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Die Einsamkeit des Präsidenten: Fritz Keller.
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Die Einsamkeit des Präsidenten: Fritz Keller.

Kritik

Keller kämpft

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Entrüstung über Nazi-Vergleich des DFB-Präsidenten: „Jedwede Grenzen überschritten“.

Die verbale Entgleisung von DFB-Präsident Fritz Keller hat Entsetzen ausgelöst – von einem Rücktritt will der Spitzenfunktionär aber nichts wissen. „In Zeiten gesellschaftlicher Zerrissenheit sollten wir uns als Fußballer nach meinem Foul die Hände reichen und ein gemeinsames Zeichen der Versöhnung geben“, sagte der 64-Jährige, der hart austeilen kann, dem aber auch große Nehmerqualitäten attestiert werden. Keller hatte Vizepräsident Rainer Koch bei einer Präsenz-Präsidiumssitzung am Freitag mit dem berüchtigten Nazirichter Roland Freisler verglichen.

Rücktritt abgelehnt

Keller gab zu, dass er „einen schwerwiegenden Fehler begangen“ habe. „Ich ging davon aus, dass er (Koch, Anm. d. Red) meine Entschuldigung, um die ich ihn schriftlich und am Telefon gebeten habe, umgehend annehmen würde. Diese Einschätzung war, wie aus seiner gestrigen schriftlichen Antwort an mich hervorging, falsch“, erläuterte der als aufbrausend und schnell wieder friedfertig geltende DFB-Präsident: „Ich bedauere, dass nach meinem gestrigen Statement ein anderer Eindruck entstanden ist.“

Am Freitag und Samstag tagen die Präsidenten der Landes- und Regionalverbände in Potsdam zur Krisensitzung, an der auch Keller teilnehmen soll. Dann wird Tacheles geredet. Vom Verlauf hängt ab, ob Keller sich halten kann. Viele rücken von ihm ab.

Vorgezogener DFB-Bundestag?

Ein vorgezogener DFB-Bundestag im Spätsommer dieses Jahres mit Neuwahlen, die eigentlich erst 2022 anstehen, wird diskutiert, da die Amateurvertreter gegen das Chaos an der Spitze immer mehr aufmucken.

Bei der Vorsitzenden des Bundestags-Sportausschusses, Dagmar Freitag, stieß Kellers Verhalten auf völliges Unverständnis. „Vergleiche mit einem der furchtbarsten Richter der Nazizeit sind nicht entschuldbar“, sagte die SPD-Politikerin. „Eine wie auch immer geartete Gleichsetzung seiner Person mit einem Menschen, der für den Tod unzähliger Unschuldiger verantwortlich ist, ist nicht hinnehmbar und auch durch eine Entschuldigung nicht aus der Welt zu schaffen.“

Der deutsch-jüdische Sportverband Makkabi Deutschland kommentierte „bestürzt“: „Wir alle kennen derartige sprachliche Ausfälle und unsensiblen Aussagen, sei es von Stammtischen oder vom Spielfeldrand.“ Aus bildungspolitischer Sicht seien Widerspruch und das sofortige Problematisieren der Inhalte wichtig.

DFL: „Absolut inakzeptabel“

Die Deutsche Fußball-Liga reagierte ebenfalls deutlich: „Wir distanzieren uns deutlich und in aller Form von der Äußerung und der Wortwahl.“ Sie sei „absolut inakzeptabel“. Das Präsidium des Süddeutschen Fußballverbandes mit dem hessischen Verbandschef Stefan Reuß reagierte „mit Entsetzen und völligem Unverständnis“. Gerade als langjähriger Richter am Oberlandesgericht München sei es völlig abwegig, Koch „auch nur ansatzweise in die Nähe des höchsten Repräsentanten der unsäglichen und menschenverachtenden Willkürjustiz des Dritten Reiches zu rücken“. Der Hamburger Verbandschef Dirk Fischer fügte hinzu: „Ich halte die Äußerungen für inakzeptabel und einen schlimmen Fehler.“

Sein Bremer Kollege Björn Fecker twitterte: „Ich bin entsetzt. Der Nazirichter Freisler war eine der Stützen des NS-Regimes, an dessen Händen das Blut sehr vieler Menschen klebt. Angesichts zig Millionen NS-Opfer verbietet sich jeder Vergleich.“

Verband Mittelrhein: „Keller muss sich erklären“

Bernd Neuendorf, Präsident des Fußball-Verbandes Mittelrhein, sagte: „Die Äußerungen von Fritz Keller sind vollkommen inakzeptabel. Ein solcher Vorgang ist einmalig in der Geschichte des größten nationalen Sportfachverbandes der Welt. Der Vergleich mit dem NS-Richter Roland Freisler macht mich fassungslos. Er ist durch nichts zu rechtfertigen und mit den Werten des DFB sowie seiner Regional- und Landesverbände nicht zu vereinbaren.  Fritz Keller trägt große Verantwortung. Er muss rasch erklären, wie er mit seiner völlig indiskutablen Aussage umzugehen gedenkt.“

Auch der Bayerische Fußballverband veröffentlichte eine Erklärung. Keller habe „jedwede Grenzen überschritten“. Mit der „nicht zu tolerierenden Äußerung“ trage Keller „die alleinige Verantwortung für das Verlassen der sachlich-konstruktiven Ebene in der seit Anbeginn seiner Präsidentschaft vorherrschenden Auseinandersetzung innerhalb des DFB“. Eine Einschätzung, die Beobachter nicht teilen. Denn sachlich-konstruktiv geht es in der DFB-Spitze schon lange nicht mehr zu. Dafür trägt keineswegs nur Keller die Verantwortung.

Der Gastronom wurde im September 2019 zum Nachfolger von Reinhard Grindel gewählt und befindet sich auf den letzten Metern der von ihm ausgerufenen „Generalinventur“. Die DFB-Spitze gilt schon länger als zerstritten, seit Monaten tobt ein Machtkampf zwischen Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius, der den Nazivergleich bei der DFB-Ethikkommission angezeigt hat.

Den Amateuren reicht’s

Hintergrund des Streits ist unter anderem das intransparente Wirken des vom DFB im Jahr 2019 für die stolze Summe von rund 360 000 Euro beauftragten Medienberaters Kurt Diekmann, der laut neuesten Berichten von „Bild“ und „Süddeutscher Zeitung“ aktiv am Sturz von Grindel mitgewirkt haben soll und dabei auch gezielt das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ versorgt habe. Wer von DFB-Seite dahintersteckt, darum kümmert sich gerade der DFB-Prüfungsausschuss, der von Ulrich Ruf, dem ehemaligen Finanzvorstand des VfB Stuttgart, geleitet wird.

Nach FR-Informationen gibt es Kräfte im Verband, denen die von Keller vorangetriebenen Recherchen unangenehm sind und die den Prüfungsausschuss deshalb unter Druck setzen. Der wankende Verbandschef will sich seinen Gegenspielern Koch, Curtius und Schatzmeister Stephan Osnabrügge nicht beugen. Letztere gegen jetzt „all in“ gegen Keller: „Wir haben großes Vertrauen darauf, dass die Ethikkommission mit ihrer Entscheidung die Glaubwürdigkeit des DFB wiederherstellen wird.“ Das Problem ist jedoch: Die Glaubwürdigkeit des Verbands hängt keineswegs an  Keller. Sondern an ihnen selbst. dpa/sid/jcm

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