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Schwarzer Pullover als gutes Omen: Kasper Hjulmand mit seinem Glücksbringer fürs dänische Nationalteam. afp
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Schwarzer Pullover als gutes Omen: Kasper Hjulmand mit seinem Glücksbringer fürs dänische Nationalteam. afp

Em-Tunier

Mehr als nur ein Pullover

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Wie der dänische Nationaltrainer Kasper Hjulmand aus persönlichen Schicksalsschlägen Kraft geschöpft hat, seine Mannschaft zu einen.

Fußballer und ihr Aberglaube – eine abendfüllende Thematik. Als Kasper Hjulmand sich vor einen Laptop am Trainingscamp in Helsingør setzte, um via Zoom-Konferenz über das EM-Halbfinale zwischen England und Dänemark (Mittwoch 21 Uhr/ZDF) zu sprechen, war sehr bald die Rede von seinem schwarzen Pullover. Das gute Stück, mit Reißverschluss am Hals, trug der dänische Nationaltrainer nicht nur beim letzten Gruppenspiel in Kopenhagen gegen Russland (4:1) und beim Achtelfinale in Amsterdam gegen Wales (4:0), sondern auch zur zweiten Halbzeit beim Viertelfinale in Baku gegen Tschechien (2:1), nachdem er eingedenk der Backofentemperaturen im Kaukasus die erste Hälfte im weißen Poloshirt gecoacht hatte. Der Impuls für den schwarzen Überzug zur Pause kam von den Spielern, erzählte Hjulmand, „sie sagten mir, ich soll den Pullover wieder anziehen, dann würden sie mich besser erkennen.“

Oder spielte doch das gute Omen eine Rolle? Eingeweiht wurde das dunkle Ding ja im Herbst vergangenen Jahres in der Nations League gegen England. Beim 1:0-Sieg in Wembley. Elfmetertor durch, es muss wohl so sein, Christian Eriksen. Weshalb Hjulmand schnell nachschob, es glaube nicht an baumwollene Glücksbringer. Und überhaupt: „Ich bin nicht abergläubisch. Allein ein schnödes Kleidungsutensil wäre nach dem Beinahe-Herztod seines Mittelfeldstars Eriksen am zweiten EM-Tag – und einer zu diesem Zeitpunkt völlig nebensächlichen Niederlage gegen Finnland (0:1) – zu wenig gewesen, um jetzt so weit zu kommen.

Vor dem Auftritt in der englischen Fußball-Kathedrale kommen alle Erinnerungen noch einmal hoch, wie schon 1992 bei den aus den Urlaub geholten Skandinaviern würde der Endspieleinzug von besonderen Begleitumständen überwölbt. „Die Emotionen der letzten vier Wochen reichen für ein ganzes Leben. Wir haben dem Tod in die Augen gesehen, wie ich es nie mehr erleben möchte. Wir haben fast unseren besten Freund, unseren besten Spieler, das Herz unserer Mannschaft verloren“, sagte Hjulmand. „Wenn ich in 15 oder 20 Jahren zurückblicke, werde ich sagen: Es war verrückt.“

Onkel starb auf dem Platz

Nur weil der 49-Jährige selbst den Umgang mit Schicksalsschlägen lernen musste, konnte er versuchen, seinen Spielern halbwegs glaubhaft die Last zu nehmen. „Ich habe meinen Onkel durch eine Herzattacke auf dem Fußballplatz verloren“, verriet er jetzt. Das ist die eine länger zurückliegende Tragödie. Die andere ereignete sich 2009, als der Nationalcoach unter seinem heutigen Co-Trainer Morten Wieghorst beim FC Nordsjælland arbeitete – und Jonathan Richter vom Blitz getroffen wurde. Der Spieler überlebte zwar, verlor aber seinen linken Unterschenkel.

„Morten ist ganz wichtig für mich“, erklärte Hjulmand und erwähnte auch die Nervenerkrankung seines wichtigsten Helfers. Nur diese Erfahrungen hätten ermöglicht, bei sich selbst in diesem Turnier „nichts zu verstecken, ich bin einfach ich selbst.“ Offenbar schüttet der Menschenfänger gerade ein Füllhorn an Empathie über seinem Ensemble aus. Dass Hjulmand seine Familie, Frau und drei Kinder, über den Fußball stellt („das ist viel größer“), macht seine Ausführungen glaubhaft, hilft ihm, die Bandbreite der Gefühle zu kanalisieren – und gibt ihm die Kraft, als sicherer emotionaler Anker für seine Akteure zu fungieren.

Ferner halfen vier Psychologen, um die Blockaden zu lösen – ein Hüne wie Jannik Vestergaard vom FC Southampton, der acht Jahre in der Bundesliga verteidigte, fühlte sich auf einmal an die Freude am Fußball erinnert, die er zuletzt in der Kindheit spürte, als er ohne jeden Druck einfach drauflos kicken konnte. „Ich glaube, ich habe nie so Emotionales erlebte“, beteuerte der bei Eriksens Ex-Klub Tottenham Hotspur spielende Pierre-Emile Højbjerg nach der zweiten EM-Partie gegen Belgien (1:2), die bereits den Neustart markierte. Der beim FC Chelsea angestellte Andreas Christensen spricht jetzt von „einer Mission“.

Außerhalb des Vereinigten Königreiches werden viele zu einem Außenseiter halten, der die Herzen berührt und Unmengen an Respekt eingesammelt hat. Wenn das kleine Dänemark nun gegen das große England antritt, „dann spielen wir für das, wofür wir stehen, für unsere Identität und das ganze Land“, versprach Hjulmand, der nur bei einem Thema total blockte: Welchen Part der beim Strandspaziergang in Tisvilde von einem Jungen fotografierte Eriksen nach seiner Herzoperation ausüben soll. An dem Punkt einer Einbindung des 29-Jährigen endete die dänische Auskunftsfreude fast schon abrupt. Als gebe es einen geheimen Ablaufplan, bei dem nicht nur schwarze Pullover helfen sollen.

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