Einsamer Jubel: Die Spieler von Bayern München feiern ihren Sieg und die Meisterschaft im Weserstadion.
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Einsamer Jubel: Die Spieler von Bayern München feiern ihren Sieg und die Meisterschaft im Weserstadion.

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Meisterfeier auf Sparflamme

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Die sterile Atmosphäre beim 30. Titelgewinn nach dem 1:0 in Bremen behagt nicht mal den siegesgewohnten Protagonisten vom Abonnementssieger.

Eine kleine Menschenansammlung harrte zur Geisterstunde noch vor dem Ausgang der Ostkurve des Bremer Weserstadions aus. Das gute Dutzend im Dämmerlicht trug Utensilien des FC Bayern, als Thomas Müller, Leon Goretzka und Manuel Neuer beim Einstieg in den hinteren Mannschaftsbus grinsend zuwinkten. Mit gebührendem Abstand versteht sich. Dann schlossen die Türen, und exakt um 23.52 Uhr eskortierte die Polizei zwei mit dem „Mia-san-Mia“-Motto bedruckten Busse des immer gleichen deutschen Fußballmeisters auf den Osterdeich. Fahrtziel Atlantic Hotel am Fuße des Bremer Marktplatzes, wo die Stars vor dem Rückflug noch eine Nacht verbrachten.

Zwei Bayern-Fans fanden die Szenerie ein bisschen leblos für eine solche Meisterschaft, immerhin Nummer 30 in der langen Geschichte, die achte in Folge: Sie begaben sich 100 Meter weiter zur Treppe an den Deich und zündeten ein Bengalo an. Kaum stieg roter Rauch empor, brausten Mannschaftswagen der Polizei heran, um die Personalien derjenigen festzuhalten, die einen Anflug von Überschwang gewagt hatten. Damit war der sterile Überzug allerorten gewahrt.

Die „Freude pur“, von der Trainer Hansi Flick zuvor in einer Videopressekonferenz drinnen berichtet hatte, war draußen eingefangen. Da half es auch nicht, dass der virenfreie Siegertrupp nach dem mühsamen 1:0-Arbeitssieg beim tapferen SV Werder durch den 31. Saisontreffer seines Torgaranten Robert Lewandowski (43.) bald Gesänge aus der Kabine über die Sozialen Netzwerke verbreitete. Der virtuellen Welt wurde mit dem „Campeones“-Gegröle vorgegaukelt, man habe sich richtig freut. Doch dem war nicht so, wie Lewandowski zugab: „Wir sind Meister, aber ohne Fans zu feiern, ist kompliziert.“

Und Flick räumte offen ein: „Hoffentlich bleibt das die einzige Saison, die so gespielt wird. Die Atmosphäre, das Adrenalin durch die Stimmung fehlt. Man hat sich irgendwie dran gewöhnt, aber es nicht das, was unter Fußball verstehen.“ Fällt die Meisterparty so ernüchternd wie im Geisterspielbetrieb aus, kommt sich ein Münchner vor, als würde ihm mitten auf dem Oktoberfest die Lederhose ausgezogen. Schon der Abgang aus dem verwaisten Wohnzimmer des einstigen Erzrivalen hatte so unterkühlt ausgesehen, dass auch Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge nicht in Frohsinn verfiel. Es sei eine „komische Meisterschaft“, mitten in einem leeren Stadion. Dass die Mannschaft sich die T-Shirts mit der Zahl „Acht“ überstreifte und eine La Ola für die Vorstandschaft veranstaltete, musste reichen. Man werde am Samstag „eine kleine Meisterfeier machen im Stadion im ganz kleinen Kreis, leider auch ohne Frauen, weil das medizinische Konzept der DFL das nicht so erlaubt“, verriet Rummenigge, der auf dem Rückweg die Steintreppe rauf über die Südtribüne beinahe stolperte. Aber das ging genauso gut wie der Sparmodus seiner Stars an der Weser.

Das Wichtigste sei, dass die Saison regulär zu Ende geht. Selbst wenn es noch einen Abbruch gäbe, auf was gar nichts hindeutet, stünde das bekannte Ergebnis fest. Bayern ist wieder oben, obwohl nach zehn Spieltagen (und einem 1:5 bei Eintracht Frankfurt) vier Punkte, später sogar sieben Zähler Rückstand auf die Spitze auf eine Schwächeperiode deuteten. Da war Flick allerdings bereits mittendrin, den von Niko Kovac zersprengten Haufen wieder zu vereinen, so dass die Konkurrenz bald erneut nur hinterherhechelte. Rummenigge urteilte hart, aber fair über die Veränderung im Bayern-Universum: „Dann hat Hansi die Mannschaft übernommen, und seitdem spielen wir wirklich attraktiven und erfolgreichen Fußball.“

Flick sagte, er sei „Niko sehr dankbar, dass er auf die Idee gekommen ist, mich nach München zu holen. Dass es so kommt, hatte niemand gedacht.“ Bereitwillig erzählte der Weltmeister-Assistent von Joachim Löw davon, wie er die ersten Meistermeriten in der Cheftrainerrolle zu begehen gedenke. Der ewige Hermann Gerland habe ihn genötigt, einen Whisky zu genießen. „Deswegen werde ich mit ihm eine Bourbon-Cola-Light trinken.“ Ist ja auch mal was anderes als diese immer gleichen Weißbierduschen, die bei der skurrilen Stille nach Schlusspfiff – beinahe hätte man sogar Flicks Ansprache an die Mannschaft verstanden – am wenigsten fehlten.

Die Bayern haben jetzt entspannte Aufgaben vor sich: gegen Freiburg und bei der Schalen-Übergabe in Wolfsburg, die sich um die Europa-League-Plätze rangeln, könnte es darum gehen, an die 101 Treffer aus dem Rekordjahr 1972 zu kommen, aber Flick interessiert die Torjagd weniger als die Trophäenjagd. Es sei doch bloß der erste Schritt gemacht: „Unser Ziel ist der Pokal.“ Am 4. Juli geht es gegen Bayer Leverkusen ums Double, vermutlich auch ohne Publikum im Berliner Olympiastadion.

Und dann kommt, nach kurzem Urlaub, im August noch der Wettbewerb, an dem die globale Marke FC Bayern wirklich gemessen wird: die Champions League. „Da müssen wir auf den Punkt topfit sein“, forderte der Trainer und sagte vorsorglich: „Die Champions League kann man nicht planen, es wird immer nur ein Spiel sein.“ Sollten seine Bayern, die offenbar das 18-jährige Talent Tanguy Kouassi von Paris St. Germain fest an der Angel haben. dort knappe Erfolge wie in Bremen einfahren, dürfte der Spaßfaktor im Anschluss ungleich größer ausfallen. Die Menschenansammlung vor dem Mannschaftsbus bestimmt auch.

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