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Vettel nimmt Abschied von der Formel 1: „Macht Euren Mund auf!“

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Von: Ralf Bach

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Gut gelaunt Richtung Ausgang: Sebastian Vettel vor seinem letzten Rennwochenende.
Gut gelaunt Richtung Ausgang: Sebastian Vettel vor seinem letzten Rennwochenende. © afp

Sebastian Vettel über Sentimentalitäten vor seinem letzten Rennen in der Formel 1, die Auf und Abs seiner Karriere – und was er seinem 20-jährigen Ich raten würde.

Herr Vettel, wollen wir für unser letztes Interview Ihrer aktiven Karriere uns duzen, sowie wir das auch seit zig Jahren abseits von Aufnahmegeräten machen?

(lacht) Ja, ich fand es sowieso immer ein wenig befremdlich, wenn man sich plötzlich siezt, nur weil man ein Interview macht. Inhaltlich hat das nie etwas geändert.

Kommst Du so kurz vor Deinem letzten Rennen am Wochenende immer noch mit Deinem Rücktritt klar?

Ja, vielleicht wird es bei der Zieldurchfahrt etwas emotional. Ich verdanke dem Sport so viel, da kann man dann sicher schon mal sentimental werden.

Aber mehr nicht?

Nein, ich habe es richtig gemacht. Ich habe erkannt, dass es jetzt Zeit war, Adieu zu sagen. Man muss wissen, wann Schluss ist. Das hat aber nichts mit Leistung zu tun. Das Fahren selbst macht mir immer noch Spaß, ich fühle mich auch noch konkurrenzfähig. Aber wenn die ernsten Gedanken, die man sich über seinen Sport macht, größer sind als das reine Vergnügen und wenn man mehr Privatleben haben will als Zeit im Job zu verbringen, gibt es nur eine Entscheidung: Aufhören! Mag sein, dass ich Ende Februar kurz vor Saisonstart schweißgebadet in der Nacht aufwache. Aber das glaube ich eher nicht. Und wenn, muss ich da durch.

Vettels letztes Formel-1-Rennen in Abu Dhabi: Der Ehrgeiz von damals ist „nicht verflogen“

Du hast mit vielen in letzter Zeit über Deine Zukunft gesprochen. Ich würde aber gerne noch mal zurückblicken auf Deine Karriere. Helmut Marko sagte, als er Dich das erste mal gesehen hat: Da war dieser kleine Junge mit ganz viel Eisen im Mund, der unzufrieden war darüber, dass er nur 18 von 20 Formel BMW Rennen gewonnen hat.

Der Ehrgeiz von damals ist auch heute noch nicht verflogen. Natürlich kann man, wenn man älter ist, Dinge besser einordnen – aber grundsätzlich war es und ist es auch noch der Antrieb, zu siegen und besser zu sein als die anderen. Und dass sich verlieren nicht gut anfühlt. Für mich gab es immer nur den Wettkampf, das sich Messen mit den anderen. Freies Fahren entdeckte ich erst später. Das heißt, dass man auch mal Spaß haben kann. Das geht uns Rennfahrern aber allen so. Beispiel Race of Champions: Eigentlich ist das nur eine Spaßveranstaltung. Trotzdem schaut ab der ersten Session jeder auf die Uhr und versucht sich zu vergleichen. Manche lassen sich sogar von außen filmen und bereiten sich Wochen vor.

Auch jeder Hobbyfußballer will gewinnen, sonst macht das ja keinen Sinn ...

Ja, das kann man so oder so sehen, manche sind vielleicht aber auch schon zufrieden, wenn sie ihren eigenen Spielstil oder ihre eigene Fahrtechnik weiterentwickeln. Ich jedenfalls wollte immer besser werden. Nur weil ich das letzte Rennen gewonnen habe, heißt das ja nicht, dass ich das nächste Rennen auch gewinnen werde. Deswegen muss man nach einem Sieg ja mindestens genau soviel arbeiten, wenn nicht sogar mehr, da die Gegner ja angestachelt sind. So führt dann das eine zum anderen.

Ist die Formel 1 nicht besonders brutal in der Bewertung? Du fährst mit dem Aston wie der Teufel, wirst Achter in Spa und gelobt. Mit einem Ferrari aber gibt’s Schelte, obwohl du auf dem Podium stehst, aber nicht gewonnen hast.

Ja, in der Hinsicht ist die Formel 1 und auch der Motorsport insgesamt unfair, weil man einfach so abhängig ist von seinem Material. Ich glaube aber trotzdem daran, dass man sein Schicksal selber in der Hand hat und man sehr viel Einfluss nehmen kann. Aber am Ende ist einfach so, dass der Sieger am meisten Aufmerksamkeit bekommt und der Rest nur mitläuft. Ich kann das aber heute alles besser einschätzen. Der Sport entwickelt sich weiter: Es gibt neue Fahrer, neue Helden, neue Teams. Heute redet kaum noch jemand über Ayrton Senna, sondern über Max Verstappen. In zehn Jahren ist es wieder jemand anderes. So ist der Lauf der Dinge.

Vettel zu seinem Karriereende: Lange Liste an Meilensteinen

Einen Blick in den Rückspiegel: Was sind die positiven und negativen Momentaufnahmen, die Dir spontan einfallen?

Bei den Positiven ist es der erste Erfolg mit Platz vier im Toro Rosso in China. Dass die Leute das nicht so auf dem Schirm haben, ist klar, aber für mich war das unter den Bedingungen ein Riesenerfolg. Auch 2008 muss da natürlich mit rein, mein erster Sieg in Monza. 2009 der erste Sieg mit Red Bull. Jetzt könnte ich natürlich lange weiter machen, weil ich auch das Glück habe, aus so einer langen Liste wählen zu können. Die Meilensteine halt. Die erste WM, natürlich, dann aber auch gerade die Momente davor, der Niederschlag in Korea zum Beispiel, als mein Motor geplatzt ist. Der Abend danach war sehr prägend. In den Meetings habe ich mich sehr gut zusammengerissen, immer gesagt, kommt, wir machen weiter. Ich war ein richtiger Motivator, obwohl ich total fertig war, weil ich wusste, was das bedeutet: 25 Punkte verloren und der andere sackt sich noch 25 Punkte ein. Das war ja wie ein Elfmeter für mich, aber der andere hat gewonnen. In dem Moment bricht die Welt für dich zusammen. Da habe ich mir einen Fußball genommen und in den Hospitalities erstmal zweieinhalb Stunden auf die Wand eingeschmettert, um alles rauszulassen. Negativ war für mich natürlich 2009, als Button die WM gewonnen hat. Viele sagen, war doch eh klar, aber ich war am Boden zerstört, weil man in dem Moment einfach nicht weiß, ob diese Chance jemals wieder kommt. Der erste Sieg mit Ferrari war natürlich auch etwas besonderes.

Zurück zu Red Bull. Bist du Dir inzwischen eigentlich bewusst, was ihr da gemeinsam geleistet habt, vier WM-Titel in Folge?

Ja. Vor allem die Dynamik im Team war eine besondere, und ich glaube, auch ohne die drastischen Regeländerungen 2014 wäre es noch eine Zeitlang so weitergegangen. Aber so sind es gerade die negativen Dinge, die falschen Entscheidungen, die mich in der Hinsicht sehr geprägt haben, dass man sich auch damit arrangieren muss. 2020 der große Rückschritt von der Leistung her und dann auch die Tatsache, dass es für mich bei Ferrari zu Ende geht, hat mich auch nicht unberührt gelassen. Da war ich sehr verunsichert und hatte viele Selbstzweifel. Da habe ich die zwei Jahre bei Aston Martin schon einfach auch für mich gebraucht, damit ich alles besser einordnen konnte.

Zur Person

Sebastian Vettel, 35, fährt am Sonntag in den Vereinigten Arabischen Emiraten sein letztes Formel-1-Rennen, nach 16 Jahren ist Schluss in der Königsklasse des Motorsports. Der Heppenheimer ist nach Michael Schumacher der zweiterfolgreichste Deutsche in der Geschichte der Rennserie: Im Red-Bull-Boliden gewann er zwischen 2010 und 2013 viermal in Folge den WM-Titel. Vettel, der seit 2007 in der Schweiz wohnt, will sich künftig mehr seiner Familie widmen. Mit seiner Ehefrau, mit der er seit seiner Schulzeit liiert ist, hat er zwei Töchter und einen Sohn.

Vettel über Erinnerungen, Selbstzweifel und verpasste WM-Siege

Worauf beruhten die Selbstzweifel? Nur wegen der starken Leistung von Teamkollege Leclerc?

Nein, ich glaube da muss man die Situation insgesamt sehen. Natürlich war das Ferrari-Projekt von Anfang an für mich so, dass ich gedacht habe, ich will da was reißen. Weltmeister werden mit Ferrari: Das war ja mein großes Ziel. Aber es gibt Erklärungen, warum es nicht geklappt hat: 2017 war das Auto gut, aber der Motor noch zu schwach. 2018 hatten wir ein solides Auto und der Motor war auch besser, aber Mercedes war einfach unantastbar. Natürlich kamen dann auch zwei, drei Fehler von mir dazu, weil ich aufgrund der Umstände das Auto manchmal überfahren habe.

Man entwickelt sich ja auch als Mensch weiter. Gibt es Situationen, die Du heute ändern würdest? Das Rennen in Baku etwa, als Du Lewis Hamilton gezeigt hast, was du von seinem Bremstest hältst?

Das würde ich ändern. Einfach, weil es unsportlich war. In dem Moment war es eine falsche emotionale Reaktion, es war, als hätte ich ihm auf dem Fußballplatz eine gescheuert. Es hat ihn jetzt nicht verletzt wie eine Backpfeife, weil die Autos dazwischen waren, aber ich bin danach auf ihn zugegangen, und genau diese Situation hat uns am Ende dann doch näher zusammen geführt.

Dann haben wir noch Kanada, als Du die Positionsschilder 1 und 2 vertauscht hast …

(lacht) Nein, das würde ich nicht ändern. Was ich ändern würde, wäre, im Rennen die Kurve nicht zu verpassen!

Aber die Schilder würdest du wieder tauschen …

Na klar!

Karriereende von Sebastian Vettel: Zeit bei Aston Martin als wichtiger Neubeginn

Wenn Du jetzt sagst, Du hattest Selbstzweifel nach dem Ferrari-Aus: Wie sehr hat Dir der Wechsel zu Aston Martin da geholfen?

Ich glaube, da hat mir mehr die Zeit einfach geholfen. Am Schluss habe ich bei Ferrari etwas den Fokus verloren. Als mir klar wurde, dass das mit dem Titel mit Ferrari nichts werden würde, gab es schon irgendwo einen Bruch in meinem Denken. Gleichzeitig habe ich den Charles gesehen, in dem ich mich in meiner Anfangszeit wiedererkannt habe.

Fühlst Du Dich mit Deinen Ups and Downs fair behandelt und richtig verstanden oder stört Dich die oberflächliche Betrachtungsweise in der Formel 1?

Oberflächlichkeit gibt es überall. Die Formel 1 erzeugt sehr viel Interesse, zum Glück. Natürlich geht es damit einher, dass man sehr oft sehr vorschnell beurteilt wird. Ich glaube, das passiert in anderen Sportarten, die nicht so dieses Interesse erzeugen, nicht so oft, und es geht dort vielleicht oft familiärer, fairer und besser zu. Aber es ist immer ein geben und nehmen. Missverstanden vielleicht ab und zu, aber grundsätzlich fühlte ich mich immer gerecht und fair behandelt.

Was würdest du dem kleinen Jungen mit der Zahnspange sagen, wenn du ihm aus heutiger Sicht einen Tipp geben könntest?

Die Zeiten sind andere. Wenn ich heute 20 wäre, würde es bestimmt eine andere Reise werden. Aber eins würde ich den Kids ganz bestimmt sagen, das hat mit Zivilcourage zu tun: Macht Euren Mund auf, wenn es um eine gute Sache geht! (Interview: Ralf Bach)

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