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„Man fühlt sichimmer bewacht“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Hat sogar ab und an den olympischen Geist gespürt: Claus Lufen, ARD-Reporter.
Hat sogar ab und an den olympischen Geist gespürt: Claus Lufen, ARD-Reporter. © imago images/foto2press

Reporter Claus Lufen über seine Quarantäne und ein Leben unter ständiger Beobachtung.

Herr Lufen, was waren Ihre Gedanken, als Sie gleich bei der Anreise einen positiven Corona-Test hatten?

Erst mal hat man gar nicht so viele Gedanken. Zu dem Zeitpunkt war ich schon 24 Stunden unterwegs. Ich habe den Anruf bekommen, als ich im Bus saß. Im ersten Moment glaubst du es nicht und hoffst auf den Kontrolltest. Als der auch positiv war, musste ich dann schnell akzeptieren, dass ich die nächsten neun, zehn Tage im Quarantänehotel verbringen werde. Diese Gewissheit ist ziemlich doof. Ich war aber einer der ersten aus der ARD-Crew, der vor Ort war. Somit habe ich im Endeffekt nur einen Olympiatag verpasst. Sonst wäre es mental noch viel schlimmer gewesen.

Hilfreich war da sicherlich das Paket samt deutschem Kaffee, das Ihre Kollegen Ihnen ins Hotel geschickt haben.

Der Kaffee war tatsächlich sehr wichtig. In so einer Situation merkt man erst, wie wichtig solche kleinen Dinge sind. Man ist schon sehr abgeschieden, es findet keinerlei Austausch statt. Man fühlt sich ausgeschlossen. Die Helfer waren alle sehr freundlich, Gespräche auf Englisch waren aber so gut wie nicht möglich. Aber immerhin war das W-Lan im Quarantänehotel vernünftig. Das ist im Hotel für die Journalisten nicht der Fall. Dort können auch keine internationalen Informationsseiten abgerufen werden. Die Arbeit für Journalisten wird schon in vielen Bereichen enorm erschwert.

Wie ging es für Sie nach den negativen Tests weiter?

Ich wurde auch nach den beiden negativen Tests im Journalistenhotel noch isoliert. Man fühlt sich immer bewacht und beobachtet, das ist ein sehr komisches Gefühl. Und auch ziemlich nervig. Ich hatte meine eigene Toilette und einen eigenen Raum zum Arbeiten, obwohl ich nachgewiesenermaßen negativ war und auch keine Symptome mehr hatte. Es gab viele kleine Dinge, die überzogen und übervorsichtig waren.

Die Überwachung war also wie befürchtet ein großes Thema während der Spiele?

Das hat man an jeder Ecke mitbekommen. Kennzeichen werden fotografiert, Gesichtsdaten gescannt, man hat Bewacher, die einem hinterherfahren. Die Illusion braucht man sich nicht geben, das hier irgendetwas unbeobachtet geschieht. Wir wussten aber vorher, was uns erwartet und darauf haben wir uns eingestellt. Hinterher ständig zu lamentieren, bringt dann auch nichts. Uns war ja allen klar, welche Bedingungen für unsere Arbeit hier vorherrschen. Trotzdem ist es noch mal eine andere Geschichte, das alles so real zu erleben. Es verstärkt sich der Eindruck, dass man in so einem Land nicht dauerhaft leben möchte.

Konnten Sie die sportlichen Highlights trotzdem genießen?

Für die Sportler ist es der Lebenshöhepunkt, sie erleben die Spiele natürlich anders als die Öffentlichkeit und haben eine andere Wahrnehmung. 90 Prozent der Sportler, mit denen ich gesprochen habe, haben mir gesagt, dass sie olympischen Flair gespürt haben. Nach der Quarantäne dachte ich eigentlich, dass ich den olympischen Geist für mich persönlich nicht mehr finde. Dann standen Christopher Grotheer und Axel Jungk nach ihrem Erfolg im Skeleton vor mir und erzählten, wie wichtig die Medaillen für sie sind und, dass ihr sportliches Leben wieder Sinn macht. Dass sie so oft gezweifelt haben und sich all die Arbeit jetzt ausgezahlt hat. Das war genau so ein Moment, den ich vor Olympia im Kopf hatte und den ich zu den Leuten vor dem Fernseher transportieren wollte. Da hat der olympische Geist wieder geflackert.

Ihr Fazit zu den Peking-Spielen?

Es werden nicht die schönsten Spiele, die ich erlebt habe. Sie werden vor allem wegen der Schwierigkeiten, die man meistern musste, in Erinnerung bleiben. Aber die Sportler können ja nichts dafür, in was für ein Land Olympia vergeben wurde. Der Aufschrei, den es jetzt gegeben hat, hätte schon vor sieben Jahren bei der Vergabe stattfinden können. Die Spiele jetzt so schlechtzumachen und kleinzureden, ist für die Athleten nicht schön. Aber es gehört dazu, man darf nie den kritischen Blick verlieren. Ich hoffe, dass selbst das IOC mit seiner aktuellen Führung begreift, dass Spiele in solchen Ländern für keinen gut sind. Erst recht nicht für den Sport. Es muss wieder genauer hingeschaut werden, wo solche Großereignisse stattfinden. Sonst kann es so laufen, dass irgendwann keiner mehr zuschauen möchte.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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