FC Bayern

Der Krisen-Kahn

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  • Hanna Raif
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Der angehende Bayern-Boss wird auf die Schnelle für seinen neuen Job fit gemacht.

Fünf Heimspiele hat der FC Bayern in diesem Jahr bestritten, und fünfmal konnte man in der Münchner Arena nach Abpfiff dasselbe Bild beobachten. Ein gut gelaunter Oliver Kahn ging schnellen Schrittes durch den Bauch der Arena, grüßte freundlich und sagte Sätze, die im Kern bedeuten: „Es ist noch nicht an der Zeit zu sprechen.“

Für die Medienvertreter hieß das: Geduldet Euch! Ich werde als Vorstand schon noch genug Interviews geben! Damals war Kahn noch in seiner Rolle als Praktikant an oberster Stelle unterwegs. Heute, ein paar Wochen und eine große Corona-Pandemie später, ist er: Krisenmanager.

Die Videobotschaft an rund 1000 Mitarbeiter kam gut an. Mit Trainer Hansi Flick hatte sich Kahn am Freitag ins TV-Studio an die Säbener Straße gesetzt – freilich in gebührendem Abstand – und einen Gruß an die gesamte Bayernfamilie geschickt. Er wurde von allen gesehen. Von den Profis, die sich daheim fit halten. Von den Mitarbeitern der Geschäftsstelle, die im Homeoffice arbeiten, ihre Kinder betreuen und sich täglich in diversen Videoschalten treffen. Und von denjenigen, die im Service (wie im Museum, der Arena oder den Fanshops) beschäftigt sind und aktuell nicht viel anderes tun können als zu warten, ehe sie ihrer Tätigkeit wieder nachgehen können. Die Botschaft, die Kahn wichtig war: Gesundheit ist das oberste Gebot – und die Bayern stehen zusammen. Niemand soll sich Sorgen um seinen Job machen. Die Krise soll gemeinsam durchgestanden werden.

Kahn bringt sich in diesen Tagen enorm ein an der Säbener Straße. Freilich wird über Transfers und Verlängerungen gesprochen, auch da gibt es einiges zu tun. Der 50-Jährige aber ist auch bei allen Themen, die die Krise mit sich bringt, nicht nur involviert, sondern geht vorweg.

Es stehen Tag für Tag Meetings an, alle Abteilungen müssen angehört und im neuen Alltag gefördert werden. Für Kahn ist es gewissermaßen Lernen unter Extrem-Bedingungen – denn eigentlich sollte seine Einlernphase ja deutlich langsamer gestaltet werden.

Der ursprüngliche Plan hatte vorgesehen, dass der einstige Welttorhüter seinen alten und neuen Verein in all seinen Facetten und Schritt für Schritt kennenlernt, um eigene Ideen zu entwickeln. Praktikumstage in diversen Abteilungen waren angedacht, wurden dann aber in einigen Workshops mit verschiedenen Direktionen gebündelt. Die Frage, die er sich überall stellte, formulierte er vor einigen Wochen in einem Podcast wie folgt: „Wie kann der FC Bayern auch in Zukunft auf diesem Niveau bleiben und Erfolge fortschreiben? Und: Was muss er dafür tun?“ Kahns Vorstellungen davon, wie er den Verein nach dem Ausscheiden von Karl-Heinz Rummenigge Ende 2021 führen möchte, sollten nach und nach Konturen gewinnen. Nun gilt es erst mal, auf die neuen Umstände zu reagieren und irgendwann zurück in die finanzielle wie sportliche Spur zu finden.

Die Profis haben auf 20 Prozent ihres Gehalts verzichtet, auch das bestätigte Kahn in seiner Botschaft. Wie es für ihn 2020 weitergeht, steht hingegen noch in den Sternen. Das ZDF ließ gestern verlauten, dass über eine Weiterbeschäftigung als TV-Experte für die Europameisterschaft, die nun 2021 stattfinden soll, noch nicht entschieden sei. Ende 2020 sollte mit der Nebentätigkeit ursprünglich Schluss sein – und die volle Konzentration dem FC Bayern gelten.

Das tut sie auch jetzt schon. Kahn ist kreativ, und er will weitergeben, was er an diesem Klub so schätzt. Er forciert dabei aber wie angekündigt die Vernetzung mit allen Mitarbeitern und nicht nur mit jenen in der Vorstandsetage. In einer virtuellen Gruppe können neben arbeitstechnischen Dingen auch Sportvideos, Rezepte und Kinderbeschäftigungen ausgetauscht werden. Kahn will, dass es allen gut geht.

Der Weg zum Boss scheint im Schnelldurchlauf zu gelingen. Auch außerhalb der Säbener Straße hat der 50-Jährige nun endlich etwas zu sagen.

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