Tadej Pogacar aus Slowenien
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Tadej Pogacar aus Slowenien.

Kommentar

Misstraue dem Superlativ

  • Jörg Hanau
    vonJörg Hanau
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Tadej Pogacar ist ein Ausnahmetalent auf zwei Rädern und hat die Tour de France am Samstag beim Zeitfahren aus den Angeln gehoben - doch Zweifel begleiten den jungen Slowenen. Ein Kommentar.

Es ist mal wieder so weit. Die Stunde des Superlativs. Die ob der Corona-Pandemie unter besonderer Beobachtung stehende Tour de France gebar am Wochenende einen neuen Superstar: Tadej Pogacar heißt der junge Mann. Seit dem heutigen Montag 22 Jahre jung, ein Ausnahmetalent auf zwei Rädern - zweifellos. Einer, der die Tour de France am Samstag beim Zeitfahren hinauf auf La Planche des Belles Filles aus den Angeln gehoben hat - auch unstrittig. Einer, der die schwerste Radrundfahrt auch in den kommenden Jahren dominieren werde, das zumindest behaupten viele Experten - kann sein, muss aber nicht. Denn das haben dieselben Leute auch schon im vergangenen Jahr über den Kolumbianer Egan Bernal gesagt, als er mit gerade einmal 22 Jahren die Tour durch Frankreich gewann. Eine neue Ära sei angebrochen, hieß es. Wer solle diesen Mann in den kommenden Jahren schlagen? Die Frage ist längst beantwortet. Der Südamerikaner ist nach seinem Einbruch in den Alpen ausgestiegen. Der König ist tot, es lebe der König. Was also interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Hüten wir uns also vor den Superlativen. Sie vernebeln die Sicht auf die Realitäten. Nicht nur, aber eben auch im Sport, der voll ist mit Übertreibungen und Lobhudeleien.

Wer den Superlativ nutzt, verhindert das Denken und fragt nicht nach, wo eigentlich genau hingeschaut werden muss. Tadej Pogacar brach in den zurückliegenden Wochen reihenweise die Kletterrekorde an den wuchtigen Rampen der Tour. „Das war eine der besten Leistungen, die wir jemals im Radsport gesehen haben. Eine unglaubliche Leistung“, schrieb ausgerechnet Jahrhundertdoper Lance Armstrong bei Twitter. Die Art und Weise, wie Pogacar seinen slowenischen Landsmann Primoz Roglic am Samstag auf den letzten scharfen 36 Kilometern aus dem Gelben Trikot zerrte, lässt zumindest Zweifel zu, ob da alles mit rechten Dingen zugegangen ist. „Er hat Roglic völlig zerstört. Eine unglaublich starke Leistung. Hoffen wir, dass wir uns auch noch in fünf Jahren darüber freuen dürfen“, unkte selbst TV-Experte und Ex-Radprofi Jens Voigt am Eurosport-Mikrofon.

Damit das klar ist: Tadej Pogacar ist in Sachen Doping ein unbeschriebenes Blatt. Dass seine Leistungen fortan kritisch beäugt werden, ist aber so sicher wie der nächste Corona-Test in der Radsport-Blase.

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