Protest: US-Fußballer gegen Rassismus.
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Protest: US-Fußballer gegen Rassismus.

US-Sports

Löcher im Spielplan

  • Steffen Herrmann
    vonSteffen Herrmann
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In den USA nehmen die Ligen ihren Betrieb wieder auf. Der Re-Start der Fußballer zeigt: Einfach wird das nicht.

In den USA rollt der Ball wieder. Doch der 2:1-Auftaktsieg von Orlando City SC gegen David Beckhams Inter Miami zum Re-Start der Major League Soccer geriet in mehrfacher Hinsicht zur Nebensache: Vor Spielbeginn am Mittwochabend (Ortszeit) protestierten die Fußballer eindrucksvoll gegen Polizeigewalt und Rassismus. Während die Teams von Orlando und Miami am Mittelkreis knieten, streckten mehr als 100 schwarze Spieler anderer Mannschaften minutenlang ihre rechten Fäuste in den Himmel.

Damit erinnerten sie an den knienden Protest des NFL-Spielers Colin Kaepernick 2016 einerseits und andererseits an Tommie Smith und John Carlos, die bei einer Siegerehrung während der Olympischen Spielen 1968 in Mexiko ihre Fäuste als Zeichen der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den Himmel hoben. Zudem trugen die Spieler Masken auf denen unter anderem „MLS is BLACK“ aufgedruckt war – eine Abwandlung des Turnierslogans „MLS is back“ (MLS ist zurück).

Mit ihrer Rückkehr ist die MLS die erste der großen US-amerikanischen Ligen, die ihre Saison nach der Zwangspause fortsetzt. Während der Protest von der Liga unterstützt und großen Teilen der Öffentlichkeit begrüßt wurde, treibt die Corona-Krise den Verantwortlichen Sorgenfalten auf die Stirn.

Für ihr Re-Start-Turnier hatte die MLS ein Gelände im Vergnügungspark Disney World in Orlando ausgewählt. Ausgerechnet Florida. Der Bundesstaat war in den vergangenen Wochen zu einem Hotspot der Pandemie geworden. Gouverneur Ron DeSantis, ein Parteigänger Donald Trumps, hatte schon im Mai Restaurants, Bars, Strände und Stripclubs wieder öffnen lassen – inzwischen melden viele Krankenhäuser, dass der Platz auf ihren Intensivstationen knapp wird.

Ob die MLS unter diesen Bedingungen das Turnier wie geplant zu Ende spielen wird, scheint fraglich. Ursprünglich sollten 26 Teams von 8. Juli bis 11. August in Orlando ihren Meister ermitteln. Doch die Coronavirus-Krise hat schon jetzt große Löcher in den Spielplan gerissen, den die Liga-Führung um Commissioner Don Garber nach der Zwangspause erarbeitet hatte.

Das für Mittwoch geplante Auftaktspiel zwischen Nashville und Chicago wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Grund: Neun positive Tests beim SC Nashville. Der FC Dallas war schon am Dienstag vom Turnier ausgeschlossen worden, weil sich zehn Spieler und ein Trainer der Texaner infiziert hatten. Und der Flieger des FC Toronto war gar nicht erst von kanadischem Boden abgehoben, nachdem ein Mitarbeiter Corona-Symptome gezeigt hatte. Das für Donnerstag angesetzte Spiel der Kanadier gegen D.C. United mit dem deutschen Profi Julian Gressel wurde auf Sonntag verschoben.

„Wir haben auf die Blase vertraut“, sagte Gressel dem Sportinformationsdienst. „Jetzt immer mehr positiv getestete Spieler zu haben, ist erschreckend und wirft einige Fragen bei mir auf.“ Zuvor hatte Ligachef Don Garber betont, dass die Spieler sicher in Orlando seien. „Sie befolgen die Regeln, tragen Masken, halten Abstand. Sie führen ein Leben in der Blase.“ Insgesamt 13 positive Profis, das sei angesichts von über 550 versammelten Kickern doch „relativ wenig“.

„Schlimmster Ort der Welt“

Einer der 550 Spieler in Orlando ist Florian Jungwirth, der für die San Jose Earthquakes spielt. Er und seine Kollegen seien „sehr gut isoliert von der Öffentlichkeit“, sagt der 31-Jährige im Gespräch mit dieser Zeitung. Man verlasse die Zimmer „eigentlich nur zum Essen, für das Training und manchmal auch, um in die Lounge zu gehen“.

Der ehemalige Bundesliga-Profi von Darmstadt 98 sieht zwar „Komplikationen“, sagt aber auch: „Ich bin an den Punkt gekommen, an dem ich wieder meiner Arbeit nachgehen will – und es gibt mit dem Turnier in Orlando eine Möglichkeit dazu.“

Zurück an die Arbeit heißt es ab 30. Juli auch für die US-amerikanischen Basketballer der NBA, ebenfalls auf dem Disney-Gelände in Florida. Doch wie in der MLS häufen sich die Corona-Fälle: Allein bei den Brooklyn Nets wurden vier Spieler positiv getestet.

Und mit jedem neuen Fall werden Zweifel am Sinn des Re-Starts größer. „Ich denke, wir haben keine Chance, diese Saison zu Ende zu bringen“, sagte die NBA-Legende Charles Barkley am Donnerstag in einer Videorunde. „So wie die Zahlen derzeit in die Höhe gehen – Florida ist der schlimmste Ort auf der ganzen Welt – und wir bringen 22 NBA-Teams in diesen Hotspot.“

Zwar hatten sowohl die Teameigentümer als auch die Spielergewerkschaft dem Re-Start in Orlando zugestimmt – doch das war zu einer Zeit, als es kaum Fälle im Sunshine State gab. Beim Erstellen des 113 Seiten umfassenden Hygienekonzepts Anfang Juni habe man „einen derartigen Anstieg nicht gesehen“, sagte nun Ligachef Adam Silver.

Einige Spieler werden deshalb auf die Reise nach Florida am kommenden Dienstag verzichten. Trevor Ariza von den Portland Trailblazers erklärte, er wolle sich lieber um seinen zwölfjährigen Sohn kümmern. Andere bleiben aus Furcht vor Verletzungen nach der lange Spiel- und Trainingspause zu Hause.

Den Re-Start der Fuß- und Basketballer wird man in New York sehr aufmerksam verfolgen. Dort sollen ab 31. August die US Open starten. Anders als in Orlando sogar mit Publikum. 22 547 Zuschauer fasste das Hauptstadion in den vergangenen Jahren. Bei jüngst mehr als 58 000 täglichen Corona-Neuinfektionen in den USA werden es auf absehbare Zeit wohl weniger sein.

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