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Luca Waldschmidt (23) wurde dem vier jahre älteren Kevin Volland als Ersatz für Leroy Sané vorgezogen.

Fußball-Nationalmannschaft

Löws konsequente Liebe zur Jugend

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Der Bundestrainer erläutert per Videokonferenz seinen Kader. Für die Spiele gegen die Niederlande und in Nordirland hat das Analyseteam Einzelprofile erstellt.

Das Experiment hat geklappt. Erstmals in seiner nunmehr bereits ins 14. Jahr gehenden Karriere als Bundestrainer hat Joachim Löw die Bekanntgabe seines Kaders einem Kreis von Journalisten im digitalen Video-Pressegespräch erläutert. Dabei hockte der technischen Entwicklungen stets aufgeschlossene 59-Jährige in seiner Heimatstadt Freiburg in einem kargen Raum neben Pressesprecher Jens Grittner, derweil sich die Reporter in ihren Redaktionen in einen virtuellen Konferenzraum einbuchten und in höchster Disziplin einer nach dem anderen Fragen stellen durften, die von Löw meist umfassend beantwortet wurden. Eine Dreiviertelstunde dauerte das, dann wurde der mitteilsame Bundestrainer entlassen.

Es ließen sich ein paar Botschaften herausfiltern aus den Äußerungen des Südbadeners, der für die EM-Qualifikationsspiele gegen die Niederlande am nächsten Freitag und in Nordirland am darauffolgenden Montag erstmals den Freiburger Luca Waldschmidt nominierte und außerdem Emre Can von Juventus Turin zurück in den erlauchten Kreis seiner Auserwählten berief. Im Fall des stadtbekannten Offensivmannes Waldschmidt hatte Löw indes davon abgesehen, persönlich fast nebenan an der Haustür des 23-Jährigen vorstellig zu werden, sondern sich fernmündlich gemeldet. Konferenzgespräche mit seinen Spielern stehen noch nicht auf der To-Do-Liste des Bundestrainers.

Grundsätzlich bezeugte Löw, dass es offenbar gelungen ist, das Jammertal des vergangenen Sommers mit dem erstaunlich frühen WM-Aus verlassen zu haben. „Es ist eine große Aufbruchstimmung zu spüren“, die junge Mannschaft, aus der sich viele Spieler bereits seit gemeinsamen Jugendtagen in Nachwuchsauswahlteams kennen, verbreite einen „sehr guten Spirit“, Ganz genau muss der Chefcoach das allerdings wohl erst noch erspüren, fehlte er doch zuletzt verletzungsbedingt im Juni bei den letzten Maßnahmen. Umso mehr brenne er jetzt darauf, „wieder zur Mannschaft zu stoßen“.

Bei allem Lob für die Entwicklung wies der strenge Herr Löw aber auch relativierend darauf hin, dass seine Eleven noch ein gutes Stück von dem entfernt sind, was sich ihr Vorgesetzter als Optimum vorstellt. „Im internationalen Vergleich sind wir auf dem Weg dahin, wo wir mal waren. Die Ansätze sind da.“ Beispielhaft nannte er das Hinspiel Ende März in Amsterdam gegen die Niederlande, eine Halbzeit „unglaublich dominant“, eine weitere Halbzeit „wacklig“. Dass es dann doch zum 3:2-Sieg langte, der den Deutschen ein wenig Luft im Wettrennen um die EM-Qualifikation verschaffte, sei für die noch recht unerfahrene Mannschaft von besonderer Bedeutung gewesen. „Der Aufwand im Spiel“ habe „zu Spaß geführt“, das wiederum tue „der Mannschaft gut“.

Da fühlt sich einer offenbar verdächtig an die Zeit um 2010 und die Folgejahre erinnert, als er aus einer Rasselbande den Weltmeister 2014 formte. Um diese Rasselbanden-Strategie so ähnlich zu wiederholen, haben die Kollegen im Trainer- und Analystenteam die Sommerpause genutzt, um Einzelprofile der aktuellen Mannschaft herauszufiltern, auf dass jedem Spieler dezidiert auch dessen Stärken und Schwächen aufbereitet werden können. Beim Neu-Dortmunder Julian Brandt beispielsweise hat das Team Löw ein durchaus ausbaufähiges Verhalten „in defensiven Umschaltsitationen“ erkannt. Beim Leverkusener Abwehrmann Jonathan Tah wurden eine stark verbesserte Spielauslösung diagnostiziert. So erhält ein jeder ein bisschen Zuckerbrot und gewiss nur leichte und somit unbedenkliche Züchtigung mit der Peitsche. Als Stimmungskiller ist der Bundes-Jogi schließlich noch niemals auffällig geworden. Das soll auch so bleiben.

Konsequent bleibt der Trainer dabei, auf die Jugend zu setzen und stets die Perspektive im Auge zu behalten. So konnte es auch niemanden überraschen, dass er den vier Jahre jüngeren Waldschmidt dem in bester Form befindlichen Leverkusener Kevin Volland vorzog. Volland ist 27, bei allem Respekt: In der neuen Jogi-Löw-Zeitrechnung ist das fast schon uralt. Hinzu kommt, dass Volland bereits mehrfach dazugehörte, Löw sieht den variablen Stürmer offenbar nicht als Entwicklungsspieler.

Weiterhin außerhalb aller Zweifel stehen in seiner internen Rangliste die beiden einzig noch übriggebliebenen Weltmeister, Kapitän Manuel Neuer und Mittelfeldmann Toni Kroos. Es sei überaus bedeutend, in einer Mannschaft Spieler zu haben, „an denen sich die anderen aufrichten können, wenn es mal aus dem Ruder läuft“. Kroos hält er dafür auf dessen zentraler Position für besonders geeignet. Beide, Neuer und Kroos, sind im Kosmos Löw nach wie vor selbstverständliche Startelfspieler.

In Hamburg, wo sich der Kader am Montag im besten Haus am Platze trifft und die Trainingseinheiten im Millerntorstadion des FC St. Pauli verrichten wird, fehlen verletzungsbedingt Leroy Sané (Manchester City), Julian Draxler, Thilo Kehrer (beide Paris Saint-Germain) und Antonio Rüdiger (FC Chelsea). Bis auf Sané, für den Waldschmidt aufrückt, dürften die anderen Ausfälle recht komplikationslos zu kompensieren sein.

Der Kader

Bundestrainer Joachim Löw hat 22 Spieler für die EM-Qualifikationsspiele gegen die Niederlande (6. September/Hamburg) und Nordirland (9. September/Belfast) nominiert.

Torhüter: Bernd Leno (FC Arsenal), Manuel Neuer (FC Bayern München), Marc-André ter Stegen (FC Barcelona)

Abwehr: Matthias Ginter (Borussia Mönchengladbach), Marcel Halstenberg (RB Leipzig), Lukas Klostermann (RB Leipzig), Nico Schulz (Borussia Dortmund), Niklas Stark (Hertha BSC), Niklas Süle (FC Bayern München), Jonathan Tah (Bayer Leverkusen)

Mittelfeld: Julian Brandt (Borussia Dortmund), Emre Can (Juventus Turin), Leon Goretzka (FC Bayern München), Serge Gnabry (FC Bayern München), Ilkay Gündogan (Manchester City), Kai Havertz (Bayer Leverkusen), Jonas Hector (1. FC Köln), Joshua Kimmich (FC Bayern München), Toni Kroos (Real Madrid), Marco Reus (Bor. Dortmund)

Angriff: Timo Werner (RB Leipzig), Luca Waldschmidt (SC Freiburg).

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