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Katja Kraus.

Bundesliga

Mann muss es nur wollen

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Katja Kraus, bis heute einziger weiblicher Bundesligavorstand, fordert den Fußball heraus.

Katja Kraus war gerade im Kino. Der Film heißt „Das Wunder von Taipeh“ und beschreibt, wie das Team der SSG 09 Bergisch Gladbach 1981 an der ersten Frauen-Fußballweltmeisterschaft in Taiwan teilnahm und gewann. Der Deutsche Fußball-Bund hatte Frauenfußball erst 1970 überhaupt erlaubt, elf Jahre später gab es noch immer keine Nationalmannschaft, also flog die beste Vereinsmannschaft nach Taipeh, auf eigene Kosten, versteht sich. Filmemacher John David Seidler hat die fast vergessene Geschichte für die Leinwand erzählt, „ein zauberhafter und zugleich verstörender Film“, findet Katja Kraus: „Die Kraft und die Leidenschaft dieser Frauen hat Wege geebnet, aber sie haben bis heute keine angemessene Würdigung erfahren.“

Kraus, ehemalige Torhüterin beim FSV Frankfurt und des Nationalteams, Ex-Pressesprecherin von Eintracht Frankfurt und bis 2011 acht Jahre lang im Vorstand des damaligen Erstligisten und ständigen Europapokalteilnehmers Hamburger SV für Kommunikation, Marketing und Vertrieb verantwortlich, hat sich schon oft gewundert über die Fußballbranche. Ungeschlagener Frauenfußball-Weltmeister 1981: SSG 09 Bergisch Gladbach als verkapptes „Team Germany“. Man müsste drüber lachen, wenn es nicht in Wahrheit so traurig wäre, wie rückständig der DFB seinerzeit war. Und auch heute noch immer ist?

Katja Kraus ist bislang die einzige Frau in fast sechs Jahrzehnten Fußball-Bundesliga geblieben, der eine operative Leitungsfunktion auf Vorstandsebene in einem Verein zugetraut wurde. Das Karussell drehte sich danach natürlich weiter, Männer fielen herunter und kletterten prompt wieder rauf, runter, rauf, runter, rauf. Bei Frauen bleibt bis heute, März 2020, eine Leerstelle. Kraus nennt das „absurd“.

Seit Juli 2013 ist sie geschäftsführende Gesellschafterin der Sportmarketingagentur Jung von Matt/Sports, wohnt mit Frau und drei Kindern in Hamburg, schreibt Bücher, hält Vorträge zu den Themen, die ihren Lebensweg prägten. So eine wäre mit ihrer idealtypischen Biografie geradezu prädestiniert gewesen, um im vergangenen Sommer vom DFB angesprochen worden zu sein, ob sie sich hätte vorstellen können, als erste Präsidentin des 120 Jahre alten Verbandes zu firmieren. Aber natürlich wurde Katja Kraus nicht gefragt.

Ob die gebürtige Offenbacherin bereit gewesen wäre, ist eine andere Frage, sie weiß aus ihrer gerade im vergleichenden Rückblick noch viel erfolgreicheren Erfahrung beim nach ihrer Amtszeit zum Zweitligisten verzwergten HSV, wie kräftezehrend, zeit- und nervenraubend so eine Aufgabe unter dem Brennglas der Öffentlichkeit ist. Sie hat sich für ein Leben mit größeren Freiräumen entschieden, aber sie sagt auch: „Eine Frau als DFB-Präsidentin hätte eine enorme Signalwirkung gehabt – nach außen, aber natürlich auch nach innen.“

Und eine Vorbildfunktion für Frauen, ein Zeichen, das Führungspositionen auch im Sport möglich sind, obwohl die Ausstrahlung der Branche so lange eine andere war. Letztlich wäre ihr „der Preis der maximalen Öffentlichkeit wohl zu hoch gewesen“. Das gehört auch zur Wahrheit.

Mit ihrer Frau, der ehemaligen Staatssekretärin im Bundesverteidigungsministerium, Katrin Suder, unterstützt sie Unternehmen, die es ernst meinen mit Veränderung und Diversity. Und sie begleiten Frauen in Führungspositionen dabei, aus ihrer Rolle heraus größtmögliche Wirkung zu entfalten. Es ist noch ein so weiter Weg zu wirklicher Gleichheit. In Hamburg, fällt ihr gerade ein, gab es bislang 200 Bürgermeister – alles Männer. Nur mal so nebenbei.

Mit der Studie „Frauenkarrieren in der Sportbranche“ und der Initiative „Equal Play“ ist die 49-Jährige mit ihrer Agentur unterwegs, um das Bewusstsein für die Erschwernisse für Frauen im erstaunlich renitenten Sport zu schaffen. Es geht auch ums Netzwerken und die Möglichkeit, sich gegenseitig Wege zu ebnen. „Frauen“, sagt sie, „feiern sich gegenseitig zu wenig. Es ist wichtig zu verstehen, dass wir erst dann die ganze Kraft entfalten, wenn wir viele sind.“ Der nächste Teil der Studie, gerade angelaufen, widmet sich der Wahrnehmung von Sportlerinnen in der Öffentlichkeit. „Nur vier Prozent der weltweiten TV-Berichterstattung beschäftigt sich mit Athletinnen.“

Zur Jahreswende hat Kraus der „FAZ“ ein Interview gegeben, in dem sie Sachen sagt wie: „Bisher sind die Personalauswahlprozesse so, dass Frauen dabei kaum vorgesehen sind, weil es das Bewusstsein für den Gewinn, der daraus entsteht, nicht gibt.“ Oder: „Die Unternehmenskultur ändert sich eindeutig mit Frauen in der Führung. Frauen verändern den Ton. Die Sprache wird weniger ruppig, weniger diskriminierend.“ Der Fußball aber habe eine „hermetische Ausstrahlung – das Bild ist, dass sich dieses Geschäft nur Männern erschließt, vor allem solchen, die mal eine Ecke am Betzenberg geschossen haben.“

Im Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes gibt es 19 Personen, darunter befindet sich genau eine einzige Frau. Sie heißt Hannelore Ratzeburg und kümmert sich um die Themen Gleichstellung, Frauen- und Mädchenfußball. Katja Kraus kommentierte die betrübliche Situation, auch mit Blick auf die Präsidentensuche, in dem Interview so: „Veränderung ist anstrengend, man muss Macht abgeben – und man kann nicht kontrollieren, was sich daraus entwickelt. Das schafft Ängste.“

Am erstaunlichsten findet sie, dass selbst die progressivsten Männer nicht daran glauben, dass eine Frau Sportchefin eines Bundesligaklubs sein könnte. Und das mit mangelnder Autorität von Frauen beim Führen einer Männergruppe begründen.

Sie findet es immerhin gut, dass der DFB die Klubs der Männer-Bundesliga auffordert, Frauenteams zu unterhalten, möglichst auf Spitzenniveau, so wie sich jetzt Eintracht Frankfurt anschickt, indem die Hessen die Bundesligamannschaft des 1. FFC Frankfurt aufnehmen und mutmaßlich mit einiger Hingabe fördern werden.

Ähnlich wie zur Jahrtausendwende die Bundesligisten vom DFB zu ihrem Glück gezwungen werden mussten, gegen teils heftigen Widerstand professionelle Nachwuchsleistungszentren aufzubauen, kann Katja Kraus sich das auch für den Frauenfußball vorstellen. „Wenn man nicht klare Ansprüche formuliert und Regeln setzt, passiert viel zu wenig.“ Wenn der DFB es tatsächlich ernst meine, Equality zu fördern, wäre das ein Baustein.

Noch ist sie da nicht überzeugt worden, aber das gilt für die gesamte Branche: „Die Kraft, die der Sport entwickeln könnte als Impulsgeber für die Gesellschaft, wird viel zu wenig genutzt.“ Tatsächlich hängt er sogar weit hinterher. Aber die Führungsgremien sind nach wie vor allesamt männlich besetzt. Die besondere Einordnungskompetenz und Risikoabwägung von Frauen in einem so volatilen Geschäft bleibe dabei ungenutzt.

Für sie selbst kam eine neuerliche Aufgabe im Profifußball auch deshalb nicht infrage, „weil ich die Dinge, die mir wichtig sind, so viel besser und unabhängiger vorantreiben kann“. Denn es müsse sich „dringend etwas verändern“, im Sport und erst recht im Fußball, sagt sie, „und glauben Sie mir: Es gibt genug großartige Frauen, die die Qualität haben, Spitzenpositionen in Vereinen und Verbänden zu besetzen.“

Aber die Bretter, die sie bohrt, sind ziemlich dick. Sie hat schon 2011 der „Zeit“ ein Interview gegeben, in dem unter der Überschrift „Fußball ist ein Testosterongeschäft“ viele Aspekte bereits angesprochen wurden. Seinerzeit und auch in den Jahren danach hatte Katja Kraus mitunter den Eindruck, dass sich kaum jemand an der Ignoranz stört, „das ist jetzt nicht mehr so“. Es gibt inzwischen viele engagierte Frauen und Männer, die dagegen aufbegehren, wenn ihnen bestimmte Bereiche strukturell verwehrt bleiben. Dort, wo Ungerechtigkeit „offenkundig“ sei, gäbe es deshalb keinen ersichtlichen Grund, „sie nicht unmittelbar zu verändern, man muss es nur wollen“.

Will heißen: Mann muss es nur wollen.

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