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„Laufen ist für mich wie ein Freund“

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Von: Frank Hellmann

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Filimon Abraham.
Filimon Abraham. © IMAGO/MIS

Der einst aus Eritrea geflüchtete Filimon Abraham will in die deutsche Marathonspitze - am liebsten schon beim Frankfurt-Marathon

Filimon Abraham ist erst am Donnerstag aus dem Flieger aus Addis Abeba gestiegen, der ihn direkt nach Frankfurt brachte. Sieben Wochen Trainingslager in der Nähe der auf mehr als 2300 Meter Höhe gelegenen äthiopischen Hauptstadt liegen hinter dem gebürtigen Eritreer, der beim Frankfurt Marathon am Sonntag (10 Uhr) als hoffnungsvollster Deutscher startet.

„Die Grundlagen sind gelegt“, versicherte der 29-Jährige wenige Stunden nach der Landung bei den obligatorischen Athletengesprächen an der Frankfurter Messe. Beim ältesten Stadtmarathon Deutschlands wird sein Start mit Spannung erwartet: Eigentlich wollte der Bahnspezialist im Frühjahr in Hamburg über die klassischen 42,195 Kilometer debütieren, musste aber wegen muskulärer Probleme bei Kilometer 35 aufgeben. Vorhaltungen, dass er entgegen dem Ratschlag seines Trainers Thomas Dreißigacker viel zu schnell angegangen sei, weist er jetzt entschieden zurück. Er habe schlicht Pech gehabt.

Wie auch bei seinem Start über 10 000 Meter bei der Leichtathletik-EM in München. „Am Tag vorher habe ich Fieber bekommen, dann habe ich vor dem Rennen etwas Falsches gegessen.“ Aber der zweiten Stadionrunde hatte er ein flaues Gefühl in der Magengegend, kämpfte sich aber durch und landete nach 28:53 Minuten auf Platz 19. Optimal lief auch das Rennen nicht.

Bewegende Flucht

Aber was sind sportliche Rückschläge gegen das, was er vor acht Jahren durchgemacht hat, als er sich entschied, seinem Heimatland den Rücken zu kehren? Junge Männer werden in Eritrea oft auf unbestimmte Zeit zum Militärdienst verpflichtet, jeder Zweite lebt unterhalb der Armutsgrenze. Einige Monate dauerte es, bis er über Libyen, das Mittelmeer nach Italien flüchtete und dann weiter nach Deutschland reiste, wo er bald in einer Flüchtlingsunterkunft im Chiemgau unterkam.

Dann entdeckte er für sich wieder das Laufen, was ihn schon als Jugendlicher begeistert hatte. Genau wie das Radfahren, „aber dafür hatte ich kein Geld“.

Der heute im bayrischen Traunstein lebende Abraham lernte Deutsch, versuchte sich als Koch und Fliesenleger – und er lief bald immer schneller und immer mehr. Der örtliche Leichtathletikverein LG Rupertiwinkel kümmerte sich rührend um ihn, bald machte er eine Schreinerlehre.

Sein Gesellenstück war eine Pokalvitrine. Mittlerweile arbeitet er halbtags bei einer Lampenfirma und trainiert bei der LG Telis Finanz Regensburg. Die Einbürgerung klappte vor zwei Jahren. Seine Halbmarathonzeit Anfang dieses Jahres von 1:02:35 Stunden in Neapel vermittelt Zuversicht, dass er unter 2:10 Stunden laufen kann. Er weiß, dass er bei der neuen deutschen Leistungsdichte mit Europameister Richard Ringer als Symbolfigur noch schneller werden muss, wenn er bei der WM 2023 in Budapest oder bei den Olympischen Spielen 2024 für Team D starten will.

Der Antrieb kommt von innen. „Laufen ist für mich wie ein Freund. Es ist Freude, Motivation und Hoffnung“, hat er einmal gesagt. Der Sport war seine Trittleiter in ein besseres Leben. Obwohl er seine in der Nähe der eritreischen Stadt Mendefera beheimateten Eltern und seinen fünf Geschwistern zuletzt im Trainingslager vergleichsweise nahe war, konnte er sie wieder nicht besuchen. Seit acht Jahren hat er sie nicht gesehen. „Wir telefonieren einmal im Monat. Es geht ihnen gut.“

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