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Mit dem Emir als Vorturner

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Von: Ronny Blaschke

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Im Lichte der WM sollen sich alle Kataris mehr bewegen.
Im Lichte der WM sollen sich alle Kataris mehr bewegen. © Imago

Durch eine Förderung des Breitensports will die Herrscherfamilie langfristig das Gesundheitssystem in Katar entlasten / Mehr Möglichkeiten auch für Frauen

Fatma Al-Ghanim wirkt nostalgisch, wenn sie an den Dezember 2006 denkt. Damals fanden in der katarischen Hauptstadt Doha die Asienspiele statt, mit fast 10 000 Athleten und Athletinnen aus 45 Nationen. Es war das bis dahin größte Sportereignis im Nahen Osten. Zu jener Zeit war Fatma Al-Ghanim noch ein Teenager. „Damals konnten die Menschen erstmals aus der Nähe ein so großes Ereignis verfolgen“, sagt sie. „Eines der wichtigsten Vermächtnisse war, dass viele von ihnen selbst mehr Sport treiben wollten, vor allem Frauen. Und auch die Unterstützung ihrer Familien wuchs.“

Fatma Al-Ghanim sitzt in einem Café in West Bay, im Geschäftsviertel von Doha. Ihr Handybildschirm zeigt ein Foto aus dem American Football. Sie sagt, sie interessiere sich für viele Sportarten, insbesondere in den USA, wo sie länger gelebt hat. Al-Ghanim hat selbst einige Sportarten ausprobiert. Sie ging schwimmen, joggen, unternahm Fahrradtouren. Seit 2018 kombiniert sie diese Disziplinen im Triathlon. Anfangs als Freizeitbeschäftigung, mittlerweile in Wettbewerben. „Ich wollte mich herausfordern und meine Grenzen austesten.“

Das Volk ist zu dick

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar geht in ihre finale Phase. Das Turnier wurde vor zwölf Jahren an den Persischen Golf vergeben. Und die Triathletin Fatma Al-Ghanim findet, dass man am Beispiel des Sports eine positive Entwicklung erkennen könne. Sie redet nicht von modernen Stadien oder Sponsoren im Profifußball, sondern von körperlicher Bewegung. „In Katar haben viele Menschen eingesehen, dass Sport zu einer gesunden Lebensweise dazugehört.“ Botschaften wie diese haben in Katar auch eine politische Dimension.

Fatma Al-Ghanim stammt aus einem Land, das erst seit 2009 über ein Nationalteam der Fußballerinnen verfügt und erst seit 2012 Frauen zu den Olympischen Spielen entsendet. Katar wird, ähnlich wie Saudi-Arabien, durch den Wahhabismus geprägt, eine traditionalistische Auslegung des sunnitischen Islam. Noch immer müssen Frauen für etliche Anliegen die Erlaubnis eines männlichen Vormunds einholen. Zum Beispiel, wenn sie heiraten, in einem öffentlichen Job arbeiten oder im Ausland studieren wollen. Jahrzehnte lange hatte es kaum Räume gegeben, in denen sich Frauen ohne traditionelle Bekleidung körperlich verausgaben konnten.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation leben 17 Prozent der Katarer mit Diabetes und mehr als siebzig Prozent mit Übergewicht. Auch Herzleiden und Gefäßkrankheiten werden das Gesundheitssystem langfristig belasten. Die Herrscherfamilie will die Kosten in Grenzen halten, auch mit Breitensport als Prävention. Seit 2012 begeht Katar jährlich einen nationalen Sporttag. Der Emir und seine Angehörigen lassen sich beim Laufen oder Tennis filmen. Auch Frauen in Führungspositionen veröffentlichen sportliche Fotos in sozialen Medien. Vor zwanzig Jahren war das in der patriarchalen Gesellschaft Katars noch undenkbar. „Es entstehen Radwege, Fitnessstudios und Sporthallen“, sagt Fatma Al-Ghanim, die hauptberuflich für das Doha Film Institute arbeitet.

Katar hat hunderte Veranstaltungen im Leistungssport durchgeführt, etwas die Asienmeisterschaften 2006 und die Handball-WM 2015. In einigen Hallen von damals ist inzwischen der Breitensport zu Gast. Badminton, Karate, Bogenschießen. Sportwissenschaftler an der Qatar University entwickeln Fortbildungen für Physiotherapeuten und Lehrer. Denn Sport soll, so die offizielle Botschaft, stärker in Schulen verankert werden. Darüber hinaus werden Ideen in einem sozialen Netzwerk gebündelt. Der Titel: „Generation Amazing“. Wie viel Ernsthaftigkeit sich hinter diesem Marketing verbirgt? Das lässt sich für Außenstehende schwer prüfen.

Fakt ist: die Angebote der Regierung richten sich vor allem an die rund 300 000 katarischen Staatsbürger. Doch die stellen nur zehn Prozent der Bevölkerung. Fast sechzig Prozent der Einwohner stammen aus Indien, Bangladesch, Nepal, Pakistan und Sri Lanka. Sie arbeiten auf dem Bau, in der Gastronomie, als Hausangestellte. In ihrer knappen Freizeit ihr Bewegungsradius stark eingeschränkt. In der Regel wird ihnen der Zugang zu Einkaufszentren, Kinos und anderen Freizeiteinrichtungen verwehrt. Die meisten Angebote sind wegen der Kosten ohnehin unerreichbar.

„An den Wochenenden spielen viele Arbeiter in den Parks Kricket, jede freie Fläche wird genutzt“, sagt Susan Dun von der Northwestern-University in Doha. Nach ihrer Einschätzung sind für etliche Arbeiter auf den WM-Baustellen neue Freizeiteinrichtungen gebaut worden. „Doch für die große Mehrheit der Arbeitsmigranten, die nichts mit der WM zu tun hat, gibt es nicht ausreichend Sportmöglichkeiten.“ Zumal die Unterkünfte meist in der Peripherie von Doha liegen.

Susan Dun findet, dass der Sport die Integration der Gastarbeitenden in die Gesellschaft fördern könnte, mit gemeinsamen Stadtläufen oder Fußballspielen. Auch die katarische Profiliga, sagt Dun, sollte intensiver auf die Arbeitsmigranten zugehen. Zumal die Vereine durchschnittlich nur wenige Hundert Zuschauer anlocken. Konkrete Konzepte dafür existieren nicht. Und so scheint abermals der Eindruck bestätigt zu werden, dass die Herrscherfamilie nicht wirklich an der Integration der Arbeiter interessiert ist. Aufgeben möchte Susan Dun jedoch nicht, wenn sie sagt: „Als ich 2008 zum ersten Mal nach Katar kam, gab es kaum Sportaktivitäten für Frauen. Inzwischen haben viele Fitness- und Yogastudios geöffnet. Auch für Sportkleidung und Geräte sind Angebote gewachsen.“

Oberstes Ziel: Machterhalt

Noch richtet sich der Fokus rundum die WM auf die Menschenrechtsverletzungen. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine steht Katar aber auch als Gasexporteur im Blickpunkt. Der Islamwissenschaftler Sebastian Sons regt in seinem neuen Buch an, dass über eine Energie-Partnerschaft hinaus auch andere Formen der Zusammenarbeit möglich wären. Weniger in der Rüstungsindustrie, sondern bei erneuerbaren Energien, im Abfallmanagement oder auch: im Breitensport. „Das deutsche Vereins- und Verbandswesen wird in Katar sehr geschätzt“, sagt Sons.

Doch der Forscher verweist auch auf die politische Bedeutung. An den nationalen Sporttagen präsentiert sich der Emir gern als aktiv, gesundheitsbewusst und gesellig. Ein Bild, das die Identifikation der Einheimischen mit ihrem Staat stärken soll und letztlich dem obersten Ziel untersteht: dem Machterhalt der Herrscherfamilie.

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