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Lücke gegen die Leere

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Von: Frank Hellmann

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Ist das ein Stürmer für die deutsche Nationalmannschaft? Werders Angreifer Niclas Füllkrug ist in aller Munde. dpa
Ist das ein Stürmer für die deutsche Nationalmannschaft? Werders Angreifer Niclas Füllkrug ist in aller Munde. dpa © Carmen Jaspersen/dpa

Die Debatte, ob Bremen Mittelstürmer Niclas Füllkrug mit zur WM soll, nimmt an Fahrt auf.

Es ist jetzt gerade etwas mehr als ein Jahr her, dass Niclas Füllkrug auf einer Massagebank lag und recht offen seinen Missmut bekundete. Es war die Phase, in der der Mittelstürmer des Zweitligisten Werder Bremen das berühmte Scheunentor nicht traf, er gerade den baugleichen Konkurrenten Marvin Ducksch vor die Nase gesetzt bekommen hatte, als Füllkrug darüber spottete, dass ihm jemand doch bitte noch vor Schließung des Transferfensters einen neuen Verein bringen möge. Halb Spaß, halb Ernst.

Die beim Streamingdienst Dazn ausgestrahlte Werder-Doku „Ein Jahr zweite Liga“ verrät detailliert, wie lange es brauchte, dass sich zwischen Füllkrug und Ducksch eine gedeihliche Zusammenarbeit entwickelt. Der später mit seinem gefälschten Impfpass aufgeflogene Fußballlehrer Markus Anfang hatte einen Angreifer anfangs nicht aufgestellt, der unter Trainer Ole Werner so gut geworden ist, dass er nach dem 5:1 gegen Borussia Mönchengladbach plötzlich fast als Retter der mittelstürmerlosen Nation gilt.

Die Kardinalfrage lautet, ob der wegen einer dentalen Fehlstellung der Vorderzähne an der Weser nur „Lücke“ gerufene 29-Jährige auch die Leerstelle bei der deutschen Nationalmannschaft für die WM in Katar schließen kann. Eine Debatte, bei der es zwei Meinungen gibt. Einerseits stimmt es, was der Füllkrug-Befürworter Lothar Matthäus anmerkte: dass Bundestrainer Hansi Flick „nicht blind“ ist und sicherlich registriert, was Bremen Bester abliefert. Sein Doppelpack gegen die zerzauste Fohlenelf flimmerte als Topspiel über die Mattscheibe. In den ersten acht Ligaspielen hat Füllkrug nun siebenmal (davon zwei Elfmeter) getroffen. Auf eine bessere Bilanz kommt im Stürmer-Verein Werder Bremen übrigens nur ein gewisser Rudi Völler.

Was Füllkrug abhebt: Kein Timo Werner, Kai Havertz, Lukas Nmecha oder Karim Adeyemi zeigen sich beim Kopfballspiel so entschlossen wie Werders Wuchtbrumme. Nur kann die sich auch in einem WM-Achtelfinale gegen Kroatien bei Rückstand durchsetzen? „Der Junge kann alles. Im Moment ist er für mich der beste deutsche Stürmer“, beteuerte Ducksch, der über die grün-weiße Ehrenrunde im Unterhaus ein blindes Verständnis zum Angriffspartner aufgebaut hat.

Andererseits gibt es den Füllkrug-Skeptiker Dietmar Hamann, dem die Fantasie fehlt, dass dieser Nothelfer wirklich hilft. Zwar seien die Leistungen Füllkrugs in der zweiten Liga und jetzt in der Bundesliga herausragend. „Nur wir wissen doch seit zwei Jahren, dass wir keine Stürmer haben. Dann lade ich den Füllkrug doch vor sechs Monaten ein.“

Freitag vor Flicks Augen?

„Mich erfüllt es, meine Bestleistung auf den Platz zu bringen. Mein Einflussbereich ist meine Leistung“, erklärte Füllkrug, der zu viele Tiefen erlebt hat, um selbst für seine WM-Teilnahme zu trommeln. Der in 241 Erst- und Zweitligaspielen 82-mal erfolgreiche Profi war in seiner Karriere oft verletzt. Sein Knie ist vorgeschädigt, seine internationale Erfahrung, abgesehen von einigen Einsätzen in der U19 und U20, steht bei Null. Dass so einer bei einer WM den Retter spielt, wo es so gut wie keine Vorbereitungszeit gibt, wirkt dann doch fraglich. Einerseits. Andererseits hat Hansi Flick selbst angekündigt, dass ihm die 26 Kaderplätze für diesen Fall in die Karten spielen.

„Dadurch, dass wir drei Optionen mehr haben, denken wir natürlich darüber nach, ob man eine Wenn-dann-Strategie fährt“, sagte der Bundestrainer vor zwei Wochen auf dem DFB-Campus, ohne dort näher auf den Namen Niclas Füllkrug einzugehen. Ob Bremens Torjäger wirklich der Mann für den „gewissen Moment“ sein kann, davon will sich der Bundestrainer angeblich am Freitag ein Bild machen. Dann spielt Werder bei der TSG Hoffenheim. Flicks Heimatörtchen Bammental liegt gleich um die Ecke.

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