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Traditionell ein emotionsgeladener Ort des Fußballs: das Stadion auf dem Bieberer Berg.

Regionalliga Südwest

Kickers Offenbach will raus aus der Depression

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  • Christian Düncher
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Viertligist Kickers Offenbach verdoppelt seinen Etat, tauscht große Teile des kickenden Personals aus und schürt damit die Hoffnungen.

Ein bisschen ungewohnt ist es ja schon noch, wenn die Blicke auf die Tore im Offenbacher Fußballstadion fallen. Es fehlt dort jemand, ein Urgestein, das in den vergangenen Jahren eigentlich immer das Bild zierte zwischen Querlatte und Pfosten auf Biebers Höhen: Daniel Endres. Der Torhüter trägt die Offenbacher Kickers nicht nur in seinem Herzen, 24 Jahre lang streifte er sich auch das Dress des Traditionsklubs über. Es war sein Verein. Endres war Jugendspieler beim OFC, Balljunge, später mal Ersatztorhüter, mal Stammkeeper, zeitweise Kapitän.

Noch in der vergangenen Saison erledigte er seinen Job beim Regionalligisten äußerst solide, die „Offenbach-Post“ stufte ihn gar als notenbesten Profi des Teams ein. Und dennoch ist er jetzt nicht mehr Teil davon. Irgendwie seltsam, und gleichzeitig auch erklärbar. Denn die Offenbacher Kickers, die in neun Tagen gegen den SSV Ulm schon in ihre siebte Viertligasaison in Folge starten, wollen raus aus dieser nervtötenden Spielklasse, raus aus einer Liga, die man nie so recht einordnen kann, ob das jetzt noch niederer Profifußball oder doch gehobene Amateurkickerei ist. Irgendwas dazwischen wird es sein, und das wollen die Kickers nicht mehr.

Steuernagel braucht Erfolge

„Wir müssen einiges verändern“, hatte OFC-Trainer Daniel Steuernagel deshalb schon direkt nach der auf Rang fünf abgeschlossenen vergangenen Saison gesagt. Entsprechend wurde der Kader in dieser Sommerpause radikal umgebaut. 13 Spieler sind weg, 14 neue da. Neben Endres verließ unter anderem auch der letztjährige Kapitän und Abwehrchef Benjamin Kirchhoff den Klub, Rechtsverteidiger Jan Hendrik Marx schloss sich Drittligist Waldhof Mannheim an, der feine Techniker Ko Sawada (bester Feldspieler der vergangenen Runde) ging zurück in seine japanische Heimat. Kurzum: Die Kickers von gestern haben mit den Kickers von heute quasi nichts mehr gemein.

„Wir wollen, dass wir im deutschen Fußball wieder Respekt erhalten. Wir müssen unseren Stolz zurückholen und raus aus dem Strudel der Depression“, sagte der gerade erst neu gewählte Präsident Joachim Wagner, mit dem sie in Offenbach doch einige Hoffnung auf eine rosigere Zukunft verbinden. Der nach zwei Insolvenzen notorisch klamme Traditionsverein kann dank Wagner und der neu ins Leben gerufenen „Freunde für die Kickers“, dem OFC nahestehende Geldgeber, wieder mehr Scheinchen investieren. Die neuen Bosse auf dem Bieberer Berg verdoppelten gleich mal den Etat auf rund 2,8 Millionen Euro. Ihr Ziel: Platz eins, denn nur dieser reicht für den Aufstieg in die Dritte Liga. „Wir wollen in den nächsten drei Jahren aufsteigen. Diesem Ziel gilt es alles unterzuordnen“, sagte Wagner.

Entsprechend sind die neuen Spieler in der Mannschaft von Trainer Steuernagel vor allem welche, die in der Vergangenheit schon einiges erlebt haben. Erfahrung, Ausstrahlung, auch körperliche Präsenz, das waren neben den fußballerischen Fertigkeiten die entscheidenden Kriterien bei den Neuerwerbungen. „Ich gehe immer All-In“, sagt zum Beispiel Raubein Luigi Campagna, der vom SSV Ulm verpflichtet wurde: „Feuer und Mentalität sind meine Eigenschaften.“

Ähnliches gilt für Richard Weil, der zuletzt beim Zweitligaabsteiger 1. FC Magdeburg unter Vertrag stand und mit Campagna künftig das zentrale Mittelfeld dominieren soll. Dazu kommen der 30 Jahre alte Abwehrhüne Kevin Pezzoni (zuletzt Hessen Dreieich), der beim 1. FC Köln in lang vergangenen Tagen sogar mal in der Bundesliga ran durfte. Zudem soll vorne soll der 30-jährige Andis Shala (zuletzt RW Erfurt) für die Tore sorgen, die im besten Fall vom Zweitliga-erprobten Nejmeddin Daghfous (144 Spiele für Mainz, Sandhausen und Würzburg) vorbereitet werden.

Trainer Daniel Steuernagel ist mit den bisherigen Eindrücken der Vorbereitung jedenfalls zufrieden. „Wir haben ein gutes Gefühl“, sagte er kürzlich. Sollte er aber auch haben. Denn im Gegensatz zu seinem Premierenjahr, als dem engagierten Coach auch Leistungsschwankungen des Teams verziehen wurden, hat Steuernagel diesmal ein gewichtiges Wörtchen bei der Zusammensetzung des Kaders mitgesprochen. „Ich konnte mehr Ideen einbringen, welche Spielertypen wir holen“, so Steuernagel wohlwissend, dass dies auch Erwartungen schürt. Denn der Stolz eines Traditionsklubs ist ganz automatisch mit einem mächtigen Erfolgsdruck verbunden. Daniel Endres kannte das wohl am besten.

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