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Amanal Petros läuft und bangt.
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Amanal Petros läuft und bangt.

Leichtathletik

Laufendes Vorbild

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Der als Flüchtling nach Deutschland gekommene Marathon-Rekordhalter Amanal Petros erlebt das beste Jahr seiner Karriere, macht sich aber gleichzeitig große Sorgen um seine Familie.

Eigentlich müssten es unbeschwerte Feiertage sein, die Amanal Petros zum Jahreswechsel im Rheinland bei Freunden verbringt. Für die deutsche Leichtathletik hat der Läufer die Bestmarke über die Marathondistanz weggepustet wie andere erste Schneeflocken von ihrer frisch imprägnierten Winterjacke. Seine 2:07:18 Stunden bei idealen Bedingungen im spanischen Valencia – mehr als eine Minute schneller als Arne Gabius 2015 in Frankfurt – können auf absehbare Zeit wohl nur vom gebürtigen Eritreer selbst unterboten werden, der einst mit 16 Jahren als Asylbewerber nur mit Hose und einem T-Shirt bekleidet in Frankfurt landete und dann in Bielefeld untergebracht wurde. Heute ist er fast ein deutscher Sportstar.

„Ich bin so was von erleichtert, dass sich meine ganz Arbeit gelohnt hat“, sagt der 25-Jährige rückblickend, „2020 war das beste Jahr meiner Karriere.“ Was so nicht vorauszusehen war, denn Petros erinnert sich noch gut an den ersten Lockdown im Frühjahr, „als ich viel im Teutoburger Wald spazieren gegangen bin, mir ein Skateboard genommen oder Slackline gemacht habe.“ Die Balanceübung auf einem Gurtband steht für das Auf und Ab in einem Jahr, das ihn seit dem Nikolaustag schlagartig bekannt gemacht hat.

Der Rummel ist seitdem riesig, weil Petros nicht nur als das deutsche Laufwunder, sondern auch als laufendes Musterexemplar gelungener Integration betrachtet wird. Und trotzdem ist der junge Mann nicht richtig glücklich, weil er bis heute nicht weiß, was mit seiner Familie ist. „Das bedrückt mich, das kostet Zeit und Kraft. Die Sache kann ich nicht ignorieren“, erzählt er. Seit mehreren Wochen versucht er vergeblich, Kontakt zu seiner Mutter und seinen beiden Schwestern, 20 und 23 Jahre alt, aufzunehmen.

Nachdem die Familie vor dem Krieg in Eritrea flüchtete – Petros war damals zwei Jahre alt – hatten sie sich im Norden von Äthiopien mühsam eine Existenz aufgebaut hatten. Eine kleine Farm mit mehreren Angestellten und ein bisschen Viehzucht in der Nähe der Stadt Mekele. Eine Kommunikation ist nicht mehr möglich, weil die dazugehörige Infrastruktur offenbar mutwillig zerstört worden ist. „Es gibt kein Telefon, kein Internet mehr“, erklärt er. Aus seiner Sicht sind die Dinge klar: Er warf vor seinem Rekordlauf in den Sozialen Medien dem äthiopischen Präsidenten Abiy Ahmed vor, dass er „Unschuldige im Namen von Gerechtigkeit und Ordnung töten“ würde. Petros schrieb: „Meinerseits ist der äthiopische Präsident nichts weiter als ein Diktator geworden“, der zwar 2018 für den Friedensvertrag zwischen Eritrea und Äthiopien den Friedensnobelpreis erhalten habe, nun jedoch einen Krieg gegen Teile des eigenen Volkes führe. Die äthiopische Regierung hatte behauptet, dass die Regionalregierung der abtrünnigen Region Tigray einen Militärstützpunkt angegriffen hätte, deshalb seien Streitkräfte entsandt worden.

In genau jenes Gebiet, in der seine Familie lebt. Harren sie dort noch aus? Petros weiß es nicht. Er findet es befremdlich, dass europäische Medien das Thema kaum vertiefen. „Es geht um mehr als 70 000 Menschen, die in den Sudan vertrieben worden sind, Frauen werden vergewaltigt, Kinder sterben.“ Und die Welt schaue tatenlos zu. Wie sehr ihn dieses Schicksal bewegt, war bei seinem Auftritt kurz vor Heiligabend im NDR-Sportclub abzulesen, als Petros sichtlich aufgewühlt von seinem Vorhaben erzählte, selbst in die Krisenregion zu reisen, um Nachforschungen anzustellen. Getrieben vor lauter Verzweiflung.

Sein Trainer Tono Kirschbaum hat ihn davon abgebracht. Petros gehört schließlich seit längerem der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Warendorf an, ist seit 2015 deutscher Staatsbürger. „Er hätte sich im Sudan unverantwortlichen Risiken ausgesetzt.“ Nun sind Mitarbeiter des Roten Kreuzes gebeten worden, in seinem Namen nach den Familienangehörigen zu fahnden. Ungewiss, ob das von Erfolg gekrönt ist. Petros: „Ehrlich, ich weiß nicht, wie lange ich das durchhalte.“ Halt in seinem Leben muss daher wieder das Laufen geben – wie zu seiner Anfangszeit in Deutschland, als er im Flüchtlingsheim gegen die Langeweile anlief.

Heute hält er sich überwiegend im Ruhrgebiet auf, um unter Anleitung von Kirschbaum beim TV Wattenscheid 01 zu trainieren. Die Gruppe mit deutschen Langstrecklern wie Hendrik Pfeiffer, Tom Gröschel oder Nils Voigt treibt ihn nicht nur sportlich an, sondern ist auch privat zu wichtigen Ratgebern geworden. Am 5. Januar, erzählt Kirschbaum, werde Petros wieder nach Kenia ins Trainingslager fliegen, wo sich das Corona-Virus nicht annähernd so verbreitet wie in Mitteleuropa. Trotzdem verzichtet sein Coach vorsorglich auf den Trip ins Hochland um das Läufer-Eldorado Iten, „aber mit den Garmin-Uhren ist es ja recht einfach, einen Athleten aus Deutschland zu betreuen“. Täglich würden die Leistungsdaten gecheckt, dann gemeinsam via Skype oder Telefon die Ergebnisse ausgewertet. Geplant ist der Aufenthalt in der ostafrikanische Kraftquelle zunächst für drei Wochen, dies ließe sich aber leicht verlängern.

Bei der Wettkampfplanung 2021 stochert die gesamte Läuferszene bedingt durch die Pandemie noch im Nebel. Auch der beliebte Trierer Silvesterlauf ist abgesagt, aber Petros wird wie Gesa Krause oder Katharina Steinruck nun auf virtuelle Art teilnehmen und die Strecke auf einem Heimparcours mit einer Gedenkstartnummer zurücklegen, um damit eine Spende für die Opfer der Amokfahrt vom 1. Dezember anzustoßen. Dass sich der deutsche Marathon-Rekordhalter solchen Ansinnen nicht verschließt, ist selbstverständlich.

Seine neue Popularität hat neuerdings auch Schattenseiten. Auf seinem Instagram-Account würden sich in letzter Zeit rassistische Beschimpfungen häufen – das hat es früher in dieser Form nicht gegeben. Auch persönliche Beleidigungen sind darunter. „Ich reagiere da nicht drauf. Ich versuche, das erfolgreich zu ignorieren.“

Statt dessen sagt Petros unverdrossen: „Ich möchte für andere Flüchtlinge ein Vorbild sein.“ Seine Vita sollte dazu dienen, erklärt er, die Sprache zu lernen, sich Sportvereinen anzuschließen oder Kontakt aufzunehmen. Und wenn das in Corona-Zeiten schwierig ist, hindere das einen ja nicht daran, „einfach rauszugehen und Sport zu treiben“, erläutert er. Gerade traumatisierten Kriegsflüchtlingen empfiehlt er dieses Ventil, „um für sich selbst frei zu sein“.

Kirschbaum ist überzeugt, dass sein Schützling auch diese Metaebene bedienen kann. „Er ist schon einen langen Weg gegangen und wird seinen Weg gehen. Amanal ist ein sehr reflektierender Charakter, der sich im nächsten Schritt auch um seine berufliche Zukunft kümmern wird.“ Doch Eile ist nicht zwingend geboten. Auf absehbare Zeit kann er vermutlich seinen Lebensunterhalt mit dem Sport verdienen. Petros ist für einen Marathonläufer vergleichsweise jung, weshalb es auch vorerst bei einem Wechselspiel zwischen Bahn- und Straßenläufen bleiben soll. Kirschbaum sehe es gerne, wenn der 1,81 Meter große, aber nur 62 Kilo leichte Athlet seine Bestleistungen über 5000 Meter (13:22,52 Minuten) und 10 000 Meter (27:52,25) aus dem vergangenen Jahr auf absehbare Zeit noch unterbieten würde.

Dass auf lange Sicht die großen Marathonläufe in den Metropolen wie Hamburg, Berlin und Frankfurt, London, Boston oder New York lukrativer sind, versteht sich von selbst. Dass die Konkurrenz dort aber noch in ganz anderen Sphären unterwegs ist, weiß sein Manager Christoph Kopp auch. Einer der erfahrensten Köpfe der Szene betreut Petros seit zwei Jahren („ich kenne ihn schon sehr lange, das hat sich dann so ergeben“) und versucht, eine Startberechtigung für ein Einladungsrennen in den Emiraten über die Halbmarathondistanz im kommenden Jahr zu ergattern, was gar nicht so einfach ist.

Das übergeordnete Ziel sind dann die Olympischen Spiele in Tokio. Wenn es gut laufe, glaubt Kopp, könne Petros beim olympischen Marathon sogar „im Vorderfeld mitschwimmen, dann ist auch ein Ergebnis unter den Top Ten möglich.“ Seine hohe Grundschnelligkeit, die sich in seinen Zeiten auf der Bahn widerspiegelt, ermögliche ihm irgendwann sogar eine Zeit unter 2:06 Stunden, glaubt der Berliner Athletenmanager. Auch der Heimtrainer schreibt ihm das Potenzial für solche Zeiten zu, schließlich hat Petros die klassischen 42,195 Kilometer erst zwei Mal in seiner Karriere in Angriff genommen. Und die Grundvoraussetzungen seien prächtig, sagt Kirschbaum: Kaum ein Athlet sei vor dem Wettkampf so gelassen, um dann nach dem Startschuss den vollen Fokus zu behalten. „Darüber hinaus ist er sehr ehrgeizig und gewissenhaft. Amanal Petros lebt für seinen Sport.“

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