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Marathon-Boss Schindler: „Wir haben den Etat mehr als halbiert“

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Von: Frank Hellmann

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Tempohatz vor der Skyline: Der Frankfurt Marathon findet nach drei Jahren wieder statt.
Tempohatz vor der Skyline: Der Frankfurt Marathon findet nach drei Jahren wieder statt. © Jan Huebner/Imago (Archivbild)

Marathon-Veranstalter Jo Schindler über den Kostendruck in Krisenzeiten, das abgespeckte Elitefeld in Frankfurt, die Förderung der deutschen Laufszene und den Kampf gegen Doping.

Herr Schindler, Sie organisieren seit 20 Jahren den ältesten Stadtmarathon Deutschlands. Wie erleichtert sind Sie, dass nach zwei pandemiebedingten Absagen nun wieder in Frankfurt gelaufen werden kann?

Das ist für uns existenziell. Es geht ja nicht nur um den wirtschaftlichen Faktor, sondern auch darum, das eigene Team motiviert zu halten, wenn man über mehrere Jahre nur für den Papierkorb arbeitet. Das war schon schwer.

Wie bedrohlich war die Lage?

Es war nie so bedrohlich, dass ich Angst um den Fortbestand des Frankfurt Marathons und damit meiner Agentur hatte. Wir haben eine wahnsinnig hohe Solidarität von den Läufern erfahren, die uns die Startgelder gestundet haben, indem sie die Gutscheine angenommen haben. Das hat uns die nötige Liquidität verschafft – und das 2020 und 2021. Und wir haben wie jedes Unternehmen in der Veranstaltungsbranche Überbrückungsbeihilfen bekommen, meine Mitarbeiter sind in Kurzarbeit gegangen. Dazu haben uns Sponsoren, Stadt und Land geholfen.

Haben Sie einen Kredit genommen?

Ja, wir haben für die weitere Zahlungsfähigkeit bei der KfW-Bank einen Kredit über 400 000 Euro aufgenommen, den wir die nächsten Jahre zurückzahlen müssen. Deshalb muss wieder gelaufen werden. Wenn der Marathon noch mal ausfallen würde, würden ja irgendwann auch die Läufer sagen, dass sie ihr Geld zurück möchten. Aber für diese zwei Jahre war ich mir sicher, dass wir das packen.

Wie hoch ist aktuell der Kostendruck?

Wir haben deutlich höhere Kosten in vielen Bereichen. Etwa bei der Security, weil sich der gestiegene Mindestlohn hier ganz massiv auswirkt. Wir können beispielsweise die Marathonstrecke nicht durch ehrenamtliche Helfer absperren, sondern dazu braucht es Sicherheitspersonal. Zudem werden die Auflagen von der Polizei für die Sicherheitsmaßnahmen jedes Jahr umfangreicher. In einigen Gewerken haben sich die Kosten verdoppelt, weil manchen Dienstleistern auch schlicht das Personal fehlt.

Und die gestiegenen Energiepreise machen sich auch bemerkbar?

Das weiß ich erst nach dem Marathon, was dann auf der Abrechnung steht.

Was bedeutet das in der Summe fürs Budget?

Wir haben aus den geschilderten Gründen deutlich abgespeckt, wobei ich eines klarstellen möchte: Am Service für die Läufer haben wir nicht gespart. Doch wirkt es sich beispielsweise auf den Spitzensport aus: Diesen Etat haben wir von einst über 400 000 Euro mehr als halbiert. Wir haben richtig schnelle Leute am Start, aber nur noch zwei, drei und nicht mehr sechs oder acht.

Letztlich wird ein Marathon-Start in Frankfurt bald teurer?

Ganz sicher müssen wir für das nächste Jahr die Startgebühr erhöhen, weil es nicht anders geht. Wir werden bei 95 Euro liegen, was sich zunächst nach viel Geld anhört, um vier Stunden durch die Stadt zu laufen (lacht). Aber wenn ich mir Preise für Konzerte oder andere Events anschaue, sind wir nicht teuer. Wir sperren an einem Tag die komplette Stadt, organisieren perfekte Bedingungen, machen ein riesiges Unterhaltungsprogramm entlang der Strecke und inszenieren den wahrscheinlich weltweit schönsten Zieleinlauf eines Marathons in die Frankfurter Festhalle. Das alles kostet enorme Summen. Dauerhaft rote Zahlen kann sich kein Veranstalter leisten.

Könnte es einen Kipppunkt geben, an dem Sie sagen, dass Sie nicht mehr weitermachen?

Nein, dafür kämpfe ich ja, weil ich überzeugt bin, dass es eine große Agentur schlechter macht. Die saßen ja alle schon bei mir im Büro und haben mit Geldscheinen gewedelt. Vor vier, fünf Jahren waren renommierte Agenturen sehr aktiv, sich auch im Laufsport einzukaufen. Aber letztlich war für mich nicht die spannende Frage, was das finanziell bringt, sondern was das in sechs, sieben Jahren für das Rennen bedeutet. Keiner konnte eine Perspektive aufzeigen, die wir nicht selbst umsetzen könnten.

Die Corona-Zahlen gehen wieder nach oben. Wird sich kurzfristig am Konzept noch etwas ändern?

Nein. Es ist von den Behörden nach meinem Wissen nicht beabsichtigt, daran noch etwas zu ändern.

Marathon-Veranstalter Jo Schindler.
Marathon-Veranstalter Jo Schindler. © imago images/Jan Huebner

Hat die Attraktivität des Laufens durch die Pandemie gelitten?

Im Gegenteil. Es haben mehr Menschen mit dem Laufen begonnen denn je. Die Laufschuhhersteller haben über alle Marken hinweg so gut verdient wie nie zuvor. Die haben eher unter den geschlossenen Fabriken in Asien gelitten. Alle Organisatoren vernehmen nur eine größere Zurückhaltung, tatsächlich wieder an einer Laufveranstaltung teilzunehmen. Neue Läufer müssen zudem noch herausfinden, dass solch ein Wettkampf das Salz in der Suppe ist. Wir werden zwar weniger Teilnehmer als früher haben – rund 12 000 Meldungen für den Marathon – aber damit behaupten wir unseren Platz als zweitgrößter Marathon hinter Berlin.

Die Pandemie hat speziell den deutschen Topläufern nicht geschadet, die reihenweise mit starken Leistungen aufgewartet haben. Höhepunkt war der Europameistertitel für Richard Ringer. Wie haben Sie das erlebt?

Ich war natürlich in München bei dem Marathon vor Ort. Ich kann es ja auflösen: Wir waren mit Richard in guten Gesprächen – und wir waren uns einig, bevor er Europameister wurde. Leider kam er aus diesem Lauf nicht ohne Blessuren raus und deshalb war kein Start bei uns möglich.

Und der EM-Vierte Amanal Petros wollte ohnehin nicht?

Die meisten Spitzenläufer sind in der Situation, dass sie sich im Frühjahr für die Olympischen Spiele 2024 in Paris qualifizieren wollen. Die meisten hatten keinen Marathon im Herbst eingeplant. Deshalb bin ich sehr froh, dass Hendrik Pfeiffer kurzfristig bei uns startet, nachdem er in New York nicht ins Elitefeld gekommen ist. Zudem bin ich gespannt auf das Marathon-Debüt von Filimon Abraham. Wenn er seine Halbmarathonzeit umsetzt, läuft er unter 2:10 Stunden. Damit haben wir zwei deutsche Spitzenleute am Start.

Ein Gesicht bei den Frauen ist Katharina Steinruck, die in Frankfurt wohnt.

Auch sie kam leider in München nicht schadlos durch, ist unterwegs in ein Loch getreten. Sie hatte früh signalisiert, dass sie nicht startet. Mit Laura Hottenrott und Thea Heim haben wir zwei deutsche Läuferinnen, die ihre Chance nutzen werden.

Wie ist generell das deutsche Marathon-Hoch bei Frauen und Männer zu erklären?

Das hat sich langsam, aber sicher so gut entwickelt. Einer nimmt den anderen mit – und plötzlich tut sich eine Welle auf. Ich sage mal ganz unbescheiden, dass der Frankfurt Marathon daran auch einen großen Anteil hat: Wir haben schon immer gesonderte Prämien für die deutsche Spitze ausgelobt, haben dann Arne Gabius die Plattform geboten, um den deutschen Uralt-Rekord zu brechen (2015 in 2:08:33 Stunden, Anm. d. Red). Richard Ringer war 2018 bis Kilometer 30 sein Tempomacher und hat dann gesagt: ‚Das war cool, ich orientiere mich auf die Straße‘.

Zur Person

Jo Schindler , 63, organisiert seit 2002 den Frankfurt Marathon. Beim gebürtigen Regensburger laufen als Renndirektor und Geschäftsführer der Sportagentur motion events alle Fäden für den ältesten deutschen Stadtmarathon zusammen. Nachdem die Veranstaltungen 2020 und 2021 abgesagt wurden, befand sich auch seine achtköpfige Crew zwischenzeitlich in Kurzarbeit. Der passionierte Läufer hat letztlich aber auch als Veranstalter einen langen Atem bewiesen. (hel)

Weltspitze ist Eliud Kipchoge, der fast mit Ansage vor einem Monat erneut einen Weltrekord in Berlin gelaufen ist. Sind Sie neidisch auf die veranstaltenden Kollegen in der Hauptstadt?

Ich sage: Manche Dinge machen wir eigentlich besser! (lacht) Im Ernst: Wir sind mit den Berliner Kollegen freundschaftlich verbunden, denn man arbeitet ja an denselben Themen. Die Voraussetzungen sind unterschiedlich. Berlin muss gar nicht viel tun und hat 40 000 am Start. Wir rackern uns ab, um 15 000 auf die Strecke zu bringen. Damit spielt Berlin auch finanziell in einer anderen Liga.

Unter 100 000 Euro Startgeld läuft Eliud Kipchoge sicher nicht.

Vorne steht keine Eins, sondern eine Zwei - wenn’s reicht.

Das Wunderland der Läufer gerät gerade schwer in Verruf, denn die Liste der kenianischen Dopingsünder wird immer länger. Es ist auch ein Athlet aus Kipchoges Trainingsgruppe betroffen. Wie bewerten Sie das?

Mir tut der Generalverdacht weh. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass es genügend Läufer aus Afrika gibt, die sauberen Sport machen. Für mich ist dieses Problem auch eine Auswirkung der Corona-Pandemie: Läufer, denen in zwei Jahren fast alles weggebrochen ist, greifen zu den letzten Mitteln. Es gibt in Kenia kein Sozialsystem wie bei uns, die fehlenden Wettkämpfe in Europa und Amerika haben dort Existenzen vernichtet.

Damit erklären Sie, warum manche Athleten und Athletinnen zu Dopingmitteln greifen, aber welche Konsequenzen ziehen Sie als Veranstalter?

Wir fahren meines Wissens den härtesten Antidopingkampf aller deutschen Rennen, aber auch international, indem wir für uns strengere Regeln aufgestellt haben. Wer einmal erwischt wurde, startet bei uns nicht mehr – da gibt es keine zweite Chance. Und wir schauen uns die Managements genau an: bei denen mehrere Dopingsünder auffallen, mit denen arbeiten wir nicht mehr zusammen. Dazu nehmen wir mehr Dopingproben als wir müssten. Zum einen beteiligen wir uns an einem Topf, um mehr Trainingskontrollen zu ermöglichen, zum anderen lagern wir als einziger Veranstalter die Dopingproben im Labor länger ein, um später auf Substanzen kontrollieren zu können, die heute noch nicht bekannt sind. Mehr kann man im Moment nicht machen. Aber noch mal: Es wäre ungerecht zu sagen, jeder der schnell rennt, muss gedopt sein.

Sind Ihnen die Siegerzeiten am Sonntag nicht mehr so wichtig?

Es sollte keine Zeit zum Davonlaufen sein (lacht). Natürlich würde ich mich freuen, wenn wir ungefähr wieder an Zeiten anknüpfen können, als Wilson Kipsang 2011 in Nähe des damaligen Weltrekordes (2:03:42, Anm. d. Red.) gelaufen ist. Eine solche Zeit würden mir ein Grinsen entlocken, aber das steht in diesem Jahr tatsächlich nicht im Fokus. Ich bin happy, wenn alle danach sagen, dass war für sie ein schöner Tag: Das betrifft die Spitzenathleten genau wie die Breitensportler.

Interview: Frank Hellmann

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