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Einmarsch unter fremder Flagge: Russlands Sportler:innen bei der Eröffnungsfeier.
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Einmarsch unter fremder Flagge: Russlands Sportler:innen bei der Eröffnungsfeier.

Hass und Hetze

Olympia 2021: Russland schüttet Gift und Galle über die bunten Spiele in Japan aus

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Bei den Olympischen Spielen in Tokio dürfen russische Athlet:innen nicht unter ihrer Flagge antreten. Das nagt an der Seele 

Moskau/Tokio - Nikolai Walujew, früherer Boxweltmeister und Duma-Abgeordneter, war empört: „Noch gestern schien es irgendwie verwunderlich zu sehen, wie ein Kerl aus einer Damentoilette kommt“, schrieb der Duma-Abgeordnete und frühere Boxweltmeister auf Instagram zu einem Video der neuseeländischen Gewichtheberin Laurel Hubbard. Sie nimmt bei Olympia 2021 in Tokio als erste Transgender-Olympionikin teil. Walujew warnte davor, dass künftig eine Flut von „Exkerlen“ den Weltfrauensport diskreditieren wird. „Hier gibt es keinen Platz für Verstehen oder Verzeihen.“

Die Spiele in Tokio sind in vollem Gange, Russland aber veranstaltet seine eigenen olympischen Skandale. Das Feuer des Weltsportfestes war noch nicht entfacht, da empörte sich Tatjana Nawka, frühere Eistanzolympiasiegerin und Gattin von Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, ebenfalls auf Instagram über das Video eines spanischen Sportgymnasten, der in einem glitzernden und knappen Trikot das Band ringelte.

Russland bei Olympia 2021: Gedemütigte Sportseele

„Ein Kulturschock!“, beklagte Nawka solche angebliche Unmännlichkeit. „Welche Menschen wachsen in der westlichen Welt mit diesen Tendenzen auf?“ Noch ist rhythmische Sportgymnastik für Männer keine olympische Disziplin, die Eistänzerin aber erntete laute Zustimmung bei der Moskaus Prominenz.

Es sind besondere Spiele für Russland. Wegen des systematischen Dopings im vaterländischen Hochleistungssport, vom Staat jahrelang mit organisiert und gedeckt, dürfen die 335 russischen Teilnehmer:innen nur unter Auflagen teilnehmen: ohne nationale Trikots, Fahnen und Hymne.

Olympia 2021: Der russische Sport folgt Tönen, die die Politik vorgibt

Es hätte schlimmer kommen können, die Melodie aus Pjotr Tschaikowskis berühmten ersten Klavierkonzert mit Orchester, die bis zum 29. Juli 2021 achtmal für russische Goldmedaillengewinner abgespielt wurde, trübte deren Freude in keiner Weise. Aber die Seele Sportrusslands will die Demütigung nicht verwinden.

Zuletzt bekam Tennisspieler Daniil Medwedew einen Wutanfall. Ein chilenischer Journalist hatte ihn nach seinem erfolgreichen Viertelfinalspiel gefragt, was er von dem „Cheater“-Image der russischen Sportler halte. Der Weltranglistenzweite verweigerte die Antwort und schimpfte: „Ich will ihn bei meinen Spielen nicht mehr in der Mixed-Zone sehen.“ Ein Problem, dass sich von selbst löste, jedoch anders als von Medwedew gewünscht: Überraschend verlor überraschend im Viertelfinale gegen den Spanier Pablo Carreno Busta. Die russische Delegation verlangte dennoch eine offizielle Reaktion des Organisationskomitees.

Olympia 2021: Schockierende Kampagne aus Russland

Der russische Sport folgt Tönen, die die Politik vorgibt. Maria Sacharowa, Sprecherin des Außenministeriums verdrischt in einem Video des Staatssenders Match TV erst einen Box-Dummy mit der Aufschrift „Presse“, dann verkündet sie Russlands olympische Devise gegenüber dem missgünstigen Westen auf Englisch: „We will rock you!“. Auf Deutsch etwa: „Wir machen euch platt!“

Zurzeit kämpft die Sportsupermacht mit Australien um den vierten Platz im Medaillenspiegel, der inoffiziellen Mannschaftswertung sozusagen. Die Medien aber haben bis zu 80 Podestplatzierungen vorhergesagt und einen der ersten drei Plätze im Medaillenspiegel. Wladimir Putin verschickt Glückwunschtelegramme an Goldmedaillengewinner, TV-Kommentatoren peitschen russische Boxer mit der Weltkriegsparole „Der Sieg wird unser sein“ an.

Olympia 2021: Russische Staatsmedien fahren Hetzkampagne gegen Sportler:innen

Und beim Frauenturnen begleitete Lidia Iwanowa, früher selbst Olympiasiegerin, die Darbietung einer Amerikanerin mit den sehnsuchtsvollen Worten: „Na los, fall hin!“ Ohnehin führen russische Staatsmedien derzeit eine geradezu schockierende Medienkampagne. Opfer sind dabei vor allem Schwarze Athlet:innen und LGBTQ-Sportler:innen.

Die meisten russischen Sportler in Tokio sind fairer und bescheidener als die redenden Köpfe hinter ihnen. Aber wie der Schriftsteller Viktor Schenderowitsch auf Facebook beklagt: „Mit unseren Athleten kann man bei diesen olympischen Spielen nur fiebern, wenn man den Ton am Fernseher ausschaltet.“ (Stefan Scholl)

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