Interview mit OFC-Legende Volz

"Ich bin kein Held"

Der ehemalige OFC-Torwart Karl-Heinz Volz über die Bedeutung des Pokalsieges der Kickers vor 40 Jahren, seine Rolle im Finale, seine Karriere und warum sich beim Torwartspiel eigentlich nicht viel verändert hat.

Herr Volz, der Pokalsieg des OFC ist 40 Jahre her. Was bedeutet er heute noch für Sie?

Für mich bedeutet er meinen größten sportlichen Erfolg. Was mich aber wirklich wundert, ist, wie viele Leute mich heutzutage immer noch darauf ansprechen. Ich war ja auch acht Jahre beim FSV. Länger als in Offenbach. Aber dieser Pokalsieg ist für den OFC-Fan unvergesslich. Die echten Fans sind heute noch stolz darauf. Ich übrigens auch. Das einmal erreicht zu haben, das nimmt einem keiner mehr.

Wie ist Ihre persönliche Erinnerung an den Triumph und den Weg dorthin?

Der ganze Weg war spektakulär. Unser Spiel in der ersten Runde des Süddeutschen Pokals, der Qualifikation für den DFB-Pokal, das vergesse ich zum Beispiel nie. Wir haben beim FSV Frankfurt gespielt und lagen 0:1 zurück. Dann gab es Elfmeter für den FSV. Oskar Lotz hat verschossen und wir gewannen noch 2:1. Danach haben wir 1860 München zu Hause geschlagen, und in der neuen Saison kamen dann die spektakulären Spiele. Die Siege in der Verlängerung gegen Dortmund und Nürnberg. Und dann natürlich der 3:0-Sieg im Waldstadion gegen Eintracht Frankfurt. Das bleibt in Erinnerung.

Und das Finale an sich?

Das war für uns eigentlich leicht. Wir sind als krasser Außenseiter nach Hannover gefahren, und das Gefühl, dass wir nur gewinnen konnten, war bei der Mannschaft sehr ausgeprägt. Wir waren in die Bundesliga aufgestiegen und waren auch in guter Form. Und wir hatten, das wird gerne vergessen, Kurt Schreiner als Interimstrainer, weil der neu verpflichtete Aki Schmidt in der Vorbereitung einen Autounfall hatte. Kurt hatte uns super eingestellt.

Wie ist Ihre Erinnerung an das Spiel selbst?

Wir haben es offen gestaltet. Wir haben im 4-4-2-System gespielt, mit „Pille“ Gecks und Klaus Winkler im Sturm. Die beiden haben die Kölner schon beschäftigt. Mit dem 1:0 durch Klaus kam noch mehr Selbstvertrauen dazu. In der zweiten Halbzeit hat uns Köln unter Druck gesetzt, doch dann hat „Pille“ das 2:0 für uns gemacht. Wir wurden immer größer. Nach dem 1:2 wurde es am Ende allerdings noch mal eng.

Dann gab es in der 81. Minute Elfmeter für Köln. Sie haben gesagt, Sie seien sich sicher gewesen, dass sie den Elfmeter halten. Woher haben Sie die Überzeugung genommen?

Werner Biskup war der Elfmeterschütze beim 1. FC Köln. Werner hatte vorher, glaube ich, zwölf oder 13 Elfmeter hintereinander verwandelt. Und alle waren rechts vom Torwart reingegangen. Also habe ich mir gedacht. ’Spring mal dahin.’ Ich war überzeugt: ’Den halte ich.’ Ich habe mich vor der Ausführung auf die Torlinie gesetzt und mich entspannt. Es gab ja Tumulte und Diskussionen, und erst als ein OFC-Fan den Ball vom Elfmeterpunkt weggeschossen hat, bin ich aufgestanden, um ihn festzuhalten.

Sie haben den Ball gehalten. Was war danach?

Ich muss ehrlich zugeben: Ich habe den Ball ja erst im Nachfassen gehalten. Dann habe ich ihn schnell abgeschlagen. Der Rest war Begeisterung pur. Nach dem Spiel sind die Zuschauer auf den Platz gestürmt, und mein Bruder hat mir das Leben gerettet.

Das Leben gerettet?

Die Fans haben mich bestürmt und einige hingen mir am Kehlkopf. Ich habe keine Luft mehr bekommen. Mein Bruder war auch auf den Platz gelaufen und hat das gesehen. Er hat sich durchgekämpft und mich befreit. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Und dann?

Wir blieben ja in Hannover, und der DFB musste das Bankett umdekorieren. Denn da hingen schon die Wimpel vom 1. FC Köln. Erst am nächsten Tag sind wir nach Offenbach geflogen, und die ganze Stadt und die ganze Region war auf den Beinen. Für die Strecke zum Hotel in der Stadt, für die man zehn Minuten braucht, haben wir drei Stunden gebraucht.

Sie gelten in Offenbach heute als Pokalheld. Fühlen Sie sich als Held?

Wer einen Elfmeter gehalten hat, ist kein Held. Da gibt es andere, die wesentlich Wichtigeres geleistet haben, als einen Elfmeter zu halten. In diesem Moment war es eben wichtig.

Ein Jahr später sind Sie ausgerechnet nach Köln gewechselt. Sie waren damals 24 Jahre alt. Warum hat der Torwart Karl-Heinz Volz keine Bundesligakarriere gemacht?

Ich hätte in Köln vielleicht etwas mehr Geduld haben sollen.

Inwiefern?

Köln war eigentlich ein großartiger Verein. Aber für mich lief es einfach unglücklich. Trainer Gyula Lorant hat Gerhard Welz als Nummer eins vorgezogen. Und das Verhältnis zu Lorant hat nicht gestimmt. Ich habe von ihm fachlich viel gelernt, aber menschlich lagen wir nicht auf einer Wellenlänge. Ich hatte einen Zweijahresvertrag, ich hätte bleiben können. Aber ich wollte spielen.

Danach sind Sie zum FSV Frankfurt gewechselt. Gab es danach nicht mehr die Möglichkeit, in die Bundesliga zu kommen?

Doch. Ich habe zweimal mit Eintracht Frankfurt verhandelt, einmal 1975 oder 1976 mit Dietrich Weise, einmal 1979 mit Udo Klug. Der Wechsel kam aber nicht zustande. Dann gab es 1979 über einen Spielervermittler noch ein Gespräch mit Bayern München, nachdem Sepp Maier mit dem Auto verunglückt war. Die Bayern haben dann aber Manfred Müller aus Nürnberg geholt.

Bedauern Sie das heute?

Nein. Es gab ja auch nicht die finanziellen Möglichkeiten für Bundesligaspieler wie heute. Mir geht es gut. Ich habe zweite Liga gespielt und habe meinen Beruf nicht vernachlässigt. Ich habe kein bisschen Wehmut.

Nach Ihrer Karriere als Spieler waren Sie Trainer. Unter anderem bei den Oberligisten FV Bad Vilbel und KSV Klein-Karben. Hatten Sie als Coach nie die Ambition, in den Profifußball zu kommen?

Ich hatte nicht die Muße, die entsprechenden Lizenzen zu machen. Vielleicht hätte ich direkt nach dem Karriereende als Spieler die Lizenzen machen sollen. Aber ich habe auch das nie bereut. Zudem war die Trainerzeit für mich eine unheimlich schöne Zeit. Vor allem in Bad Vilbel und Klein-Karben. Obwohl es immer Leute gab, die zu mir gesagt haben: „Du bist bekloppt“.

Über das Torwartspiel wird heute viel diskutiert. Die Anforderungen seien höher als früher. Wie stehen Sie dazu?

Als ich im Tor gespielt habe, durfte man den Ball nach einem Rückpass noch in die Hand nehmen, das stimmt. Ansonsten hat sich nicht so viel verändert, wie es immer heißt. Wichtig ist immer noch: Der Torwart muss zuvorderst mal Bälle halten. Taktisches Gespür musste er auch früher schon haben. Was denken Sie, was dann mein Trainer gesagt hat, wenn ich den Ball lange gehalten habe?

Welchen Torwart würden Sie heute in der Nationalmannschaft aufstellen?

Manuel Neuer und René Adler sind für mich die beiden besten. Wenn Adler wieder Spielpraxis hat, kann er Neuer auch angreifen.

Interview: Andreas Hunzinger

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