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„Der Sport ist nicht systemrelevant“: Sebastian Kienle, Profi-Triathlet.

Triathlon

„Die Schwachen werden immer schwächer“

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Der Ironman Sebastian Kienle erklärt, warum die Corona-Krise im Sport dieselben Folgen hat wie in der Wirtschaft und er sich schon manchmal fragt, ob Triathlon-Veranstalter in Steinhöhlen leben.

Die Corona-Krise hat die Saisonplanung aller Triathleten torpediert. Sie sind zu allem Unglück auch noch im Trainingslager in St. Moritz mit dem Rad gestürzt. Was ist da passiert?

Wie das so oft im Leben geschieht: in dem Moment, wo keine wirklich Gefahr droht, ist man unaufmerksam. Auf einer geraden Straße vor einer Baustelle lag Rollsplit, ich war nicht wirklich schnell, aber habe das nicht direkt gesehen und dann ist mir mein Vorderrad weggerutscht – ich konnte nicht mal die Hand vom Lenker nehmen. Ich bin relativ heftig auf die linke Seite gefallen und habe sofort gemerkt, dass mein Schlüsselbein durch ist. Drei Stunden später lag ich im Operationssaal der Gut-Klinik in St. Moritz. Ich glaube, die Orthopäden und Chirurgen dort haben sich gefreut, dass es mal wieder einen Patienten gibt, bei dem man etwas operieren kann – ohne Corona (lacht). Wie ich das beurteilen kann, haben die mich ziemlich gut zusammengeschraubt.

Die Challenge-Organisation will am 29. August in Davos das erste Rennen der Saison ausrichten und hat Sie als Topstarter vorgestellt. Wie realistisch ist eine Teilnahme?

Für mich ist das schwierig zu beurteilen. Fakt ist, dass in der Schweiz schon Sportevents stattgefunden haben wie den Engadin Bike Giro oder einige Laufwettkämpfe. Es gibt die Genehmigung für das Rennen, aber jeder weiß, dass sich das Infektionsgeschehen von Woche zu Woche, von Tag zu Tag ändern kann. Ich war ja im Trainingslager in St. Moritz und habe gesehen, dass wir die einzigen waren, die im Supermarkt mit Maske eingekauft haben. Ich hoffe, dass die Veranstaltung stattfinden kann, weil dann sicherlich weitere Rennen folgen werden.

Aber ist das für Sie in der Corona-Krise akzeptabel: Mit Hunderten Athleten vor dem Schwimmstart dicht an dicht auf den Startschuss zu warten?

Es bedarf sicher eine Anpassung der Regeln. Die Massenstarts mit 3000, 4000 Leuten gleichzeitig im Wasser gab es ja nicht mehr, weil sich die Wellenstarts beim Schwimmen durchgesetzt haben. Es wird jeweils ein Limit geben, das von den örtlichen Gegebenheiten abhängt. Dadurch, dass unser Sport im Freien stattfindet, mindert sich das Risiko. Im Gegensatz zu einem Radrennen gibt es bei uns ja das Windschattenverbot, das dann ausnahmsweise mal komplett eingehalten wird (lacht). Und beim Laufen würde man auch Lösungen finden.

Und was ist mit den Zuschauern? Der Zugang an die Strecken ist kaum kontrollierbar.

Ich kann verstehen, dass beispielsweise der Ironman Frankfurt deswegen skeptisch betrachtet wird, aber ich glaube, dass Zuschauer einer Sportveranstaltung grundsätzlich eine höhere Bereitschaft aufbringen, eine Maske zu tragen und 1,5 Meter Abstand zu halten als irgendwelches Partyvolk auf dem Frankfurter Opernplatz.

Sie widersprechen damit Jan Frodeno. Der hat gesagt, Triathlon mit aus aller Welt anreisenden Teilnehmern, sei so ziemlich die letzte Sportart, die wieder startet.

Viren kennen keine Grenzen, aber trotzdem hat das Corona-Virus keine Beine. Es läuft nicht in der Weltgeschichte herum, sondern es reist mit den Menschen. Deshalb ist der Ironman Hawaii ja so schwierig. Daher kann ich mir deutlich eher Sportveranstaltungen in Europa mit Athleten vorstellen, die aus Ländern mit ähnlicher Infektionslage kommen. Wenn Challenge für Ende November ein Rennen in Florianopolis in Brasilien ankündigt, frage ich mich schon, ob da jemand die vergangenen fünf Monate in einer Steinhöhle gelebt hat. Da wird niemand anreisen können und wollen. Für die USA gilt dasselbe.

Also war die Absage des Ironman Hawaii nur folgerichtig?

Ja, mich hat trotzdem gewundert, warum das so verhältnismäßig früh erfolgte. Bis jetzt war ja immer die Taktik des Ironman, mit solchen Entscheidungen so lange zu warten bis Städte oder Länder die Ausrichtung untersagen. Für uns ist damit natürlich die wichtigste Perspektive weg. Da fragt man sich schon mal, warum man so viel trainiert.

Sie habe zu Beginn der Pandemie ein Bild von sich auf einem Holland-Rad gepostet, bei dem Sie angeblich Klopapier kaufen und haben geschrieben, es sei eine Frage der Betrachtung, ob das Glas halb leer oder voll ist. Wie ist es jetzt?

Ich würde immer noch sagen, es ist halb voll. Ich war kurz vor dem Lockdown noch auf Fuerteventura und kann sagen, dass es uns im Vergleich zu Spanien in Deutschland wirklich gut ging: Wir durften immer raus und uns bewegen. Die Corona-Krise wird sowohl in der Wirtschaft als auch im Sport dafür sorgen, dass die Starken stärker und die Schwachen schwächer werden. Im Triathlon verdienen die meisten Profis nur Geld, wenn sie bei Rennen auch entsprechende Platzierungen liefern. Fürs Trainieren wird keiner bezahlt.

Wie groß waren ihre finanziellen Einbußen durch die Krise?

Knapp die Hälfte meiner sonstigen Einnahmen fehlt mir. Aber ich komme gut hin: Um mich braucht sich niemand sorgen machen, und ich werde auch keinen Zuschuss für Solo-Selbständige beantragen.

Zur Person

Sebastian Kienle ist einer der erfolgreichsten deutschen Triathleten über die Langdistanz. Er gewann bereits drei Mal den Ironman Frankfurt und 2014 den Ironman Hawaii, wo er im vergangenen Jahr Dritter wurde. Der 36-Jährige lebt mit seiner Frau, der früheren Duathlon-Meisterin Christine Schleifer, im baden-württembergischen Mühlacker.

Gibt es so etwas wie Solidarität im gesamten Sport?

Ich glaube nicht, dass wir so etwas erwarten können, denn an sich ist der Sport nicht systemrelevant. Ich kann nur andere ermuntern, sich draußen körperlich zu betätigen, denn so lange es keinen Impfstoff gibt, ist ein intaktes Immunsystem der beste Schutz und Sport das Beste, was man zusammen mit einer gesunden Ernährung machen kann. Daher hat es mich im Frühjahr auch gefreut, so viele Menschen im Wald zu sehen wie nie zuvor. Ich hoffe, dass sie sich darauf besinnen, wie gut es ihnen getan hat – und dann könnte der Sport allgemein profitieren.

Hatten Sie das Gefühl, dass der Fußball gegenüber anderen Sportarten eine privilegierte Behandlung erfahren hat?

Panem et circenses würde ich mal sagen (lateinisch, Brot- und Zirkusspiele; Anm. d. Red). Aber da hat sich niemand vorgedrängelt, sondern es ist einfach nur klar, dass Fußball für unheimlich viele Menschen ein täglicher Teil des Lebens ist. Die Nachfrage erzeugt den Druck auf die Politik, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass dafür Regeln gebeugt werden. Wo ich eher die Augenbrauen heben würde, wäre der Fall, wenn im Herbst wieder Zuschauer in die Stadien kämen, wir aber kein Rennen machen könnten. Dann würde mit zweierlei Maß gemessen, das fände ich fragwürdig.

Um die Langdistanz liefern sich Ironman und Challenge einen erbitterten Machtkampf um die Deutungshoheit. Tut das der Sportart wirklich gut?

Wenn unter den Veranstaltern eine Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung herrschen würde, wäre das für uns Athleten das Worst-Case-Szenario, denn das würde ja heißen, dass es einen Monopolist gibt. Der einzige Grund, dass es uns Triathleten in dieser Sportart recht gut geht, ist ja, dass es eine Alternative gibt. Ob sich Ironman und Challenge immer juristisch auseinandersetzen müssen, ist natürlich eine andere Frage.

Die Familie Walchshöfer hatte es in diesem Jahr geschafft, die ersten Drei vom Hawaii-Podium der Männer wie Frauen für Roth zu verpflichten. Gilt ihre Startzusage nach der Absage denn gleich auch für 2021?

Es wäre wirklich cool, wenn ich so weit in die Zukunft schauen könnte. Was feststeht: Ironman hat Jan Frodeno, Patrick Lange oder mir schon zugesagt, dass wir kein Validierungsrennen für den Ironman 2021 mehr machen müssen – ich muss also weder in diesem noch im nächsten Jahr einen Ironman bestreiten. Aber ich habe auch keinen Vertrag für Roth 2021.

Ist der Ironman Frankfurt eine Option oder sind die Organisatoren bei den Startgeldern zu knauserig?

Sie sind auf jeden Fall sparsamer geworden, aber ich sage bestimmt nicht: Ironman sind die Bösen, die bezahlen mir nicht genug. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich irgendein Recht auf ein Antrittsgeld in bestimmter Höhe hätte.

Ist es mit 36 Jahren realistisch, noch mal von einem zweiten Hawaii-Sieg zu träumen?

Ich glaube fest daran, dass ich noch mal die Chance bekomme, einen zweiten Hawaii-Sieg zu holen. Ich glaube, dass das ein schwieriges und realistisches Ziel darstellt. Ich habe im vergangenen Jahr gemerkt, dass ich mich in allen Disziplinen noch verbessern kann. Ich bin mit meinen Entwicklungsmöglichkeiten noch nicht am Ende.

Sie haben für den Profisport ihr Physik-Studium abgebrochen. Was kommt bei Ihnen danach?

Ich will mir einfach möglichst viele Chancen offen halten, alles Mögliche zu tun. Mit dem Level an Freiheit aus dem Profi-Triathlon wird es vermutlich schwierig, ein normales Angestellten-Verhältnis einzugehen. An oberster Stelle würde stehen, meine Frau so zu unterstützen, dass sie sich noch einige berufliche Ziele erfüllen kann, nachdem sie die ganze Zeit für mich zurückgesteckt hat. Ich habe keinen Stress, unter Umständen auch Hausmann zu sein (lacht).

Interview: Frank Hellmann

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