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OFC-Trainer Angelo Barletta will verständnisvoll im Umgang mit den Spielern sein, „das heißt nicht, dass ich die Leine lang lasse.“

Interview

OFC-Trainer Angelo Barletta: „Da hilft dann auch kein Blumenstrauß“

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OFC-Trainer Angelo Barletta über seine Ziele mit Kickers Offenbach, den Umbruch beim Viertligisten und das Trainingslager.

Angelo Barletta coachte in der Hinrunde noch den Offenbacher Regionalligakonkurrenten Bayern Alzenau, ehe er im Dezember das Angebot zur Rückkehr zum OFC annahm. Der 42-Jährige, geboren in Hanau, absolvierte während seiner aktiven Fußballerkarriere 115 Spiele für die Kickers, zudem spielte er unter anderem 62 Mal für den FSV Frankfurt. Zuletzt bastelte er schon am eifrig am OFC-Kader - fünf neue Spieler wurden in der Winterpause bereits verpflichtet. 

Sie waren lange Fußballprofi, jetzt sind sie zum ersten Mal Profitrainer. Was ändert sich dadurch?

Eine Menge. Als Jugendtrainer in Koblenz musste ich mich wie ein Ehrenamtler um alles kümmern, Bei der OFC-U19 war es professioneller, aber man konnte auch nur abends trainieren. Das setzte sich in Griesheim fort. In Alzenau mussten wir, um erfolgreich zu sein, mehr anbieten als dreimal Training pro Woche. Ich habe mir spät abends noch die Gegner auf Video angesehen und war vormittags als AG-Leiter an Schulen tätig. Beim OFC kann ich mich nun voll auf die Aufgabe als Trainer konzentrieren. Hier haben wir viele Fachmänner.

Ist es ein Traumberuf, Trainer des OFC zu sein?

Für mich auf jeden Fall. Natürlich ist es schwierig, wenn ich Leuten sagen muss, dass sie nicht spielen oder nicht gut genug sind. Aber das gehört dazu. Und wenn es nicht läuft, ist man oft der erste, der geschasst wird. Aber aktuell macht es sehr viel Spaß.

Die Erwartungshaltung bei Ihren vorherigen Trainerstationen war viel geringer. Wie gehen Sie mit der neuen Situation um?

Ich wollte es ja so haben. Mit dem Druck muss man klarkommen. Das ist normal.

Was erwartet Ihre Spieler in den fünf Wochen Vorbereitung bis zum ersten Spiel am 15. Februar in Aalen?

Ich muss die Jungs erst etwas beruhigen. Es ist viel auf sie eingeprasselt: Hohe Erwartungen, Trainerwechsel, unterschiedliche Philosophien, dazu die Ungewissheit, wer als Trainer kommt. Wir müssen erst mal zueinander finden.

Ihnen eilt der Ruf voraus, eine enge Verbindung zu den Spielern zu finden. Sind Sie ein strenger oder nachsichtiger Trainer?

Ich versuche, verständnisvoll zu sein. Das heißt nicht, dass ich die Leine lang lasse. Ich versuche, eine menschliche Bindung aufzubauen. Man braucht Typen auf dem Platz, die Leidenschaft vermitteln und für einen durch das Feuer gehen. Struktur ist wichtig, manchmal kann jedoch auch der Wille, den Zweikampf zu führen und zu gewinnen, wichtiger sein.

Wie wichtig ist eine gute Atmosphäre und Empathie im täglichen Miteinander von Profis?

Sehr wichtig. Das ist so, wie wenn zu Hause der Haussegen schief hängt. Ist die Frau auf 180, hilft auch kein Blumenstrauß. Natürlich muss man schauen, was davor war. Es gab Acht-Stunden-Tage, alle waren immer vor Ort. Das muss nicht schlecht sein. Bei so vielen Leuten auf engem Raum besteht aber die Gefahr, dass man durchknallt. Ich werde auch nicht das Training zwei Monate im Voraus planen, sondern auch mal Gas rausnehmen.

Werden Sie viele Einzelgespräche führen?

Das ist schwierig. Es sind so viele Spieler und das kostet auch Energie. Ich versuche, so gut wie möglich zu kommunizieren, will die Jungs aber auch nicht nerven. Die Einzelgespräche führen eher meine Co-Trainer. Dennis Bochow macht das sehr gut und Ramon Berndroth sowieso, er ist darin Weltklasse.

Für die heutige Fußballergeneration spielen Smartphone und Soziale Medien eine große Rolle. Wie stehen Sie dazu?

Unser Zeugwart Wolfgang Böttge hat in seinem Raum eine Halterung angebracht, in der eine halbe Stunde vor dem Training die Handys deponiert werden. Das ist nicht zu viel verlangt. Ich bin kein Freund von Verboten, sondern will, dass das Verständnis dafür da ist und man sich konzentriert. Wenn man das Handy eine halbe Stunde nach dem Training holt, ist immer noch genug Zeit für alles. Wenn die Frau schwanger oder das Kind krank ist, ist das etwas anderes.

Sie wirken ausgeglichen, wann rasten Sie aus?

Wenn keine Leidenschaft da ist. Manchmal habe ich den Spielern im Amateurbereich sogar angeboten, lieber mal einen Tag wegzubleiben, als lustlos zu trainieren. Ich versuche, das Training so zu gestalten, dass es mir selbst Spaß machen würde.

Wo kann und muss ein Trainer das Spiel seines Teams beeinflussen? Wo endet sein Einfluss?

In der Vorbereitung muss man seinen Einfluss schon geltend machen. Manchmal kann es auch gut sein, gar nichts zu sagen. Dann regeln die Jungs das selbst. Je mehr man vorgibt, desto unselbstständiger sind sie. Du kannst ihnen vieles an die Hand geben, aber wenn plötzlich der Gegner etwas ändert, sind sie hilflos. Man muss den Jungs ein Stück weit vertrauen, dass sie gewisse Dinge selbst erkennen. Wenn es komplett aus dem Ruder gerät, ist ein Trainer gefragt.

Welche Elemente sollen Ihre Handschrift tragen?

Man soll sehen, dass es homogen ist. Man kann leidenschaftlich verteidigen, aber auch leidenschaftlich attackieren. Wichtig ist, dass alle Mann es mittragen. Als Trainer muss man erkennen, was mit wem umsetzbar ist.

In Alzenau spielten Sie (gezwungenermaßen) nur mit einer Spitze. Dahinter gab es ein breites Mittelfeld mit flexiblen Spielern. Wird das auch in Offenbach der Ansatz sein?

Ich habe es gerne, dass man im Zentrum Überzahl schafft. Das geht mit einer Spitze oder im 4-3-3-System. Und ich will, dass man über die spielerische Komponente zu Chancen kommt. Wenn man aber zwei Topstürmer hat, nagele ich mich nicht fest. Im Idealfall sollen wir den Ball so schnell wie möglich erobern und viele Chancen erspielen.

Was versprechen Sie sich vom Trainingslager in der Türkei?

Dass wir das machen können, ist der Hammer. Ich weiß, es gab Kritik. Aber wir haben 2020 viel vor. Da kann man nicht sagen, wir schenken die Runde jetzt her. Sondern wir wollen alles so professionell wie möglich gestalten und den Schwung mitnehmen in die neue Saison. Ich habe es nicht erzwungen. Aber als klar war, dass es stattfindet, habe ich gesagt: Besser geht es nicht. In Offenbach werden wir zu Beginn auf Kunstrasen trainieren müssen. In der Türkei sind die Bedingungen besser. Wir können morgens und mittags trainieren und zwei Testspiele absolvieren. Optimal.

Es gibt auch Kritik daran, dass man als Tabellenzehnter Geld für ein Trainingslager ausgibt.

Ja, aber wir planen mit dem Großteil des Kaders ja schon über die Saison hinaus. Und aus meiner Zeit als Spieler weiß ich, wie man denkt, wenn ein Verein viel ankündigt, es aber kein Trainingslager gibt und nur halbherziges Training. Das nehmen die mit in die neue Saison. Daher finde ich es toll, dass nicht nur das Trainerteam und unser Geschäftsführer Thomas Sobotzik motiviert sind, sondern auch die Vereinsführung. Vor allem Präsident, Joachim Wagner. Das ist der Wahnsinn, er trägt das alles mit. Irgendwann will er aber einen Ertrag haben und nicht nur Platz zehn. Das ist klar, weil er viel Herzblut reinsteckt.

Sie haben den Kader stark verändert. Ein Umbruch als Vorgriff auf die neue Saison? Oder auch ein Wagnis angesichts von nur drei Punkten Vorsprung auf die Abstiegszone?

Wir gehen auf jeden Fall sehr demütig in die Restsaison. Es ist klar, dass wir erst die Klasse halten müssen. Das steht über allem. Die personellen Änderungen hatten auch damit zu tun, dass wir den Jungs, mit denen wir länger planen, Sicherheit geben wollen. Wir wollen sehen, wie sie unter Druck agieren, und ihnen zeigen, dass wir an sie glauben.

Nachdem Ihnen Serkan Firat von Alzenau nach Offenbach gefolgt war, gab es Misstöne zwischen beiden Klubs. Ist das inzwischen ausgeräumt?

Ja. Es war ja genauso wie bei mir. Da war im Vorfeld auch alles klar kommuniziert. Der OFC war bei mir ja nicht der erste Profiverein, der angefragt hatte. Damals hieß es, warte noch, bald tut sich beim OFC etwas. Und die wissen, wie ich zum OFC stehe. Dann kam die Anfrage und ich wusste nicht, wann das wieder der Fall sein würde. Bei Serkan war es genauso. Er ist nur wegen mir nach Alzenau gekommen und eh nur bis zum Winter. Er wollte nicht mehr bleiben, auch weil er der einzige Vollprofi war. Er wollte auch vormittags trainieren. Und bevor er zu Türkgücü München geht, war klar, dass er zu mir kommt. Er ist ein Bolzplatzfußballer, will immer spielen. Das schätze ich an ihm. Er hatte schon in Offenbach Anfragen, das war zum Teil verrückt.

Die Rückkehr von Firat sorgte nicht überall für Zustimmung. Können Sie das nachvollziehen?

Nein. Wir selektieren zuerst nach Statistiken. Wir brauchen Tore und Vorlagen. Er deckt alles sensationell ab und ist ein Junge, der aus der Region kommt und zum OFC wollte. Was wirft man ihm vor? Dass er damals nicht frühzeitig zusagte? Oder das eine Spiel mit Alzenau in Offenbach? Er gab dort alles für seinen Klub. Er dachte und fühlte immer OFC. Er ist ein absoluter Gewinn.

Wie sehr schmerzt das Hessenpokal-Aus in Gießen noch?

Sehr. Ich hasse Niederlagen wie die Pest. Am Morgen danach bin ich schlecht drauf. Wir wollten den Pokal gewinnen. Daher ist das sehr, sehr ärgerlich.

Welche Kriterien sind für Sie bei der Verpflichtung von Spielern wichtig?

Ich schaue nicht nur auf Wert. Bei der Flut an angebotenen Spielern, kann man es aber ja nur anhand von Statistiken eindämmen. Wir haben zum Beispiel sehr viel erfahrene Spieler. Das kann funktionieren. Aber wir wollen die Altersstruktur schon etwas nach unten korrigieren. Spieler wie Serkan Firat sind zum Beispiel hungrig auf die Dritte Liga, die würden sich dafür zerfetzen. Tempo ist natürlich auch ein Thema, zumal wir als Kickers Offenbach demnächst sehr druckvoll agieren und höher stehen wollen.

Haben Sie schon entschieden, ob und wann Sie sich zum Fußballlehrer-Lehrgang anmelden?

Den muss ich irgendwann in Angriff nehmen, jetzt ist es aber nicht angedacht. Ich bin neu, mein komplettes Augenmerk gilt dieser und nächster Saison. Es ist ohnehin schwer, einen Platz zu bekommen. Aber es gibt eine Ausnahmeregel für Aufstiegstrainer. Am einfachsten ist, ich steige mit dem OFC auf. Dann bin ich drin.

Gilt Ihr Vertrag auch für die Hessenliga und die Dritte Liga?

Für die Hessenliga gilt er sicher nicht.

Was muss am Saisonende stehen, damit Sie zufrieden sind?

Ich will, dass wir den Leuten etwas geben: Schwung und Hoffnung – damit man mit Zuversicht in die neue Saison geht. Das ist mir viel wichtiger als zu sagen, wir wollen jetzt noch Sechster oder Fünfter werden.

Interview: Jochen Koch, Jörg Moll und Christian Düncher

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