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Nach der Saison ist Schluss: Christopher Fiori.

Kickers Offenbach

Neuanfang oder schleichender Tod

Kickers Offenbach steht nach bevorstehendem Abschied vom Geschäftsführer am Scheideweg.

Das 0:4 der Offenbacher Kickers gegen Waldhof Mannheim war eine Demütigung mit Folgen. Spätestens nach diesem Spiel ist klar, dass man sich bei den Kickers Gedanken über die weitere Ausrichtung des Vereins machen muss. Momentan herrscht auf dem Bieberer Berg ein Machtvakuum. Das Präsidium führt den Verein seit sieben Monaten ohne Präsident. Intern wird angesichts der bevorstehenden siebten Saison in der Regionalliga schon von einem schleichenden Tod gesprochen.

Während der Etat für 2019/20 noch nicht festgelegt wurde, steht seit gestern fest, dass die Zusammenarbeit von Geschäftsführer Christopher Fiori und dem OFC in ein paar Wochen beendet wird. Er habe sich, so Fiori, „nach längerem Überlegen dazu entschieden, mich beruflich neu zu orientieren“. Fiori, zuvor beim Drittligisten FSV Frankfurt als Leiter Organisation und Stadionmanagement angestellt, hatte ein Amt angetreten, das nicht zu den attraktivsten im Fußballgeschäft gehörte. Der OFC ging mit der hohen Bürde eines Neun-Punkte-Abzugs in die Saison. „Es war ein unbestelltes Feld nach dem Insolvenzantrag“, sagte Fiori. Er sei „auf viele Dinge stolz ist, die wir erreicht haben“. Als Beispiele nannte Fiori die organisatorische Neuaufstellung der Geschäftsstelle, den verbesserten Stadionmietvertrag und die um 20 Prozent gesteigerten Marketingerlöse. Doch er weiß auch um die Schwierigkeiten. Hauptproblem ist es, die „Kapitalbasis so aufzustellen, dass der Verein wettbewerbsfähig ist“.

Gönner stehen bereit

Zeit für einen Neuanfang. Seit ein paar Wochen gibt es von einigen Geschäftsleuten im Umfeld der Kickers Bestrebungen, sich in Zukunft nicht nur finanziell zu engagieren. Dabei soll es auch Umbildungen im Präsidium geben. Die Gespräche scheinen so weit fortgeschritten zu sein, dass es im Sommer zu einer Außerordentlichen Mitgliederversammlung kommen könnte. Für den OFC könnte sich damit eine neue, positive Perspektive mit einem massiv erhöhten Etat geben.

Angesichts einer Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Regionalliga Südwest stehen Vereine wie die Kickers vor der Frage: Investieren und um den Aufstieg spielen oder sich mit einem Mittelplatz begnügen? Das Portal transfermarkt.de führt eine Tabelle mit dem Gesamtmarktwert aller Regionalliga-Mannschaften. Spitzenreiter ist der 1. FC Saarbrücken, dessen Spieler mit einem Wert von 3,0 Millionen Euro taxiert werden. Knapp dahinter liegt Waldhof Mannheim mit 2,93 Millionen. Und die Kickers? Die belegen mit einem Marktwert von 1,88 Millionen Platz 12, direkt hinter dem Absteiger SC Hessen Dreieich (1,9 Millionen).

Ähnlich ist die Ausgangslage beim Etat für die Mannschaft. Mannheim und Saarbrücken liegen angeblich bei rund drei Millionen Euro, der OFC bei 1,4 Millionen. Diese Zahlen basieren auf Schätzungen, aber sie dokumentieren die Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Regionalliga. Ganz oben in der finanziellen und „echten“ Tabelle stehen die Vereine, die sich durch die Unterstützung von Mäzenen eine Mannschaft mit dritt- oder sogar zweitligaerfahrenen – und somit auch teuren – Spielern zusammenstellen können. So wird ein Großteil der Etats beim SV Waldhof Mannheim (erster Platz), 1. FC Saarbrücken (2.), FC Homburg (3.), SV Elversberg (6.), TSV Steinbach-Haiger (7.) durch die Zugaben von Gönnern oder Unternehmen gedeckt.

Zwischen diesen „Gönner-Klubs“ rangieren mit dem SSV Ulm (4.) und Kickers Offenbach (5.) zwei Vereine ohne Großsponsor. Aber haben diese Traditionsclubs ohne Investor in Zukunft noch eine Perspektive, aus der Regionalliga aufzusteigen? Wohl kaum. Da nutzen auch die beeindruckenden Zuschauerzahlen der Kickers, die in vier von sechs Regionalligajahren den höchsten Schnitt hatten, nichts. Ob 5000 oder 5500 Zuschauer pro Heimspiel kommen, hat keinen großen oder gar entscheidenden Einfluss auf den Etat.

Harte Konkurrenz

Trainer Daniel Steuernagel hat die Hoffnung trotzdem noch nicht aufgegeben, dass die Kickers auch einmal in den Kampf um den Titel eingreifen können. „Weil andere finanziell bessere Möglichkeiten haben, werden wir nicht die weiße Fahne hissen.“ Die Kickers müssen dafür (noch) einen anderen Weg gehen, der viel weniger Erfolgschancen eröffnet. „Andere haben mehr Geld. Wir müssen unsere Leute entwickeln und können nur in bestimmten Becken fischen“, verweist Steuernagel auf seine Neuzugänge aus unteren Ligen.

Für die Saison 2018/19 konnten die Offenbacher drei Spieler aus der Regionalliga verpflichten, je einen aus der Gruppenliga und Kreisoberliga sowie drei U19-Spieler. Waldhof Mannheim dagegen hat sich aus der Bundesliga, zweiten und Dritten Liga entscheidend verstärkt.

Der 1. FC Saarbrücken, die SV Elversberg, der FC Homburg und der TSV Steinbach-Haiger haben schon erklärt, dass sie auch in der kommenden Saison um die Meisterschaft spielen wollen. Auch Regionalliga-Absteiger VfR Aalen hat entsprechende Ambitionen. Aus der Hessenliga steigt der VfB Gießen auf, der schon in der Fünftklassigkeit dank eines Großsponsors unter Profibedingungen arbeitet. Der Kampf um den Aufstieg wird also sicher nicht einfacher. Für Kickers Offenbach steht dafür jetzt eine Grundsatzentscheidung an.

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