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Bundestrainer Joachim Löw (l) , DFB-Präsident Fritz Keller (2.v.r.) und DFB-Direktor Oliver Bierhoff (r) nehmen an einer Video-Pressekonferenz des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) teil. 

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Klebstoff vom Bundestrainer

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Joachim Löw findet bemerkenswerte Worte in der Coronakrise. Auf einmal ist der Fußball für den wichtigsten Fußballlehrer im Lande ganz weit weg.

Nie zuvor ging es in einer Pressekonferenz des Deutschen Fußball-Bundes so wenig um Fußball und so viel um das Leben. Der DFB hatte im Angesicht der Coronakrise fast zwei Dutzend Reporter aus dem ganzen Land über Skype zugeschaltet, um „als Reaktion auf die Ereignisse der vergangenen Tage“ Rede und Antwort zu stehen. Ein jeder durfte nur eine einzige Frage stellen, es ging sehr diszipliniert und rücksichtsvoll zur Sache. Die virtuelle Gesprächsrunde mit dem Präsidenten, dem Bundestrainer und dem Elite-Direktor wurde als Livestream ins Netz gestellt.

Im kollektiven Gedächtnis haften bleiben wird diese, zum Gesundheitsschutz der Beteiligten notwendig ungewohnte Gesprächsanordnung eher nicht, wohl aber auf dem linken Bildschirm der aus Freiburg zugeschaltet Joachim Löw im schwarzen Rollkragenpullover: Der Bundestrainer, mit tiefen Ringen unter den Augen, sichtlich gezeichnet von dem, was er da gerade zu verarbeiten hat. Ein Mann, der gedanklich nicht weiter weg sein könnte vom Fußball und nicht näher dran am Lebens- und Leidensgefühl vieler Menschen.

Wer diesen zuweilen unergründlichen Joachim Löw – gerade 60 Jahre alt geworden, jugendlich geblieben, gleichwohl vor der Zielkurve seines Lebens unterwegs – über viele Jahre begleitet hat, weiß, dass er seiner Berühmtheit als Weltmeistertrainer zum Trotz ein nahbarer Mensch geblieben ist. Selbst jene Episode, als er sich im Sommer 2018 nach der WM-Auftaktniederlage gegen Mexiko in anscheinend unbeeindruckter Arroganz an einer Lampe auf der Promenade von Sotschi gelehnt fotografieren ließ, erweckte einen falschen Eindruck: Jenen Eindruck nämlich, da habe einer komplett die Bodenhaftung verloren. Dabei hatte Löw in seiner Gutmütigkeit nur der Bitte eines Fotoreporters entsprochen.

Das Bekenntnis zu einer Art transzendentalen Logik kannte man vom Ästheten Löw so noch nicht: Der Bundestrainer beschrieb gestern betroffen eine Welt im kollektiven Burnout, die sich gegen die Menschen stemme, er geißelte in seiner Fundamentalkritik das Streben nach Macht, Gier, Profit, immer neuer Rekordsucht und äußerte zarte Zuversicht, die Menschen mögen künftig achtsamer miteinander umgehen, das Leben möge sich entschleunigen, der Respekt voreinander wieder größer werden. Löw hat Anzeichen gesteigerter gegenseitiger Hilfsbereitschaft entdeckt: „Man fragt andere, wie es ihnen geht, und meint es auch so.“

Das waren gute Worte eines Mannes, der solche Werte nicht nur vor sich herträgt. Aber waren es auch Worte, die eine Zukunft nach der Coronakrise beschreiben? Ist es nicht in Wahrheit so, dass diejenigen Menschen, die sich schon immer mehr um andere gekümmert und ihrer persönlichen Wahrnehmung nicht zuerst sich selbst gesehen haben, auch jetzt diejenigen sind, die ihre Werte mit besonderer Hingabe leben? Und diejenigen, die lieber rücksichtslos und eigennützig durchs Leben gehen, dies gerade jetzt umso mehr tun? Leergeräumte Regale, gestohlene oder gehamsterte Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel legen davon ganz profan Zeugnis ab.

Und doch dürfte Joachim Löw in seiner sichtbaren Überforderung mit der unbekannten Situation nicht nur Fußballfans Trost und Halt geliefert haben, ohne dabei Panik zu verbreiten. Die Leute im Land sind mit ihren Ängsten nicht allein. Auch einem leibhaftigen Bundestrainer geht es gar nicht anders. Der hat mit seinem bemerkenswerten Auftritt mehr gesellschaftlichen Klebstoff geliefert als mit jedem Spiel der Nationalmannschaft seit dem WM-Finale 2014.

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