Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Indiskutable 82,52 Meter

Johannes Vetter: Mit Anlauf in die Mauer

  • VonMichael Wilkening
    schließen

Warum Johannes Vetter, der Topfavorit im Speerwurf, mit dem Belag im Olympiastadion nicht klarkommt und weit unter seinen Möglichkeiten bleibt.

Tokio - Johannes Vetter fand ein Bild, um sein Dilemma zu beschreiben. „Ich vergleiche das immer mit Aquaplaning“, sagte der 27-Jährige: „Versucht da mal zu bremsen, wenn ihr auf die Mauer zurast.“ Das Ergebnis lieferte der Speerwerfer gleich mit: „Ihr knallt dagegen.“ Die Journalisten sollten mit dem Auto-Vergleich ein Gefühl dafür bekommen, wie er sich zuvor gefühlt hatte. Im übertragenen Sinne knallte Vetter im Olympiastadion heftig in die Mauer, und es wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen, ob sich der aus Dresden stammende Topstar der deutschen Leichtathletik dabei mehr zugezogen hat als einen Blechschaden.

Vetter selbst und die deutsche Öffentlichkeit hatten eine klare Erwartungshaltung. Der Seriensieger sollte, musste und wollte die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Tokio gewinnen. Die Fallhöhe war immens, der Aufprall deshalb krachend. Die vorherigen 19 Wettkämpfe hatte Vetter allesamt gewonnen, zum Teil lag er dabei meterweit vor der Konkurrenz, so dass er einer der größten Favoriten bei den Leichtathletik-Wettbewerben überhaupt war.

Am Boden: Johannes Vetter scheidet früh aus.

Johannes Vetters Siegesserie endet ausgerechnet bei den Olympischen Spielen

Der Modellathlet, der in Offenburg mit Boris Obergföll trainiert, hatte den Speer in der laufenden Saison reihenweise 90 Meter und weiter geworfen, seine Jahres-Bestleistung hatte er im Mai auf 96,29 gesteigert, ein Jahr zuvor sogar 97,76 Meter geschafft. Der Weltrekord des legendären Tschechen Jan Zelezny (98,48) aus dem Jahr 1996 war in Reichweite gekommen. Kein Speerwerfer auf der Welt hat das Potenzial, das Sportgerät so weit zu schleudern wie der Deutsche. Im Olympiastadion in Tokio hat ihm das nicht geholfen, seine Fähigkeiten bremsten ihn sogar aus.

„Es ist zum Kotzen“, sagte Vetter nach der schmerzhaftesten „Ehrenrunde“ seiner Karriere. Der Favorit musste einen großen Teil der 400-Meter-Bahn umrunden, um zu seinem Ausgang aus der Arena zu gelangen. Unerwartet früh musste er den Innenraum des Stadions verlassen, nachdem er die finalen drei Würfe des Feldes nicht mehr mitmachen dürfte. Der olympische Wettkampf war nach drei Durchgängen beendet. Ein Wurf auf 82,52 Meter und zwei ungültige Versuche reichten nur zum neunten Rang, die Siegesserie endete ausgerechnet bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Johannes Vetter kommt mit neuem Belag in Tokio nicht zurecht

Olympiasieger wurde der Inder Neeraj Chopra mit 87,58 Metern. Die Tschechen Jakub Vadlejch (86,67) und Vitezslav Vesely (85,44) gewannen Silber und Bronze. „Die sind alle in ihren Weiten limitiert“, sagte Vetter. Das sollte keine Herabwürdigung der Gewinner sein, sondern als Erklärung für sein Scheitern dienen. „Sie haben eine andere Technik, kommen nicht so sehr über den Fuß“, erklärte der Geschlagene. Die ganz großen Weiten sind hingegen nur möglich, so Vetter, wenn mit maximalem Krafteinsatz über „die Ferse gestemmt“ wird, wenn also die Energie durch einen energischen Stemmschritt durch den Körper und über den Arm auf den Speer übertragen wird. Der in Tokio neu verlegte Belag des italienischen Herstellers „Mondo“ erschwert diesen komplexen technischen Ablauf. Aus Sicht von Vetter ist es gar noch dramatischer: „Für einen Werfer wie mich ist das tödlich.“

Der neu entwickelte Belag ist weicher als vorherige Modelle, was den Läufern auf der Bahn einen Vorteil bringt, ein minimaler Katapulteffekt sorgt für schnelle Zeiten. Für die besten Speerwerfer war es hinderlich, weil ihnen Halt fehlte, sie ins Rutschen kamen. Vetter passierte das im Endkampf beim zweiten Versuch, als er mit dem linken Fuß sichtbar rutschte und sich danach den Knöchel kühlen musste. Im dritten, seinen letzten Wurf, war er sichtlich gehandicapt, der Kopf sendete unbewusst Signale an den Körper. Dadurch blockierte die Technik – und wenige Minuten später war das olympische Finale für Vetter vorbei.

Johannes Vatter: „Man fühlt sich irgendwann machtlos“

Der Veranstalter hatte probiert, die Anlaufspur der Speerwerfer durch den Einsatz von Eiswürfeln vor dem Wettkampf etwas Kühlung zu verschaffen. Durch niedrigere Temperaturen sollte der Untergrund etwas härter sein – aber für Vetter reichten die Unternehmungen nicht. „Die Jungs hier haben alles versucht“, sagte der Deutsche. Er klang nicht vorwurfsvoll, eher enttäuscht. „Es ist scheiße, man fühlt sich irgendwann machtlos“, sagte Vetter. Nicht nur er hatte mit den Bedingungen zu kämpfen. Keshorn Walcott, Olympiasieger 2012 und Bronzemedaillen-Gewinner 2016, war bereits in der Qualifikation hängengeblieben, der Pole Marcin Krukowski, Zweiter der Jahresbestenliste, ebenfalls. Es war ein kein Trost für Vetter, aber der Belag im Olympiastadion in Tokio hatte auch Mitfavoriten besiegt.

„Wenigstens sind es nur drei Jahre bis zu den nächsten Olympischen Spielen“, sagte Vetter zum Abschluss mit einer Mischung aus Trotz und Galgenhumor. Informationen über die Beschaffenheit des Belags im Olympiastadion von Paris hat der Speerwerfer allerdings noch nicht. (Michael Wilkening)

Rubriklistenbild: © dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare