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Lukas Märtens will seinen Kopf ausschalten

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Von: Andreas Morbach

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Liegt gut im Wasser: Lukas Märtens vom SC Magdeburg.
Liegt gut im Wasser: Lukas Märtens vom SC Magdeburg. © AFP

Wie der hochbegabte Magdeburger bei der Schwimm-WM in Budapest seine Nerven in den Griff bekommen will. Arbeit mit einer Psychologin als mentale Vorbereitung.

Den 22. Juni hat sich Lukas Märtens schon mal ganz dick im Kalender markiert – denn dieser Mittwoch wird für den gebürtigen Magdeburger aller Voraussicht der einzige freie Tag bei der Schwimm-WM in Budapest sein. Der Verzicht auf einen Start über 200 Meter Rücken macht’s möglich, ansonsten ist der großgewachsene Kraulspezialist bei den Titelkämpfen in der ungarischen Metropole im Dauereinsatz. Und zwar aus voller Überzeugung. „200, 400, 800, 1500 Meter Freistil und dazu die Staffel – das ist ein sehr hartes Programm. Aber ich möchte bewusst ein paar mehr Starts haben, wo ich meine Techniken und Taktiken ein bisschen ausprobieren kann“, erläutert Märtens.

Bereits außerordentlich gut geklappt haben die diversen Tests seiner schwimmerischen Fähigkeiten im März und April. Da machte Märtens in den Pools von Magdeburg und Stockholm mit mehreren Weltklasseleistungen auf sich aufmerksam – so dass ihm bei der Abreise nach Budapest nun dämmerte: „Der Druck ist für mich dadurch schon ein bisschen größer geworden.“

Damit besser klarzukommen als bei den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr, als er es mit ebenfalls erstklassigen Vorleistungen bei keinem seiner drei Einzelstarts ins Finale schaffte, lautet die große Herausforderung am Ufer der Donau. Und dort wartet auf Märtens auch gleich sein persönliches Highlight: Am Samstag beginnen die Beckenschwimmer ihre Wettkämpfe, unter anderem mit den Vorläufen und dem Finale über 400 Meter Freistil.

Auf dieser Strecke kraulte Märtens bei den Swim Open im April in Stockholm bis auf 1,53 Sekunden an den Weltrekord seines Landsmanns Paul Biedermann aus dem Jahr 2009 heran – und erklärt jetzt selbstbewusst und angriffslustig: „Ich denke, dass da am meisten für mich möglich ist.“

Märtens‘ Heimtrainer Bernd Berkhahn bezeichnet die acht Bahnen Freistil seines Schützlings vom Frühjahr als „sensationell“ – und ist nun entsprechend gespannt. „Bisher ist es ihm nie gelungen, seine Leistungen aus dem Training bei Wettkämpfen auch nur ansatzweise umzusetzen. Das hat er im April zum ersten Mal geschafft, da ist bei ihm der Groschen ist gefallen“, atmete der 51-Jährige vor einigen Wochen auf. Doch der Mann, der seit Januar 2019 neben seinem Job in Magdeburg zudem das Amt des Bundestrainers ausübt, fordert auch: „Jetzt geht es darum, das zu stabilisieren und die gleichen Leistungen auch bei Meisterschaften abrufen zu können.“

Freiwasser-Olympiasieger Florian Wellbrock, die größte Hoffnung des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) auf Edelmetall, traut seinem Trainingspartner in Budapest sogar eine Goldplakette zu – sofern der seine Nerven in den Griff bekomme. Dieses Stichwort gefällt Märtens gut, schließlich hat er seine Lehren aus den Enttäuschungen von Tokio gezogen. „Ich werde mir nicht mehr so einen Kopf machen wie bei Olympia. Da habe ich sehr, sehr viel nachgedacht“, rekapituliert der 20-Jährige und verweist auf die WM-Qualifikation: „Da habe ich versucht, das abzustellen. Und das hat sehr gut geklappt.“

Lockerer an den Start zu gehen, sein eigenes Ding zu machen und nicht nur auf die Konkurrenz zu schauen – dies zu verinnerlichen, dabei halfen ihm vor allem auch Vier-Augen-Gespräche mit einer Psychologin in Magdeburg. „Wir sind schon daran“, berichtet Märtens, „für Wettkämpfe wie bei den Olympischen Spielen in Paris die richtigen Taktiken und Automatismen für mich zu entwickeln.“

Zunächst mal steht jedoch die WM in der ungarischen Metropole an, Mitte August wartet auf die internationale Schwimmelite zudem die EM in Rom. Bernd Berkhahn betont in dem Zusammenhang, beim DSV habe man sich auf beide Titelkämpfe fokussiert. Die WM bezeichnet er dabei als die „fraglos wichtigere Meisterschaft“, versetzt sich aber zugleich in die Athleten.

„Im August in Rom unter freiem Himmel bei Sonne schwimmen zu können, in diesem sehr, sehr, sehr schnellen Becken – ich glaube, das gibt den Sportlern noch mal eine ganze Menge mit, da spielt der Kopf eine sehr große Rolle“, mutmaßt der Bundestrainer. Und speziell mit Blick auf die 1500 Meter Freistil, auf denen mit Wellbrock, Märtens und dem Ukrainer Michailo Romantschuk gleich drei Kandidaten aus seiner Trainingsgruppe um internationale Erfolge rangeln, schlussfolgert er: „Ich glaube eher, dass bei der EM in Rom eine Möglichkeit besteht, den Weltrekord zu knacken. Nicht in Budapest.“

Weil er in diesem Jahr so viele Starts und Wettkämpfe wie möglich absolvieren will, findet Lukas Märtens diesen doppelten Saisonhöhepunkt im nacholympischen Sommer zwar gut, vermutet aber schon: „Das wird schwierig, vor allem auch den Kopf fit und die Spannung noch bis zur EM zu halten.“ Und einige der elf Bahnenschwimmer des DSV, die nun bei der WM starten, legen nach ihren letzten Rennen in der Duna Arena sogar noch einen Blitztrip zur deutschen Meisterschaft in Berlin hin.

Die beginnen am 23. Juni, nach dem fünften von acht WM-Tagen bei den Becken-Spezialisten. Ebenso wie Vielschwimmer Märtens wird auch Florian Wellbrock bei den „Finals“ in Berlin fehlen – weil er in Budapest neben den 800 und 1500 Metern im Pool auch für die fünf und die zehn Kilometer im freien Gewässer qualifiziert ist, die in der zweiten WM-Woche auf dem Programm stehen.

Mal eben rasch nach von der ungarischen in die deutsche Hauptstadt fliegt am Morgen des 26. Juni dafür die Brustschwimmerin Anna Elendt. Die gebürtige Hessin, die seit zwei Jahren in den USA trainiert und in diesem Frühjahr drei deutsche Rekorde aufstellte, tritt am letzten Tag der „Finals“ über 200 Meter an. Und auch Isabel Gose ist auf eine schnelle Abreise aus Budapest vorbereitet.

Wenn alles glatt läuft, tritt die Magdeburgerin am Freitagabend im WM-Finale über 800 Meter Freistil auf den Startblock – und schwimmt zwei Tage später über dieselbe Distanz bei der deutschen Meisterschaft. „Ich bin da total offen und freu‘ mich auch auf Berlin“, erklärt die 20-Jährige, grübelt aber zugleich: „Ob ich da dann noch Bestleistungen abrufen kann, ist natürlich eine andere Frage.“

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