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Leistungssport in Deutschland: Gefährliche Entwicklung

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Von: Frank Hellmann

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Nicht erfolgreich genug: das deutsche Olympia-Team in Tokio.
Nicht erfolgreich genug: das deutsche Olympia-Team in Tokio. © dpa

Der deutsche Spitzensport verliert den Anschluss. Deshalb muss der Stellenwert von Sport und Bewegung in unserer Gesellschaft stärker herausgestellt werden. Ein Kommentar.

Drei Tage haben die Fachleute des deutschen Leistungssports im Olympiazentrum Kienbaum getagt, ehe der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit den Erkenntnissen an die Öffentlichkeit ging. Die Lehren aus den Olympischen Spielen in Tokio, in denen Deutschland seinen Ruf als führende Sportnation wohl endgültig verspielt hat, werden schonungslos benannt. Hellhörig muss über den Sport hinaus eine Aussage machen, die auf ein gesellschaftliches Versäumnis hinweist: Die Vernachlässigung des Faktor Bewegung und Sport im deutschen Bildungssystem sei weder unter leistungssportlichen Gesichtspunkten im internationalen Vergleich noch gesellschaftlich und gesundheitspolitisch verantwortbar. Das ist treffend formuliert.

Wenn Inaktivität einer ganzen Generation goutiert, Übergewicht, Fettleibigkeit und Bewegungsmangel von Kindern und Jugendlichen in erschreckendem Maße akzeptiert wird, ist mehr als nur die Konkurrenzfähigkeit bei Olympischen Spielen in Gefahr. Insgesamt muss der Stellenwert von Sport und Bewegung und damit auch des Leistungssports in unserer Gesellschaft stärker herausgestellt werden, hält der DOSB in seiner Analyse fest. Ohne eine breitere Basis kann sich in Deutschland keine Spitze herausbilden, die auf Weltniveau mithält.

Auch hier muss der Blick geweitet werden, weil das Übel nicht in den Sportvereinen, sondern bei vielen Eltern, aber auch in den Schulen beginnt. Was an öffentlichen, aber auch privaten Bildungseinrichtungen an sportlicher Regelbetätigung passiert, war schon vor Ausbruch der Pandemie in jeder Hinsicht zu wenig - vom Umfang, von der Tiefe. Und wie wenig Wertschätzung die Vereinsarbeit als wichtige Prävention vor gesundheitlichen Spätschäden hat, war in der Corona-Krise zu besichtigen. Den Nachwuchssport allein auf die Gefahr von Ansteckungen zu reduzieren, war fahrlässig. Smartphone, Tablet und Spielkonsole zogen schon vorher viel zu viele weg von den Sport- und Bolzplätzen.

Hinzu kommt in den Frauensportarten noch ein anderes Problem. Aufgrund von kulturellen oder religiösen Vorbehalten gelingt es hierzulande immer noch nicht, genügend Mädchen mit Migrationshintergrund für den Vereinssport, geschweige denn Leistungssport zu gewinnen. Patentrezepte gibt es in dieser wichtigen Zukunftsfrage nicht – nicht mal der deutsche Frauenfußball hat welche parat. Dass gerade jetzt aus dieser Sportart schwere Missbrauchsvorwürfe aus der angeblichen Vorzeigenation USA, aber auch anderen Ländern, aufkommen, ist fatal. Weil jetzt weltweite Zweifel genährt werden, dass Kinder im Sportverein gut aufgehoben sind.

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