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Der Blick geht nach unten: Jonathan Burkardt (links) und Teamkollege Karim Onisiwo.

Trainer Lichte schafft den Umschwung nicht

Mainz 05 zerstört sich selbst

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Beim 0:4 bei Union Berlin präsentiert sich die Mannschaft in einem erschreckendem Zustand. Sportchef Schröder: „Wir müssen schonungslos mit uns umgehen“.

Nach dem Spielerstreik als atmosphärisch tiefsten Tiefpunkt hat der FSV Mainz 05 nun auch sportlich den Bodensatz erreicht. Das 0:4 (0:1) bei Union Berlin, die dritte hohe Niederlage im dritten Saisonspiel, glich einem Offenbarungseid. Mainz 05 spielte furchtbaren Fußball, ohne jede Struktur und Präzision nach vorne, erarbeitete sich keine einzige seriöse Torchance und verteidigte in den entscheidenden Situation viel zu nachlässig. „So kannst du kein Bundesligaspiel gewinnen“, sagte Sportchef Rouven Schröder, der sich erst einmal sammeln musste, er sei „total enttäuscht“. Gleichzeitig kündigte der angesichts der Nicht-Leistung komplett desillusionierte Vorstand an, es gebe „für uns alle keine Alibis mehr. Wir müssen schonungslos mit uns umgehen“.

FSV Mainz 05 hat offenbar den Teamgeist verloren

Das soll - mit dem Rucksack von null Punkten und 2:11 Toren - in der Länderspielpause passieren, in der einige Profis jedoch wegen Abstellungen an ihre Nationalteams fehlen werden. Wobei die Frage gestattet sein muss, was ein Mainzer Fußballspieler derzeit überhaupt in irgendeiner noch so unbedeutenden Nationalmannschaft zu suchen hat? Zudem sieht es verdächtig danach aus, als sei der im Saisonfinale der vergangenen Spielzeit mühsam zusammengeklebte Teamgeist durch die beispiellosen Geschehnisse der vergangenen Wochen komplett wieder auseinandergenommen worden.

Der im Mittelfeld zwar sehr bemühte, gleichwohl heillos überforderte Kapitän Danny Latza sprach hinterher von einem „gebrauchten Tag - wieder“, Torwart Robin Zentner kritisierte richtig und schonungslos: „Wir haben die Gegentore sehr schlecht verteidigt bzw. nicht verteidigt. Wir sind einfach in der Aktion nicht bereit, zu hundert Prozent zu verteidigen.“ Andere Mainzer Profis reden nach dem Abgang von Ridle Baku zum VfL Wolfsburg schon gar nicht mehr öffentlich.

FSV Mainz 05: Trainer Jan-Moritz Lichte erlebt denkbar schlechtesten Auftakt

Für den vom Assistenten zum Chefcoach beförderten Jan-Moritz Lichte war die Partie an der stimmungsvollen Alten Försterei der denkbar schlechteste Auftakt. Denn Lichte hatte im Vorfeld gefordert, dass die Mannschaft in erster Linie stabil verteidigt und die Flut an Gegentreffern eindämmt. Stattdessen schlug es viermal hinter dem jeweils machtlosen Zentner ein. Vor allem der zweite Gegentreffer, als Vorlagengeber Christopher Trimmel kurz nach der Pause fast 50 Meter ungestört mit dem Ball am Fuß über den rechten Flügel anlaufen und dann flanken konnte, war bezeichnend für die fehlende Organisation der Nullfünfer, die viel zu weit auseinander standen oder trabten. Schon beim ersten Tor, einem Kopfball des eigentlich kopfballschwachen, aber in dieser Szene völlig freigelassen Max Kruse, waren die Rheinhessen erschreckend überfordert.

Es stimmt nichts in diesem Mainzer Team, das sich momentan im Modus der Selbstzerstörung befindet. „Die Mannschaft ist nicht gefestigt“, sagte Rouven Schröder. Die Analyse ist einerseits richtig, denn ein fester Verbund war auf Mainzer Seite nirgendwo auszumachen, andererseits verwundert es: In der Anfangsformation stand - anders als beim in allen Belangen abgestimmter auftretenden Gegner - kein einziger der wenigen Neuzugänge. Bis auf Verteidiger Jeremiah St. Juste sind sämtliche Mainzer Startelfspieler sogar seit mindestens zwei Jahren im Klub. Mitunter sah es im Passspiel und den Laufwegen dennoch so aus, als habe man sich gerade erst vorm Anpfiff auf der Wiese kennengelernt. Auffällig außerdem: Die Gäste liefen rund sieben Kilometer weniger. Eine halbe Fußballwelt.

Die Darbietungen der Offensivkräfte Jean-Philippe Mateta, Jean-Paul Boetius, Robin Quaison und Karim Onisiwo waren insgesamt indiskutabel. Zeitweilig mutete das Auftreten gar lustlos aus. Es stellt sich die Frage, ob Jan-Moritz Lichte die Autorität besitzt, diese kaputte Mannschaft wieder auf Vordermann zu bringen. Schließlich ist der 40-Jährige, der als vormaliger Co-Trainer doch in den Kader hineinhören sollte, ja mitverantwortlich für die Eskalation, die in einer Arbeitsniederlegung gipfelte.

Mainz 05: Könnte Sandro Schwarz derjenige sein, der den Karren wieder aus dem Dreck zieht?

Lichte machte nach dem Spiel aus seiner Enttäuschung kein Hehl und sprach recht eindeutig davon, dass dieser Auftritt nicht bundesligareif gewesen ist, Schröder ließ keinen erkennbaren Zweifel daran, dass Lichte dennoch derjenige ist, der die Mannschaft auf das nächste schwere Heimspiel gegen Bayer Leverkusen am 17. Oktober vorbereiten wird.

In der vergangenen Woche hatte Vereinschef Stefan Hofmann sehr deutlich und mit gehobener Stimme seinen Unmut darüber geäußert, dass unter anderem auch die Frankfurter Rundschau im Rückblick die Trennung von Ex-Cheftrainer Sandro Schwarz kritisiert hatte. Sie würden sich derlei Entscheidungen niemals leicht machen.

Daran besteht sich kein Zweifel, schließlich hatte Schwarz es im vergangenen Herbst nicht geschafft, die Mannschaft zu stabilisieren. Er musste im November gehen. Seinerzeit nach der achten Saison-Niederlage - einem 2:3 gegen: Union Berlin! Die Trennung war aus damaliger Sicht sicher alles andere als unbegründet. Aber könnte der Mann, der Mainz 05 gelebt hat wie kaum ein anderer, nicht dennoch möglicherweise der Richtige sein, um den verkeilten Karren wieder flott zu machen? Schwarz, dessen Vertrag noch bis 2022 läuft, sagt selbst, er habe seine Fehler der Vergangenheit intensiv aufgearbeitet. Zudem soll er nach wie vor einen guten Draht zu vielen Spielern haben.

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