaktspringen der Vierschanzentournee die Konkurrenz – die sieht darin auch eine Chance

Der König von Oberstdorf erlebte eine harte Nacht. Halvor Egner Granerud tat sich schwer, in den Schlaf zu finden. Zu aufwühlend war der Rausch dieses Tourneeauftakts. Doch die Ruhe wird kommen, da ist sich sein Trainer Alex Stöckl sicher. „Er wird sicher ein bisschen spazieren gehen, ein bisschen laufen“, sagte der Österreicher, „und dann ist er bereit für Garmisch.“

Zwei Tage lang hatte Granerud im Allgäu mit der Skisprungweltklasse Katz- und Maus gespielt. Hatte in der Tourneewertung gleich einmal acht bis zehn Meter zwischen sich und die schärfsten Konkurrenten wie Piotr Zyla, Dawid Kubacki oder Karl Geiger gelegt. Und damit selbst seinen Trainer staunen lassen. „Vor allem der erste Sprung“, schwärmte Stöckl, „war der Beste von ihm in dieser Saison.“

Dabei war der Mann aus Trondheim vor der Tournee gar nicht unbedingt in der allerersten Reihe gestanden. In Neustadt und Engelberg wurde er dreimal in Folge Fünfter. Das war nicht schlecht, aber irgendetwas passte nicht in seinen Sprüngen. Bis Granerud nach dem ersten Wettbewerb in der Schweiz den Weg zu seinem Trainer suchte. „Er hat mir gesagt: Das Problem ist kein technisches“, erinnert sich Stöckl, „es ist mental.“

Der Coach vermittelte seinem Vorflieger noch am selben Abend ein Gespräch mit Teampsychologe Anders Meland. Die beiden sprachen lange. Tags darauf wurde Granerud Vierter – für Stöckl schon ein leises Anzeichen: Der Knoten löst sich. Meland wird demnächst wohl Besuch bekommen. „Ein Flascherl Wein kriegt er bestimmt.“ Die folgenden Trainingstage in Lillehammer taten ein Übriges. Granerud reiste voller Selbstvertrauen ins Allgäu.

Geiger im Verfolgerfeld

Klar, es ist noch viel Tournee zu springen. Und dort wird der norwegische Ausnahmekönner nicht immer so vergleichsweise günstige Bedingungen haben wie beim Auftakt, in dem sich sein Coach sogar zweimal die Extrapunkte für den verkürzten Anlauf abholen konnte.

Weshalb auch der 26-Jährige selbst seine vermeintlich komfortable Ausgangsposition vergleichsweise locker sieht: „13 Punkte Vorsprung zu haben ist besser als 13 Punkte Rückstand.“ Granerud weiß, dass seine Jäger sich formieren. Auch Karl Geiger gehört nach Platz vier in Oberstdorf dazu. „Wenn er sich eine Schwäche leistet“, sagte der 29-Jährige, „dann werden wir da sein.“ Auch Bundestrainer Stefan Horngacher leistete sich eine kleine Stichelei. „Granerud nimmt jetzt den Rucksack nach Garmisch mit, den kann er haben“, sagte er, „wir sind im Geschäft.“ Neben Geiger reihte sich, wie leise erhofft, auch Andreas Wellinger als Sechster in den Kreis der Jäger ein. Für Markus Eisenbichler galt nach Platz 33 und dem Aus im ersten Wertungsdurchgang das Gegenteil. Horngacher will den schwer mit sich selbst beschäftigten Routinier trotzdem an Bord halten. „Er kann jetzt ganz ohne Druck rangehen und den jungen Springern helfen“, sagte er, „das ist auch wichtig.“

Und Halvor Egner Granerud? Es wird die große Frage sein, ob er es diesmal besser machen kann als noch vor zwei Jahren, als er in Innsbruck aus der Spur Richtung Tourneesieg kippte und dabei ziemlich dünnhäutig gegen Bezwinger Kamil Stoch schoss. Trainer Alex Stöckl ist aber sicher, dass sein Schützling weiter ist als damals. „Er ist von der technischen Seite sehr stabil geworden“, sagte der Tiroler, der schon seit 2011 in Norwegen das sportliche Zepter schwingt, „und ich glaube, dass ihm die Erfahrung von damals jetzt sehr hilft.“

Am Team wird es nicht liegen. Granerud wird von den Nebengeräuschen der Tournee bestmöglich abgeschirmt. Bekommt die Ruhe, die er zwischen den Auftritten auf den Schanzen braucht. Und sei es für die ein oder andere Tour in den Wald. Das Selbstvertrauen soll nach dem bärenstarken Auftritt zum Tourneeauftakt sein Übriges tun, wenn es nach Stöckl geht. „Ich glaube, dass ihn das, was er in Oberstdorf geschafft hat, noch stärker macht“, befand der Coach. Das klang schon fast wie eine Drohung.

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