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In Aktion: Kevin Trapp. afp

Nationalmannschaft

Löw übt Verzicht auf freiwilliger Basis

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Der Bundestrainer sorgt sich schon heute um die Überbelastung seiner Nationalspieler, weshalb er einige seiner Besten zum ersten Länderspiel seit zehn Monaten gar nicht nominiert.

Ausgedehnte Spaziergänge im Schwarzwald, reichlich Sonnenstunden in Freiburg und fast zehn Monate kein Länderspiel: Diese Kombination hat Joachim Löw zumindest äußerlich gut getan. Selten hat der Bundestrainer so erholt ausgesehen wie am frühen Dienstagabend bei der virtuellen Pressekonferenz aus der Frankfurter DFB-Zentrale zu den bevorstehenden Nations-League-Gruppenspielen gegen Spanien in Stuttgart (3.September) und drei Tage später gegen die Schweiz in Basel. Dass der Mann tatsächlich schon 60 ist – ihm ist es noch weniger anzusehen als früher. Insofern lag ein gefühlter Widerspruch nahe, als der Südbadener sich vor dem ersten Zusammentreffen der deutschen Nationalmannschaft gleich darum sorgte, dass zuvorderst seine Spieler nicht ausgeruht genug sein könnten.

Die Pandemie führt zu einer Häufung der Termine in einem Herbst, den Löw schon heute sorgenvoll betrachtet. Vier Champions-League-Sieger vom FC Bayern, Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Serge Gnabry, sowie Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg vom Halbfinalisten RB Leipzig sollen deshalb mal lieber weiter Urlaub machen. „Ich verzichte auf die Spieler. Niemand hat mich darum geben“, verriet der Bundestrainer. Aber natürlich hat er mit den Vereinstrainern Hansi Flick und Julian Nagelsmann telefoniert, und alle sind sich einig, dass die hoch belasteten Akteure erstmal runterfahren sollen, sonst würden „sie irgendwie einbrechen“, glaubt Löw. Schlimmstenfalls im Sommer 2021, wo doch – wenn es die Corona-Lage erlaubt – die EM nachgeholt werden soll.

Die Länderspielsaison 2020/21 wird Löw unter das Credo eines besonderen „Verantwortungsgefühls“ stellen, obwohl die DFB-Auswahl zuletzt „seit dem Zweiten Weltkrieg“, wie Präsident Fritz Keller anmerkte, so lange ausgesetzt hat. Der letzte Auftritt vor der Pandemie fand am 19. November 2019 unweit der DFB-Heimat statt: ein unbeschwertes 6:1 gegen Nordirland in der Frankfurter Arena zum Abschluss der EM-Qualifikation. Vom Coronavirus hatte damals allein Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer aus seinem Medizinstudium gehört.

Löws Credo lautet heute: „Nur wenn alle Spieler bei der EM fit sind, können wir etwas Großes reißen. Die EM steht über allem, daran werden wir gemessen.“ Für einen Fußballlehrer wie ihn, perspektivisch ausgerichtet gleich noch auf die WM 2022 und sogar die „EM 2024 im eigenen Land“, wie Löw sagte, gelte es, vorausschauend zu handeln. „Ich möchte nicht die Situation haben, dass wir im Herbst viele Verletzungen haben und sie aus dem Rhythmus kommen.“ Ohne die „geistige und körperliche Frische“ werde es nichts mit solch schöner Silberware, wie sie gerade die Münchner in Lissabon empfingen. Dort, bemerkte der in Portugal präsente Präsident Keller etwas eigentümlich, habe sich „der Geruch“ des Henkelpotts richtig gut angefühlt.

Die bekennenden südbadischen Genussmenschen Löw und Keller bildeten im kleinen Sitzungssaal mit Direktor Oliver Bierhoff und Generalsekretär Friedrich Curtius eine an Tischen sitzende Viererkette, die ordnungsgemäß den in Corona-Zeiten geforderten Sicherheitsabstand einhielt. Hinlänglich bekannt, dass der Verband in wirtschaftlicher Hinsicht von Jogis Jungs abhängig ist. „Unsere Lebensversicherung“ nannte Curtius explizit die anstehenden Länderspiele. Könnten diese auch 2020 nicht stattfinden, würde der DFB am Jahresende 77 Millionen Euro Minus machen – mit Länderspielen sind es „nur“ 16 Millionen.

Für den Re-Start hat Löw drei Neulinge geladen und mit Komplimenten bedacht. Weil Neuer pausieren muss und Marc-André ter Stegen operiert wurde, stößt erstmals Torwart Oliver Baumann (TSG Hoffenheim) zur Nationalelf, wobei sich Kevin Trapp (Eintracht Frankfurt) und Bernd Leno (FC Arsenal) die Einsätze zwischen den Pfosten teilen dürften. Die Berufung von Außenbahnspieler Robin Gosens (Atalanta Bergamo) wäre ohne die Corona-Unterbrechung schon im März erfolgt, dazu belohnte Löw auch die starken Leistungen von Mittelfeldspieler Florian Neuhaus (Borussia Mönchengladbach).

Für das von Ersatzkapitän Toni Kroos (Real Madrid) angeführte Löw-Ensemble wird nach Eintreffen am Montag im Waldhotel Stuttgart unverzüglich „eine Blase“ gebildet, wie es Bierhoff nannte. Keine Kontakte zu Außenwelt, keine Autogramme für Fans, keine Pressekonferenzen mit Journalisten. „Das, was man uns häufig vorwirft“, erklärte der 52-Jährige mit einem Schmunzeln, muss sein, um kein Risiko einzugehen. „Wir werden im Hotel bleiben, keine Besuche empfangen und keine Zahnpasta kaufen“, versicherte der Manager, der es übrigens in Ordnung findet, dass Nationalmannschaften im nächsten Vierteljahr so oft auftreten. Inklusive der Oktober- und November-Abstellungsperioden sind acht Spieltermine vorgesehen.

Das ist sogar für den nach eigener Aussage „hochmotivierten“ Bundestrainer zu viel, der ein bisschen Bauchschmerzen damit hat, dass seine Mannen eng getaktet vor vermutlich leeren Rängen in Köln, Kiew oder Leipzig auflaufen. „Drei Spiele sind grenzwertig in kurzer Zeit. Ich persönlich hätte gerne zwei, drei Trainingseinheiten mehr.“

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