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Immer noch Alltag: Ein leeres Schwimmbecken. Imago Images
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Immer noch Alltag: Ein leeres Schwimmbecken. Imago Images

Sportvereine in Sorge

„Lasst die Leute, speziell die Kids, wieder kicken“

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Im Breitensport kündigt sich durch den nächsten Lockdown wieder Stillstand an. Ein Aerosol-Experte fordert endlich ein Umdenken. Spitzenfunktionäre fühlen sich unverstanden.

Es hat lange gedauert, bis die Trainer der Talentgruppe des EOSC Offenbach wieder Kontakt mit ihren Mädchen und Jungen hatten, die in einem der traditionsreichsten Schwimmvereine der Rhein-Main-Region seit Ende Oktober vergangenen Jahres nicht mehr im Wasser waren. Die ersten Wochen gelang es noch, über virtuelle Angebote zumindest einen Teil der Gruppe irgendwie in Bewegung zu halten, doch dann riss auch die digitale Bande. Bis zur vergangenen Woche, als die Nachricht eintraf: „Erstes Angebot am Mittwoch, 14. April, zwölf bis 13 Uhr, Treffpunkt Parkplatz Waldschwimmbad.“ Zum Lauftraining auf der Rosenhöhe. Trainer, Eltern und Kinder waren hinterher begeistert. Selten hat Joggen so viel Spaß bereitet. Hauptsache wieder gemeinsame Bewegung an der frischen Luft. Das genügte, um allen im Corona-Frühjahr 2021 ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Doch wie lange hält dieser Hoffnungsschimmer an?

Denn die Sportbasis macht sich wieder große Sorgen. Gerade jetzt, wo viele Freiluftsportarten eigentlich wieder beginnen, droht erneut der Stillstand. Wenn im Kampf gegen eine dritte Corona-Welle bundesweite Maßnahmen durch die Änderung des Infektionsschutzgesetzes möglich werden, treffen die Restriktionen auch den Sport. In der Beschlussvorlage steht: „Die Ausübung von Sport soll nur in Form von kontaktloser Ausübung von Individualsportarten erlaubt sein. Sie sollen allein, zu zweit oder mit den Angehörigen des eigenen Hausstands ausgeübt werden dürfen. Ausnahmen gibt es auch weiter für den Wettkampf- und Trainingsbetrieb der Berufs- und der Leistungssportler der Bundes- und Landeskader.“ Nicht aber für den Breitensport. Es würde genügen, dass die Sieben-Tage-Inzidenz auf mehr als 100 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner steigt – dann wäre für die Basis jede vorsichtige Lockerung in Gruppen wieder hinfällig.

Aerosol-Experte Gerhard Scheuch sieht im Fußball keine Gefahren

Und das in Zeiten, wo ein Offener Brief der Gesellschaft für Aerosolforschung belegt, dass Bewegung im Freien kein Infektionstreiber ist. In einer großen irischen Studie wurde festgestellt, dass 99,9 Prozent der Infektionen in Innenräumen stattfinden. Aerosolexperte Gerhard Scheuch betonte am Donnerstag in einem Interview auf der DFB-Homepage: „Sport ist gesund, Sport tut gut – und er motiviert die Menschen, Innenräume zu verlassen. Er bringt sie an die frische Luft, wo so gut wie keine Ansteckungsfahr besteht.“

Beim Fußball sieht er keinerlei Bedenken: „Spielformen, Zweikämpfe, also ein ganz normales Mannschaftstraining sind problemlos möglich. Kleingruppen und Training streng auf Abstand ergeben keinen Sinn.“ Scheuch fordert: „Lasst die Leute, speziell die Kids, wieder kicken. Es ist ja Wahnsinn, was wir aktuell machen.“ Eine Altersbeschränkung für Sport im Freien hält der am Freitag vor dem Bundesgesundheitsausschuss sprechende Experte übrigens für überflüssig.

Wenn der Sport also seine Vereinsheime und am besten auch seine Umkleidekabinen verschlossen hält, die Sportler zuhause duschen, geht die Ansteckungsgefahr gegen Null. Viel größer ist das Risiko, dass die latente Bewegungsarmut gravierende Auswirkungen auf Körper und Seele hat – speziell bei Kindern und Jugendlichen.

DOSB-Vizepräsident Andreas Silbersack hält flammende Rede

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat immer wieder Alarm geschlagen. Präsident Alfons Hörmann hat mehrfach gemahnt, dass es „einen höheren Stellenwert für den Sport“ brauche. Die mit 27 Millionen Mitgliedern größte Massenbewegung des Landes fühle sich von der Politik mehr und mehr links liegen gelassen, konstatierte die Deutsche Presseagentur (dpa). Sportler sind keine Stubenhocker.

Vizepräsident Andreas Silbersack hat am Mittwoch mit einem emotionalen Appell vor den Spätfolgen im Amateur- und Breitensport gewarnt. „Wir haben eine dramatische Situation“, sagte der für Breitensport zuständige Silbersack bei der Anhörung des Sportausschusses zur vierten Ausgabe des Kinder- und Jugendberichts. Betroffene seien bis zu 1,5 Millionen Kinder, die mit Fettleibigkeit, Essstörungen und psychischen Problemen beschäftigt seien. Tendenz steigend. „Ich bitte den Sportausschuss, dies als Hilfeschrei anzusehen.“

„Wir produzieren eine verlorene Generation“

Die Schäden für die physische, psychische und soziale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen dürfe nicht mehr übersehen werden. „Seit mehr als einem Jahr sind die Kinder in den Schulen und Vereinen nicht mehr in der Lage, Sport zu treiben, wie sie es bräuchten. Wir brauchen vor der geplanten Änderung des Infektionsschutzgesetzes deshalb eine Privilegierung der bis 14-Jährigen, damit sie Sport treiben können.“ Ansonsten würde eine Lage entstehen, die die Gesellschaft Jahrzehnte lang beschäftigen werde: „Wir produzieren eine verlorene Generation. Die Bewegung, die wir für die Kinder brauchen, ist eine Investition in die Zukunft.“

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat ausgerechnet, dass allein das Fußballspielen dem öffentlichen Gesundheitssystem rund 5,6 Milliarden Euro einspart. Beim DFB fühlt man sich inzwischen genauso machtlos wie beim DOSB – nur den Lockdown immer weiter zu verlängern, ist ihnen gerade mit Blickrichtung Sommer viel zu wenig. Angedacht ist ein Schulterschluss mit der Kultur- und Eventbranche, mit dem Hotel- und Gaststättengewerbe, um sich eine gemeinsame Stimme zu geben.

„Die Ausführungen der Gesellschaft für Aerosolforschung bestärken uns einmal mehr in der Position, die wir seit Monaten klar vertreten“, sagte DFB-Vizepräsident Rainer Koch. „Das Infektionsrisiko auf dem Spielfeld unter freiem Himmel ist minimal. Der Sport gibt Menschen Bewegung und Lebensfreude zurück.“ Seine Forderung: „Sport unter Aufsicht muss endlich als sinnvoll und notwendig begriffen werden.“

DOSB und DFB haben das Gefühl, dass die Politik mitunter nicht mehr zuhört

Aber hört die Politik überhaupt noch hin? Hier haben die Topfunktionäre wie Hörmann und DFB-Präsident Fritz Keller inzwischen ihre Zweifel. Ihr Eindruck: Ihre Appelle sind oft auf taube Ohren gestoßen. Unverständnis und Unmut sind in den beiden größten deutschen Sportorganisatoren in den vergangenen Monaten gewachsen. Die Verbandsoberen halten sich mit schärferen Formulierungen mitunter noch zurück. Der Sport ist abhängig von der Politik. Die Förderung der Olympioniken erfolgt über staatliche Gelder, der Fußball ringt mit der bayrischen Landesregierung gerade darum, im EM-Spielort München in weniger als zwei Monaten Zuschauer zuzulassen. Zudem ist die Ausrichtung der EM 2024 nur im Doppelpass mit der Bundesregierung zu bewältigen.

Die Kritik verstummt aber nicht. „Ich glaube, diese Grenze ist in vielen Gesellschaftsbereichen erreicht oder überschritten und damit kein Phänomen, dass alleine den Sport trifft“, sagte Jürgen Kessing, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Wichtig sei die Aussicht auf „klar terminierte, verlässliche Schritte und Maßnahmen“ für die Rückkehr in eine neue Normalität im Breiten- und Wettkampfsport.

Nichts anderes wünscht sich auch die Talentgruppe des EOSC Offenbach. Dort tauchten in der WhatsApp-Gruppe gerade erste Fragen auf, ob es eine Aussage über den Start des Wassertrainings gibt. Antwort der Trainer: „Leider haben wir keine Informationen, dass wir bald ins Wasser dürfen, eher das Gegenteil ist wohl der Fall, aber nichts ist offiziell.“ Im schlimmsten Fall sind bald auch die Laufeinheiten im zart grünenden Wald rund um die Rosenhöhe schon wieder verboten. mit dpa

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