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Letesenbet Gidey aus Äthiopien unterbietet den alten Weltrekord über 5000 Meter um vier Sekunden.

Leichtatheltik-Weltrekorde purzeln in Serie

Legales Doping für die Füße

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Joshua Cheptegei und Letesenbet Gidey brechen in ultraleichten „Wunderschuhen“ die Bestmarken über 10 000 und 5000 Meter.

Neue Weltrekorde werden in der Leichtathletik oft mit Argwohn beäugt. Der Dopingverdacht schwingt mit, vor allem wenn Bestmarken wie zuletzt über die Langstrecken reihenweise pulverisiert werden. Die jüngsten davon am Mittwochabend in Valencia. Doch diesmal sind es keine Hilfsmittel, die den Körper aufputschen, sondern hochmoderne Schuhe, die im Blickpunkt stehen.

Das als „Weltrekordtag“ angepriesene Meeting hielt was es versprach. Erst drückte die Äthiopierin Letesenbet Gidey (22) im Turia Stadion über 5000 Meter die alte Rekordzeit um vier Sekunden auf 14:06,62 Minuten und war damit so schnell wie der große Emil Zatopek bei den Olympischen Spielen 1952. Wenig später unterbot Joshua Cheptegei (24) aus Uganda die 15 Jahre alte Bestmarke vom äthiopischen Laufstar Kenenisa Bekela über 10000 Meter um sechs Sekunden und verbesserte den Weltrekord auf 26:11,00 Minuten.

Gidey als auch Cheptegei liefen in einem neuen Schuh, der seit diesem Sommer auf dem Markt ist: Nike ZoomX Dragonfly. Der für die mittleren Langstrecken konzipierte Schuh des US-Sportartikelherstellers hat eine Carbonplatte in der Sohle, einen speziellen Schaumstoff, er wiegt nur 125 Gramm– und ist vom Leichtatlethik-Weltverband genehmigt. Den gleichen Schuh trug Cheptegei, als er beim Diamond League Meeting in Monaco im August den Weltrekord über die 5000 Meter in 12:35,36 Minuten brach. Der alte, von Bekele in 12,37,35 Minuten gehalten, datierte aus dem Mai 2004. Beim gleichen Meeting, mit dem gleichen Hightech-Produkt am Start war der Norweger Jakob Ingebrigtsen (20), der über 1500 Meter Europarekord in 3:28,68 Minuten lief.

Einen Monat später purzelten in Brüssel beim sogenannten Ein-Stunden-Rennen die nächsten Bestzeiten. Der britische Langstreckenkönig Mo Farah rannte in einer Stunde 21 330 Meter und damit 45 Meter mehr, als die Langlauflegende Haile Gebrselassie. Die Niederländerin Sifan Hassan pushte den Weltrekord um 500 Meter auf 18,93 Kilometer. Beide trugen die neuen Spikes.

„Wir leben im 21. Jahrhundert, wir müssen den Wandel akzeptieren“, sagt Eliud Kipchoge. Der 35-jährige Marathon-Weltrekordhalter aus Kenia wird ebenfalls vom US-Artikelhersteller ausgerüstet und hat im vergangenen Jahr - mit Tempomachern und einer Laserlinie als Orientierungshilfe - als erster Mensch die 42,195 Kilometer unter zwei Stunden absolviert. Und mit speziellen Langstreckenschuhen, die eine vierprozentige Verbesserung in der Laufökonomie versprechen - und dieses Versprechen offenbar auch einhalten. Die fünf schnellsten Marathonzeiten bei den Männern wurden alle mit dem gleichen Modell gelaufen.

Feiert seine Fabelzeit über 10 000 Meter: Joshua Cheptegei aus Uganda.

„Die Leute hätten diese Schuhe rausbringen sollen, als ich in Form war“, scherzte Haile Gebrselassie vor dem Event in Valencia. Neben der Schuhtechnologie, sieht der zweifache Olympiasieger auch einen Vorteil für die heutige Läufergeneration mit digitalen Tempomachern. In Valencia wiesen blinkende LED-Lichter den Athleten den Weg. „Cheptegei wird es leicht haben, den Weltrekord zu brechen“, prognostizierte Gebrselassie. So war es auch. Irgendwann hatte der 24-Jährige das Licht abgehängt. 24 Runden lief er stets in 63 Sekunden, dann drückte er nochmal aufs Tempo und legte die letzten 400 Meter in 60 Sekunden zurück. Gebrselassie ist überzeugt, dass der Ugander die 10 000 Meter auch unter 26 Minuten laufen kann, mindestens aber unter 26:10 Minuten.

Cheptegei hat sich jedenfalls viel vorgenommen. Er wolle der Größte auf den Langstrecken werden hatte er angekündigt. Nach dem Rennen erklärte er selbstbewusst: „Das ist nur das Fundament für das, was ich in den nächsten Jahren erreichen will.“

Bei seinen letzten fünf Rennen holte Cheptegei WM-Gold über 10 000 Meter mit Meisterschaftsrekord in Doha (6. Oktober 2019), die Straßenweltrekorde über zehn Kilometer (1. Dezember 2019) und fünf Kilometer (16. Februar 2020) sowie die Bahnweltrekorde über 5000 Meter (14. August 2020) und nun über 10 000 Meter.

Einen Weltrekord ist der 24-Jährige aber bereits wieder los. Der 20-jährige Kenianer Rhonex Kipruto schnappte sich Anfang Januar den Straßenweltrekord über zehn Kilometer in 26:24 Minuten. Ebenfalls in Valencia – aber in Laufschuhen eines deutschen Sportartikelherstellers aus Herzogenaurach: Adidas.

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