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Formel-1-Pilot Lewis Hamilton wählt die exklusive Variante veganer Ernährung. Es geht aber auch günstiger - und mit weniger Umweltbelastung, sagt Experte Hauner.

Experte im Interview

„Man muss sich vegane Ernährung leisten können“

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Der Münchner Experte Hans Hauner über Sinn und Unsinn einer Essensumstellung.

Prof. Dr. Hans Hauner ist seit 2003 Direktor des Instituts für Ernährungsmedizin an der TU München. Wir sprachen mit ihm über vegane Ernährung und Sport.

Herr Hauner, Hochleistungssport und vegane Ernährung, geht das?

Vegane Ernährung ist natürlich einseitig und bisweilen kritisch, weil der eine oder andere Nährstoff fehlt oder zu knapp ist. Die Profisportler haben aber in der Regel eine gute medizinische Betreuung. So ist eine vollwertige Ernährung möglich, mit der man auch Hochleistungssport betreiben kann. Wichtig ist für diese Sportler immer auch, dass sie genügend Muskelmasse aufbauen können – und mit pflanzlichem Eiweiß bekommt man durchaus die Eiweißqualität hin, die man braucht. Allerdings muss man die richtigen Eiweißquellen wählen, zum Beispiel Hülsenfrüchte und Soja. Aber: Eine Ernährung mit Fleisch und Milchprodukten bietet das optimale Nährstoffprofil. Ein Profisportler kann sich aber auch bestens vegetarisch ernähren.

Kann die Ernährung mit rein pflanzlichen Lebensmitteln für Profisportler Vorteile bringen?

Ich würde sagen, dass vegane Ernährung für einen Profisportler keine Leistungsvorteile haben kann. Es gab in Dachau mal eine Volleyballmannschaft, bei der der Trainer geglaubt hat, er würde den Aufstieg schaffen, wenn sich alle Spieler vegan ernähren. Das ist natürlich Unsinn. Mit veganer Ernährung lässt sich die Leistung nicht steigern. Man kann den Körper allerdings so versorgen, dass er Hochleistungssport betreiben kann. Mehr aber auch nicht. Eine vegane oder vegetarische Kost ist im Vergleich zu dem, was wir sonst im Durchschnitt essen – Fettes, Süßes und sonstiges energiereiches, aber nährstoffarmes Fastfood – gesundheitsfördernd.

Gibt es Sportarten, die sich eher als andere für vegane Ernährung anbieten?

Prof. Dr. Hans Hauner.

Nein, die spezielle Sportart für Veganer gibt es nicht. Die optimalen Ernährungspläne hängen stark von der Sportart ab, aber man kann sie in der Regel auch mit veganer Kost erfüllen. Beim Ausdauersport geht es darum, die Kohlenhydratspeicher zu füllen. Die Profis essen zum Beispiel reichlich Nudeln. Kraftsportler brauchen etwas mehr Eiweiß als andere, um die Muskelmasse im Training zu optimieren. Das geht auch mit pflanzlichem Eiweiß gut, aber eben nicht besser.

Sie haben bereits erwähnt, dass bei veganer Ernährung einige Stoffe fehlen. Welche?

Am stärksten fehlt Vitamin B12, das es sonst nur in tierischen Lebensmitteln gibt, das muss gezielt ergänzt werden. Ich gehe davon aus, dass die veganen Hochleistungssportler das auch tun. So richtig eng wird es bei anderen Stoffen wie Eiweiß, Eisen oder Calcium nicht. Wir alle sind aber knapp mit Jod versorgt. Ich würde Profisportlern deshalb extra Jod geben.

Es gibt viele Umsteiger, die berichten, sich bei veganer Ernährung schneller zu erholen.

Das halte ich auch für Wunschdenken und für nicht belegbar. Die Nährstoffe sind am Ende die gleichen. Ich wüsste nicht, wie die schnellere Erholung klappen sollte. Allerdings ist die Frage, wie die Ernährung zuvor aussah.

Fleisch und Milchprodukte sind gut, hieß es früher. Seit wann und wie sehr können Sie ein Umdenken gerade in Deutschland beobachten?

Das nimmt zu, wir haben allerdings keine wirklich guten Zahlen dazu, sondern nur grobe Schätzungen. Das Umdenken bei der Ernährung ist ein Trend und gehört bestimmt schon seit fünf Jahren zum Zeitgeist. In der nationalen Verzehrstudie aus dem Jahr 2003 haben ein bis zwei Prozent angegeben, sich vegetarisch zu ernähren. Und wir gehen immer davon aus, dass ein Zehntel davon vegan ist. Damals war das also wirklich exotisch. Seitdem dürften sich die Zahlen etwa verzehnfacht haben – auch weil es trendy ist.

Warum? Was sind die Motive für den Umstieg?

Es gibt heute viele Menschen und eben auch viele Profisportler, die die Massentierhaltung nicht mehr unterstützen möchten. Das Motiv des Tierwohls spielt hier eine entscheidende Rolle. Und wenn man einen Hamburger mit einem pflanzlichen Patty belegt, hat das auch einen ökologischen Vorteil. Für die Fleischherstellung werden wesentlich mehr Futtermittel und Wasser benötigt, zudem ist die Treibhausgasemission deutlich höher. Es spricht viel dafür, den Fleischkonsum einzuschränken. Aber ob das so einseitig sein muss, ist fraglich. Ich bin da eher Pragmatiker und sage: ‚Weniger Fleisch, mehr pflanzliche Produkte. Aber nicht ganz so extrem.‘ Was zudem kritisch anzumerken ist: Die vegane Ernährung ist ein Riesenmarkt geworden, in den immer mehr Hersteller drängen. Das beste Beispiel sind die Hersteller von Wurstwaren. Die leben jetzt überwiegend von ihren veganen Produkten, weil die Gewinnmargen bei echter Wurst im Supermarkt und Discounter so niedrig sind. Für vegane Wurst zahlen die Kunden – salopp formuliert – ohne mit der Wimper zu zucken ein Mehrfaches. Deshalb bewerben diese Firmen die vegane Ernährung auch massiv. Zum einen aus Imagegründen, zum anderen, weil ganz andere Gewinnspannen zu erwarten sind. Vegane Lebensmittel sind somit ein gutes Geschäft.

Lewis Hamilton ernährt sich unter anderem von Avocados, Süßkartoffeln und Trüffelpüree.

Hamilton wählt die exklusive Variante. Ein Veganer muss natürlich keine teure Süßkartoffel kaufen, sondern kann auch normale Kartoffeln essen. Auch die Avocado ist eine teure Frucht und zudem eine mit hoher Umweltbelastung. Aus meiner Sicht ist es ein ökologisches Problem, die Avocado so zu pushen. Grundsätzlich kann man sich mit vielen einheimischen Produkten ausgewogen ernähren. Morgens kann man Frühstückscerealien essen – statt normaler Milch nimmt man dazu Sojamilch. Es gibt in vielen Bereichen Ersatzprodukte, die mehr oder weniger gut schmecken und akzeptabel sind. Aber: Man muss sich vegane Ernährung leisten können. Gerade wenn man es so machen möchte wie Hamilton, kostet es ein Vielfaches von dem, was für eine ausgewogene Mischkost investiert werden muss.

Neben Sojamilch gibt es Produkte wie Reismilch und Hafermilch. Was halten Sie davon?

Ich finde das alles nicht so toll. Sojamilch ist vom Geschmack und der Zusammensetzung halbwegs akzeptabel. Reismilch und Hafermilch sind künstliche Produkte, die viele Zusatzstoffe enthalten, um sie überhaupt genießbar zu machen. Mit Bio hat all das aber gar nichts zu tun – und dieser Aspekt ist für viele Veganer wichtig. Hamilton baut auch auf Salate und Gemüsepfannen.

Gibt es dafür eine besondere Empfehlung?

Alle Salate sind okay. Das Nährstoffmuster aller Salate ist ähnlich, aber deckt eben nicht alles ab, was wir an Nährstoffen brauchen. Es ist daher immer gut, verschiedene pflanzliche Produkte zu kombinieren. In einer Gemüsepfanne kann man alles mischen, was man gerne isst. Es gibt nicht das einzelne Super-Gemüse, das ideal ist und alles beinhaltet. Es sollte immer möglichst viel kombiniert werden.

Interview: Jonas Austermann

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