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Rücksichtsloses Einsteigen: Liverpools Virgil van Dijk kollidiert mit Everton-Keeper Jordan Pickford.

Kommentar

Klopps Stolpersteine

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Das Foul an seinem Führungsspieler Virgil van Dijk wiegt noch schwerer als der Ärger über eine heftig umstrittene Abseitsentscheidung. Der Kommentar.

Womöglich gibt es gerade keinen anderen Fußballtrainer auf der Welt als Jürgen Klopp, der eine derartige Fallhöhe aufzuweisen hat. Aber dass die Einschläge so gewaltig sein würden? Der 2:7-Schmach vor der Länderspielpause gegen Aston Villa folgte nun die schwere Knieverletzung seines Abwehrchefs Virgil van Dijk, dem der englische Nationalkeeper Jordan Pickford ziemlich rücksichtslos in die Beine geraten war. Der Ausfall des niederländischen Klasseverteidigers wiegt noch schwerer als die im Merseyside-Derby gegen den FC Everton (2:2) verlorenen Punkte. Dass zu allem Überfluss ein später Treffer wegen einer Abseitsstellung nicht zählte, die keiner erkennen konnte, machte Klopp wütend. Der Mann ist von Haus aus kein guter Verlierer.

Klopp könnte es ein Trost sein, dass er hierzulande Errungenschaften hinterlassen hat, die gerade jetzt wieder in einem besonderen Licht erscheinen. Beim FSV Mainz 05 sehnen sie sich besonders nach jenen harmonischen wie emotionalen Zeiten zurück, in denen ein Ziehkind des Klubs den Verein, die Stadt, die Fans an guten wie schlechten Tagen zusammenhielt. Mit seiner zupackenden Art, die jeden mitriss – und aus der gewöhnlich etwas biederen Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz eine besondere Fußballstadt machte. Dass der aktuelle Nothelfer Jan-Moritz Lichte bei seiner Vorstellung als Cheftrainer sagte, er würde sofort für „Kloppo“ den Stuhl räumen, sagt eigentlich alles.

Bei Borussia Dortmund schaffte der gebürtige Schwabe mit langem Anlauf das nächste Wunderwerk: zwei Meisterschaften und ein Pokalsieg vor dem FC Bayern. Hans-Joachim Watzke, das ist deutlich spürbar, vermisst diese besondere Gabe bei seinem aktuellen Trainer Lucien Favre, aber der BVB-Boss weiß selbst: „Kloppo“ ist einmalig. Sonst hätte der nicht auf seiner dritten Trainerstation beim FC Liverpool noch einmal alles getoppt: erst der Champions-League-Sieg, dann die Meisterschaft. Die Erfolgsgeschichte mit den „Reds“ ist märchenhaft, und womöglich hätte Klopp die Huldigungen auf einer echten Meisterfeier Ende Juli gar nicht überlebt – weil die Fans ihn an der Anfield Road nahezu erdrückt hätten.

Dass es in dieser Saison viele Stolpersteine geben würde, war eigentlich klar. Nicht aber, dass der Ballast nach einer Handvoll Spieltagen so immens sein würde. Die Gefahr scheint sehr real, dass die Übermannschaft Liverpool in dieser Spielzeit wieder geerdet wird. In der Königsklasse ist das ja bereits passiert. Aber die von Klopp eingebrachten Spuren für die Ewigkeit wird auch hier niemand mehr verwischen können.

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