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Kristina Vogel schreibt Autogramme für und macht Fotos mit Nachwuchssportlern.

Kristina Vogel

„Ich möchte meine Geschichte teilen“

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Die Radrennfahrerin Kristina Vogel ist seit fast einem Jahr gelähmt. Im Interview spricht sie über ihren tragischen Unfall und ein Leben im Rollstuhl.

Am 26. Juni 2019 jährt sich zum ersten Mal der Tag, an dem sich das Leben von Kristina Vogel auf einen Schlag veränderte. Seit dem Trainingsunfall auf der Radrennbahn in Cottbus, als die elfmalige Rekordweltmeisterin mit einem niederländischen Nachwuchsfahrer zusammenprallte, ist die Erfurterin vom siebten Brustwirbel abwärts gelähmt. Wie sie ihr Leben im Rollstuhl meistert, warum sie ihre Gefühle offen mitteilen möchte und was sie für Zukunftspläne hat, verriet die 28-Jährige in Frankfurt.

Frau Vogel, Sie gibt es inzwischen auch als Puppe: Der Spielzeughersteller Mattel hat sie mit einer eigenen „Barbie“ geehrt. Wie kam es dazu?
Mein Manager Jörg Werner rief mich an und sagte mir: ,Von nun an hast Du dasselbe, das auch Angela Merkel hat.‘ Ich fragte mich, was meint er? Sind wir auf derselben Zeitungs-Seite? Dann hat er es mir erklärt. Es ist schön.

Durften Sie bei der Gestaltung der Puppe mitbestimmen?
Ja, ich habe Ihnen Fotos von mir geschickt.

Wie geht es Ihnen sonst?
Mir geht es ziemlich gut. Manchmal vergesse ich, dass der Unfall schon fast ein Jahr zurückliegt. Es ist verrückt, wie schnell die Zeit verfliegt. Ich arbeite jeden Tag in der Reha daran, etwas unabhängiger zu werden. Wie ich es vor meinem Unfall war. Das gelingt immer besser. Ich bin hier in Frankfurt mehrere Tage alleine. Das erste Mal so lange.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Ich lebe unter der Woche in Berlin, wo ich täglich im Unfallkrankenhaus in Marzahn meine Reha mache. Am Wochenende bin ich in meiner Heimatstadt Erfurt. Zurück bin ich neulich mit dem Auto erstmals alleine gefahren. Das gibt mir ein Gefühl, das ich vor meinem Unfall hatte – die Freiheit und Unabhängigkeit, dass ich für mich alleine entscheiden kann, wann und wo ich hinfahre und nicht einen Monat vorher jemand fragen muss, wer mich wohin fährt. Jetzt kann ich sagen: Hey, ich gehe shoppen! Es ist verrückt, wie viel es bedeuten kann, ein Auto zu fahren.

Sie sind in den sozialen Kanälen aktiver geworden. Das war anfangs nicht so.
Nach dem Unfall war ich glücklich, dass mein Freund und mein Manager die Presseanfragen blockiert haben. Das hat mir Zeit gegeben, um herauszufinden, was genau mit mir passiert ist. Ich habe ständig daran gedacht: Was wird, wenn ich das Krankenhaus verlasse? Wer werde ich dann sein? Es ist manchmal schwer, sich selbst neu kennen zu lernen. Ich war Kristina Vogel, eine Sportlerin. Ich habe mir immer gesagt: Es ist, wie es ist, ich kann die Situation nicht ändern. Aber es ist meine Entscheidung, das Beste daraus zu machen. Ich habe dann versucht, diese Momente zu teilen. Ich wollte nicht mehr dieses hektische Leben mit Presse-Terminen. Ich möchte Leuten Motivation und Stärke geben.

Und klappt das aus Ihrer Sicht?
Das funktioniert gut. Ich möchte die guten Momente teilen und auch die schlechten, wenn ich weine oder mich ärgere. Ich habe mich gefragt: Was ist der Sinn des Lebens? Vielleicht ist das mein Sinn.

Sie sind seit kurzem in der Politik in Erfurt tätig, wurden bei der Kommunalwahl für die CDU in den Stadtrat gewählt. Was genau machen Sie dort?
Die CDU hatte mich schon nach meinem Unfall gefragt, ob ich das machen könnte. Das war zu früh für mich. Nun haben sie mich erneut gefragt. Und ich war davon überzeugt. Ich bin nun angehende Stadträtin. Meine drei Schwerpunkte sind Sicherheit, Sport und barrierefreie Inklusion. Erfurt ist die schönste Stadt der Welt, ich kann Gutes für meine Stadt tun. Ich sitze im Rollstuhl und sehe die Welt nun total anders. Wo fehlt ein Aufzug? Wo gibt es keinen Bad-Zugang für Rollstuhlfahrer oder Rampen für Kinderwagen?

Am 26. Juni jährt sich Ihr Unfall erstmals. Wissen Sie schon, was Sie an dem Tag machen?
Nee, noch gar nicht, mal gucken.

Sie haben 2009 schon einmal einen schlimmen Unfall erlebt, als Sie im Training von einem Auto erfasst wurden. Sie erlitten Knochenbrüche und eine Gesichtshälfte wurde zerschnitten.
Danach habe ich schon die ersten Jahre ein bisschen den „Happy Life Day“ gefeiert – also quasi meinen zweiten Geburtstag. Das ist jetzt natürlich aber noch ein anderer Unfall.

Hat sich durch den neuen Unfall auch Ihre Sichtweise auf bestimmte Dinge verändert?
Nicht unbedingt durch den Unfall. Man wird ja auch älter, man kann hier und da mehr reflektieren. Als Sportler sagt man immer „Scheiß Verband“. Wenn man dann später selbst im Verband ist, merkt man erstmals, wie schwierig manche Sachen sind. So ist es auch in der Politik.

Sie machen insgesamt einen sehr zufriedenen Eindruck.
Das war ich schon immer.

Ist das vergleichbar mit früher?
Es ist anders, weil ich jetzt stolz auf mich sein kann, auf andere Sachen. Ich merke oft, wie schnell der Alltag weggeht. Vor ein paar Monaten war für mich krass, als ich es alleine vom Rollstuhl ins Bett geschafft habe. Mittlerweile mache ich das einfach. So Tage wie heute, hier in Frankfurt, wenn ich feststelle, ich bin gar nicht so schlecht, das geht alles schon, das ist ein bisschen Therapiestunde für mich.

Haben Sie schon wieder Ambitionen, im Behindertensport selbst aktiv zu werden?
Ich fühle mich ehrlich gesagt ziemlich gut, momentan kein Wettkampf-Athlet zu sein. Die Jahre waren ziemlich hart für mich. Ich liebe natürlich meinen Sport. Aber ich hatte immer den Druck meiner Nation, meines Teams auf meinen Schultern. Wenn ich gut gefahren bin und Gold geholt habe, hatten die anderen mehr Freiheiten. Jetzt spielt das keine Rolle.

Sie werden also vermutlich nicht in den Sport zurückkehren?
Ich habe das noch nicht entschieden. Sport war immer ein Teil meines Lebens. Der Unfall ist erst ein Jahr her. Vielleicht weiß ich es in ein paar Jahren.

Wie hatte sich im Laufe ihrer Karriere der Druck verändert?
Es wurde jedes Jahr härter für mich. Wenn man elfmal Weltmeister wird, will jeder einen verlieren sehen. Ich bin aber keine Maschine. Jeder neue Titel war härter zu gewinnen. Es schaut immer einfach aus, wenn man gut ist. Aber zu gewinnen ist manchmal härter, als Zweiter zu werden. Jetzt genieße ich es, einfach nur etwas für mich zu machen und für niemand anderes.

Wie kann man sich das vorstellen?
Ich habe Zeit, viele Dinge auszuprobieren. Ich konnte nie herausfinden: Warum mögen andere ihre Sportart? Warum rudern sie so gerne? Warum reiten sie so gerne? Jetzt kann ich das entdecken. Das ist schön, diese Chance zu haben.

Wie sind Sie aktuell im Radsport vernetzt?
Ich habe viele Freunde dort und bin unter anderem in zwei Kommissionen des Weltverbandes UCI.

Was sind Ihre Pläne?
Ich möchte jeden Tag unabhängiger werden – in der Bewegung von meinem Rollstuhl ins Bett oder dem Auto in den Rollstuhl. Ich werde auch als Kommentator arbeiten, zum Beispiel bei den Olympischen Spielen.

Sie scheinen das Leben genießen zu können?
Es ist verrückt. Ich mag Dinge, die passieren. Manchmal mache ich Dinge etwas zu schnell. Aber ich genieße es wirklich, diese Chancen. Ich bin ja auch weiterhin Polizeibeamtin und schaue nach einem Weg, zurückzukommen und was ich für sie machen kann. Und ich möchte mehr für die Deutsche Sporthilfe machen. Sie haben mich mehr als zehn Jahre unterstützt. Und man kann mich zum Beispiel als Redner buchen (lacht). Ich möchte meine Geschichte teilen und Leute motiviereren.

Haben Sie manchmal Angst?
Angst ist manchmal lustig, aber wichtig. Dadurch denkt man mehr über bestimmte Situationen nach. Angst ist so lange gut, so lange sie dich nicht blockiert. Man muss immer überzeugt sein von dem, was man macht.

Sie werden beim JP Morgan Lauf am 12. Juni in Frankfurt den Startschuss geben – gemeinsam mit Eislaufstar Katarina Witt. Was wünschen Sie den Teilnehmern dort?
Spaß zu haben! Aber 5,6 Kilometer können sehr lang werden... Es ist schön, wofür der Lauf steht: Für Teamwork, Spaß zu haben und etwas zu erreichen. Ich freue mich sehr, mehr als 60 000 Leute starten zu sehen. Das ist verrückt.

Interview: Harald Joisten

Zur Person

Kristina Vogel war und ist eine lebensfrohe Kämpferin. Geboren am 10. November 1990 im russischen Kirgistan, erlebte sie schon vor ihrem sportlichen Durchbruch als Bahnradfahrerin einen ersten großen Rückschlag. Im Mai 2009 wurde die Erfurterin beim Straßen-Training von einem Zivilfahrzeug der Thüringer Polizei erfasst. Ein Brustwirbel und die Handwurzelknochen brachen, sie verlor mehrere Zähne. Zudem zerschnitt die Glasscheibe des Autos ihr Gesicht, eine Gesichtshälfte blieb teilweise taub. Im August 2014 sprach ihr das Landgericht Erfurt ein Schmerzensgeld in Höhe von 100 000 Euro zu, zu zahlen vom Freistaat Thüringen. Ein Jahr später begann ihr großer Aufstieg zur erfolgreichsten Athletin ihrer Sportart. Sie wurde 2012 und 2016 Olympiasiegerin und gewann im März 2018 ihren elften Weltmeister-Titel – Rekord. Wenig später stoppte der schlimme Trainingsunfall am 26. Juni 2018 auf der Radrennbahn in Cottbus ihre einzigartige Karriere auf einen Schlag. Seitdem ist sie vom siebten Brustwirbel abwärts querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. (joi)

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