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„Mihambo ist das Aushängeschild“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Der Lichtblick: Weitspringerin Malaika Mihambo holte bei der WM die einzige Goldmedaille für die deutsche Leichtathletik.
Der Lichtblick: Weitspringerin Malaika Mihambo holte bei der WM die einzige Goldmedaille für die deutsche Leichtathletik. © IMAGO/Chai v.d. Laage

Der ehemalige Zehnkämpfer Frank Busemann über das enttäuschende Abschneiden der deutschen Leichtathletik bei der WM, die deutsche Sportförderung und die EM in München

Herr Busemann, mit etwas Abstand – Ihre Eindrücke von der Leichtathletik-WM?

Wir als deutsche Mannschaft können uns nur verbessern. Es ist ja schon lang und breit besprochen worden, dass das einfach zu wenig war. Für die Seychellen wäre das ein ordentliches Ergebnis gewesen, der Anspruch einer reichen Industrienation sollte das nicht sein (lacht). Es wurde jetzt immer gesagt, dass eigentlich die EM in München der Höhepunkt ist. Dann muss in München der Knoten aber auch platzen. Das Abschneiden bei der WM war abzusehen, aber trotzdem ernüchternd. Man fragt sich, warum es Nationen wie die Niederlande oder die Schweiz besser hinbekommen.

Man hat das Gefühl, die Leichtathletik wird in der Breite immer besser. Und Deutschland kommt nicht hinterher.

Ich schaue gerade die U20-WM in Cali. Das ist der Wahnsinn, was da abgeht. Da laufen Jugendliche die 100 Meter unter zehn Sekunden, die 200 Meter unter zwanzig Sekunden. Und wir eiern bei zwanzig und halb rum. Die Leichtathletik wird immer globaler. Der neue Sprintstar kommt aus Botswana, der 200-Meter-Weltmeister aus Israel. Wir haben uns immer noch mit den technisch hoch anspruchsvollen Wurfdisziplinen gerettet. Das hat bei der WM dann aber auch nicht mehr geklappt.

Brennpunkt Sportförderung in Deutschland. Athleten berichten, dass der Urlaub wegfallen muss, da Trainingslager oft selbst bezahlt werden müssen.

Was? Die wollen in den Urlaub fahren? Ich war in meinem Leben als Sportler nicht einmal im Urlaub (lacht). Ich wollte mit meiner Freundin mal Urlaub machen. Vorher waren wir bei der EM in Budapest, ich war für die ARD im Einsatz, und habe fünf Tage kein Sport gemacht. Da hat meine Freundin mir in die Augen geblickt und gesagt: Du gehst mir so auf den Sack, wenn du nichts machst. Wir fahren nach Lanzarote in den Club La Sante. Da kannst du trainieren und ich lege mich in die Sonne.

Muss das Fördergeld sinnvoller eingesetzt werden?

Es gibt Disziplinen, bei denen haben wir seit Jahren gravierende Probleme. Da ist die Frage, setzen wir die Mittel weiter dafür ein, da vorwärtszukommen, oder sagen wir, bei den Speerwerfern ist die Kohle besser aufgehoben? Müssen wir Stärken stärken oder Schwächen erträglich halten? Wollen wir im Gesamten Mittelmaß bleiben oder Spitzen herausragen lassen? Man muss sich Gedanken machen. Aber von heute auf morgen wird man da ohnehin nichts ändern können.

Wie lief die Förderung während Ihrer Karriere ab?

Meine Familie war komplett sportverrückt, wir haben dem Sport alles untergeordnet. Wenn ich als Jugendlicher Stabhochsprungstäbe brauchte, die der Verein nicht kaufen wollte oder konnte, hat mein Vater die gekauft. Dann sind wir eben nicht in den Urlaub gefahren, dafür hatte ich aber Stabhochsprungstäbe (lacht). Als Jugendlicher habe ich dann irgendwann ein paar hundert Euro vom Verein bekomme und mich gefragt, warum ich plötzlich was dafür bekomme, dass ich Sport mache. Mit 21 ging es mir finanziell dann schon ziemlich gut. So gut, dass ich nichts mehr von der Sporthilfe bekommen habe (lacht).

Zur Person

Frank Busemann , 47, ist ein Gesicht der deutschen Leichtathletik, auch lange nach seinem Karriereende. Nach der WM in Eugene ist der ehemalige Zehnkämpfer, Silbermedaillengewinner bei Olympia 1996, bei der Leichtathletik-EM in München wieder als ARD-Experte im Einsatz.

Der Lichtblick der deutschen Leichtathletik heißt nun schon seit Jahren Malaika Mihambo.

Glücklicherweise kann sie mit dem Druck umgehen und ihn in Leistung umwandeln. Sie ist ein außergewöhnliches Talent, in Körper und Geist. Sie macht das mit dem Ulli Knapp seit Jahren auf einem hohen Level. Das zeigt mir immer wieder: Es geht doch. Malaika Mihambo ist das Aushängeschild, sie ist die deutsche Leichtathletik. Wäre super, wenn das mal auf ein paar mehr Schultern verteilt wird.

Einer, der sich dafür anbietet, ist Niklas Kaul. Bei der WM in Eugene wurde er 6.

Ich habe eben noch gesehen, dass es das drittbeste Ergebnis seiner Karriere war. Das vergisst man immer schnell, aber als Weltmeister hängen die Früchte natürlich hoch. Ein sechster Platz ist da solide, aber man hofft natürlich immer auf mehr. Der internationale Zehnkampf hat aber gerade ein Niveau, das ist nicht ohne. Da muss auch bei einem Niklas Kaul alles zusammenpassen und er darf keine Schwächen haben. Für ihn war der Wettkampf bestimmt super, weil er gemerkt hat, dass der Körper wieder hält und er da durchkommt. Niklas ist über die Jahre als Zehnkämpfer schon sehr gereift. Er weiß genau, wie der Hase läuft, wann er einen Wettbewerb früher beendet, wie er seine Kräfte einteilt. Das haben andere mit 30 nicht.

Die Highlights WM und EM relativ knapp hintereinander, kann man als Sportler da bei beiden Wettbewerben zu 100 Prozent da sein?

Ich sage: Ja! Vielleicht bin ich da zu naiv. Aber, wenn man für den Sport lebt, für den Sport brennt und an einer WM teilnehmen darf, ist das ein Höhepunkt. Und dann bekommt man noch die Heim-EM auf dem Silbertablett serviert. Das fällt ja nicht aus heiterem Himmel, da konnten sich alle drauf einstellen. Und außerdem: Wer in München abliefern will, der muss in Eugene auch schon ein entsprechendes Niveau vorweisen. Sonst wird das in München auch nichts.

Wie sehr freuen Sie sich auf die Übertragungen aus dem Olympiastadion?

2002 habe ich vor der EM in München kurzfristig darüber nachgedacht, vom Zehnkampf in den Weitsprung zu wechseln. Weil ich die Heim-EM erleben wollte. Das habe ich aber schnell verworfen, weil ich die letzte Kraftanstrengung, über 1500 m ins Ziel kriechen und dann da liegen, einfach brauchte (lacht). München, dieses Stadion, diese Geschichte, das ist schon groß. Mit der Ankündigung, das Ziel ist die Heim-EM, muss man natürlich auch liefern.

Und zum Abschluss, das große Busemann-Orakel. Wie viele deutsche Medaillen gibt es bei der EM?

Ich habe mal wohlwollend überall ein Haken gemacht, wo es was geben könnte. Ich komme auf 14 Medaillen. Der DLV wird sich dazu nicht äußern, die einzig verlässliche Quelle ist der Busemann. Aber der spinnt manchmal ein bisschen (lacht).

Interview: Nico-Marius Schmitz

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