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Auch wenn es nicht immer so wirkt: Lionel Messi  zeigt auch mit bald 32 kaum Anzeichen von Verschleiß.

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Held der Manege

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Die Hochachtung vor der Lebensleistung des Lionel Messi bleibt auf den Sport begrenzt.

Am Ende lag Lionel Messi wie ein Käfer am Boden und sah dabei gar nicht wie ein Triumphator aus. Er hatte, in der sechsten Minute der Nachspielzeit, einen letzten formidablen, unaufhaltsamen, atemberaubenden Sprint angezogen, in dessen Folge der gerade eingewechselte Ousmane Dembélé freistehend zum Schuss kam – und in einer Art und Weise verschlampte, wie es sich für einen 140-Millionen-Euro-Mann nicht ziemt. So vergab der FC Barcelona die Chance zum 4:0 und sollte besser zum Rückspiel am nächsten Dienstag an der Anfield Road alle Antennen weit in den Himmel über Liverpool ausfahren, um nicht noch eine böse Überraschung zu erleben. Denn das Team von Jürgen Klopp hat im Camp Nou gezeigt, wie außerordentlich gut es Fußball spielen kann. Aber es hat auch erleben müssen, dass Männer wie Sadio Mané oder Mohamed Salah zwar internationale Leuchten sind, sich im Angesicht eines kleinen, nicht mehr ganz blutjungen Kerls aber wie Schattengewächse gefühlt haben dürften.

Lionel Messi ist 31 Jahre alt, im Juni wird er 32. Es ist das ein Alter, in dem auch hochbegabte Fußballspieler spüren, dass ihnen in einem Abnutzungskampf, der keine Gnade kennt, zunehmend Dynamik und Drehmoment verloren gehen. Messi setzt, ebenso wie der fast zweieinhalb Jahre ältere Cristiano Ronaldo, diese Gesetze des Hochleistungssports außer Kraft. Das ist auch deshalb besonders bemerkenswert, weil bei den größten Spielern vergangener Zeiten, dem Brasilianer Pelé, dem Deutschen Franz Beckenbauer oder dem Argentinier Maradona, Anzeichen körperlichen Verschleißes schon eher sichtbar waren, wiewohl der Fußball sich damals gemächlicher über das Spielfeld bewegte.

683 Spiele, 600 Tore

Messi dagegen bewegt sich noch immer schneller als alle anderen, mit seinem unwiderstehlichen Auftritt vom 1. Mai 2019 hat der derzeit noch unzähmbare Irrwisch einen Kreis geschlossen. Denn genau am 1. Mai 2005, vor exakt 14 Jahren, erzielte der mit Wachstumshormonen aufgepeppte Hänfling als Einwechselspieler für Samuel Eto’o gegen den damaligen Erstligisten Albacete Balompié nach Vorarbeit von Ronaldinho sein erstes Pflichtspieltor für den FC Barcelona. Seitdem: 683 Spiele, 600 Tore, 240 Vorlagen. Diese fürwahr herausragende Bilanz in einer Form der Aufwertung für den einen oder Abwertung für den anderen mit jener von Cristiano Ronaldo zu vergleichen, verbietet sich. Der Portugiese kommt seit Oktober 2002 in 800 Partien für Sporting Lissabon, Manchester United, Real Madrid und Juventus Turin auf ebenfalls 600 Treffer sowie 213 Vorlagen. Das eine wie das andere ist bei weitem nicht nur mit Talent erklärbar, sondern auch mit einem hohen Maß an Hingabe und Professionalität.

Ronaldos Extravaganz, seine Selbstverliebtheit beim Torjubel sowie Vergewaltigungsanschuldigungen aus dem Jahr 2009, die noch immer einer juristischen Klärung harren, sollten dabei ebenso nicht unerwähnt bleiben wie die abenteuerlichen Steuersparmodelle, die sowohl Messis als auch Ronaldos Berater sich ausdachten, um den Reichtum ihrer Mandanten auf Kosten der Allgemeinheit zu mehren. Der Lichtkegel, der auf die Künstler in der Manege fällt, reicht nur selten in deren Schattenreiche hinein. Die Hochachtung vor der Lebensleistung bleibt auf den Sport begrenzt.

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