1. Startseite
  2. Sport

König Kaul träumt vom Olympiasieg

Erstellt:

Von: Nico-Marius Schmitz

Kommentare

Aus Überzeugung gut: Niklas Kaul - starker Speerwerfer und überragend über 1500 Meter.
Aus Überzeugung gut: Niklas Kaul - starker Speerwerfer und überragend über 1500 Meter. © dpa

Zehnkämpfer Niklas Kaul hat nach einem magischen EM-Abend noch mehr vor: den Olympiasieg. Für den Mainzer erscheint nichts mehr unmöglich.

Eigentlich hatte Niklas Kaul den Titel schon abgeschrieben. Nach dem Hochsprung ging der Mainzer am Dienstagvormittag mit dem Gedanken „Das war es“ in das Hotel zurück: „Nach dem Mittagsschlaf habe ich mir gesagt: Wenn die Goldchance weg ist, mache ich zumindest für alle Zuschauer eine Show in den letzten beiden Disziplinen.“ Jene Show lieferte der 24-Jährige dann auch tatsächlich ab. Mit dem Speerwurf über 76,05 Meter und einem 1500-Meter-Lauf in Bestzeit von 4:10,04 Minuten krönte sich Kaul zum neuen Europameister der Zehnkämpfer.

„Eine emotionale Achterbahnfahrt, so was habe ich noch nicht erlebt. Das ist der Zehnkampf, manchmal ist alles vorbei, manchmal bist du ganz oben.“ Kaul ist nach seinem Weltmeistertitel von Doha 2019 nun wieder ganz oben. Eine Portion Extramotivation gab es vor den abschließenden 1500 Metern von Arthur Abele, Europameister von 2018: „Ich habe ihm noch mal eine Ansage gemacht: Hol dir die scheiß Medaille.“ Der Lauf zu Gold, der die Leichtathletik-Fans verzückte, war für Abele keine Überraschung. Im Training wären ihm regelmäßig die Kinnladen runtergefallen, wenn er Kaul auf der Bahn sah. „Er ist ein brutaler Läufer. Wenn er marschieren muss, dann marschiert der Junge.“

Und was war das Erfolgskonzept für diese finalen 1500 Meter? Es gab eins, sagt Kaul, das hat aber nicht funktioniert. „In meinem Kopf war irgendwann einfach nur noch: Jetzt lauf, dann kommst du schon an.“ Beflügelt von 40 000 Zuschauenden im Münchner Olympiastadion, Kaul dachte, „sie reißen mir gerade die Tribüne ab.

Der Europameistertitel war für den Mainzer die Bestätigung seines Weges. Alles auf die Heim-EM in München auszurichten. Nach Doha 2019 reiste Kaul stets als „jüngster Zehnkampf-Weltmeister aller Zeiten“ zu den Wettbewerben, mit dem Druck musste er erst zurechtkommen. Bei den Olympischen Spielen in Tokio dann die Verletzung, die Bilder, wie er mit dem Rollstuhl aus dem Stadion gefahren wird. Schon damals habe ihn der Gedanke an München aus dem Loch rausgeholt.

Bierchen als Belohnung

„Die größte Aufholjagd in der Geschichte des internationalen Zehnkampfes“ gelang Kaul nun in München, wie ARD-Experte Frank Busemann in einer Kolumne schrieb. Bis zur letzten Disziplin lag Sprung-Ass Simon Ehammer vorne, dann fing Kaul ihn mit 8545 Punkten ab, der Schweizer holte Silber (8468). „Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, ihn bis zum Schluss zu ärgern. In der Heimnation so abzuliefern, ist ganz groß. Ich gönne es ihm vom Herzen“, sagte der 22-Jährige. Und kündigte mit einem breiten Grinsen an: „Ich trainiere, um irgendwann vorne zu sein. Ich werde alles dafür geben, mich in den Würfen zu steigern, dann muss er unter vier Minuten laufen.“

König Kaul sitzt wieder auf dem Thron der Leichtathleten – wie geht es jetzt weiter? Am Mittwoch gab es erst mal ein kühles Bierchen mit seinem Vater, der auch sein Trainer ist, ein Küsschen von seiner Freundin Mareike Rösing.

Und Kaul blickt bereits voraus, kündigte an, dass er bei den Olympischen Spielen in Paris noch stärker als in Doha und München sein möchte. Die Bestleistung aus dem Jahr 2019 (8691 Punkten) soll fallen. Denn Kaul weiß auch: Seine Punktzahl von München hätte zuletzt bei der WM „nur“ zu Platz vier gereicht. „Er ist noch sehr, sehr jung und hat so viel Potenzial“, sagte Abele: „Er muss einfach ein bisschen Stabilität reinbringen und dann wird das ein ganz, ganz, ganz, ganz Großer.“

Am Mittwoch erschien Niklas Kaul dann gut gelaunt zur Pressekonferenz. „Um fünf habe ich geschlafen. Ich glaube, dass hört und sieht man mir auch an“, sagte der Europameister über die Siegerparty. Da war die Ausdauer also wieder, die ihm Gold eingebracht hatte.

Auch interessant

Kommentare