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Johannes Herber: „Es fehlt die Wertschätzung“

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Von: Patrick Reichelt

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Eine der wenigen Topathletinnen der Leichtathletik, die jedoch aus gesundheitlichen Gründen schwächelt: Gesa Krause.
Eine der wenigen Topathletinnen der Leichtathletik, die jedoch aus gesundheitlichen Gründen schwächelt: Gesa Krause. © IMAGO/Laci Perenyi

Johannes Herber, Geschäftsführer von „Athleten Deutschland“ über Nachwuchsprobleme im Sport, fehlende Verzahnung zwischen Schule und Vereinen sowie Reformbedarf in der Förderung.

Herr Herber, die Leichtathletik-WM endete kürzlich mit dem schwächsten Ergebnis der Historie. Vor den European Championships kommen Stimmen aus verschiedenen Verbänden, es hake am Nachwuchs. Hat der deutsche Sport ein Problem?

Man kann sicher festhalten: Das Nachwuchsproblem gibt es und durch die Pandemie ist es verschärft worden. Aber darauf kann man es nicht reduzieren. Es knirscht bei der Sichtung und bei der Talententwicklung.

Ist das ein strukturelles oder ein personelles Problem?

Sicherlich beides. Es geht ja schon bei der Verzahnung von Kitas, Schulen und Vereinssport los, da gibt es kaum Verknüpfungen. Daneben bleibt die einheitliche Umsetzung von Leistungssportkonzepten gesteuert vom Spitzenverband eine Herausforderung. Das Trainerpersonal spielt aber eine mindestens ebenso wichtige Rolle. Das Berufsbild Jugendtrainer erfährt nicht die Wertschätzung, die es verdient. Dabei sind Trainerinnen und Trainer essenziell. Wenn Sie heute mit Topathlet:innen sprechen, dann werden Sie von den meisten hören, dass es kompetente und inspirierende Menschen gab, die sie auf ihrem Weg in die Spitze begleitet haben.

Ist das Finden und Sichten von Talenten alleine Trainersache?

Das obliegt meist den Trainern, ja. Es ist wichtig zu verstehen, dass Talente entdecken nicht trivial ist. Auch das erfordert Kompetenzen – ein scharfes Auge für Bewegungsabläufe und Körpersprache beispielsweise –, die gezielt geschult werden müssen. Wesentlich ist außerdem, dass Kinder in den niedrigen Altersbereichen breiter angelegt Sport machen. Die Spezialisierung darf nicht zu früh kommen. Dafür müssen die Landesverbände gemeinsam mit Vereinen und Schulen entsprechende Angebote schaffen. Ob die 25 Millionen Euro, die der Bund dem Sport gerade zum Restart nach Corona zur Verfügung gestellt wurden, auch dazu beitragen können, bleibt abzuwarten.

Mit der von Ihnen angesprochenen breiteren Ausbildung könnten Nachwuchssportler:innen entsprechend ihres Talents einer Sportart zugeordnet werden. Bis jetzt entscheidet oft eher der Zufall. Möglicherweise sogar Erfolge im Spitzenbereich, wie die Handball-EM 2016.

Der Partizipationseffekt in Folge von Sportgroßveranstaltungen ist empirisch betrachtet nur in Ausnahmefällen aufgetreten. Ich habe den Handball nicht analysiert, aber ich würde annehmen, das war eher ein momentaner Peak. Wichtig ist, dass die Begeisterung, die zweifellos über diese Events entsteht, mit entsprechenden Angeboten und Ressourcen verknüpft wird. Nehmen wir die fantastische Frauenfußball-EM. Können wir diesen Effekt jetzt mitnehmen? Haben wir die nötigen AGs in den Schulen? Mädchenmannschaften in den Vereinen? Ausreichend Trainerpersonal? Bleiben die Nationalspielerinnen weiterhin sichtbar und wird ihre Strahlkraft jetzt strategisch genutzt?

Selbst einige Sportler:innen sagen jedoch, Deutschland sei kein Sportland.

Zur Person

Johannes Herber , 39, geboren in Darmstadt, ist Geschäftsführer von „Athleten Deutschland“. Der ehemalige Basketballer, der unter anderem bei den Frankfurt Skyliners spielte, setzt sich mit seinem Verein für die Belange der Spitzensportler:innen in Deutschland ein. FR/imago images

Deutschland ist ein Fußballland. Die anderen Sportarten erhalten dem Fußball gegenüber sicherlich zu wenig Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Den Vorteil Deutschlands gegenüber einigen anderen westlichen Ländern sehe ich allerdings darin, dass der Zugang zum Sport immer noch relativ niedrigschwellig ist. Andernorts ist es oft deutlich teurer gewisse Sportarten zu betreiben. Dafür schaffen wir es bisher nicht ausreichend, den Sport in die Schulen zu bringen. Es gibt aber Beispiele, wie es klappen kann: Alba Berlin hat ein sehr gut funktionierendes Projekt. Sie arbeiten gezielt mit Kitas und Schulen und verankern Basketball an der Basis. Damit vergrößern sie natürlich den Trichter für mögliche Talente. Die Besten kommen oben an und die anderen kommen in Bewegung, haben Freude am Spiel und am Miteinander.

Aber wie sieht der Weg in den Spitzenbereich aus? In vielen anderen Ländern ist der Stellenwert von Topsportlern hoch – in Deutschland wird genau diese Wertschätzung vermisst.

Das ist die andere Seite. Wir hören immer wieder von Mitgliedern, dass sie sich beinahe entschuldigen müssen für ihren Karriereweg. Ich selbst habe etliche Male gehört: „Willst du nichts Vernünftiges lernen?“ Auch deshalb verlieren wir Talente. Der Beruf des Spitzensportlers muss klarer vorgezeichnet werden und mehr Akzeptanz erfahren.

Bräuchte es ein Schockerlebnis von missratenen Olympischen Spielen?

Das glaube ich nicht. Den Abwärtstrend im Medaillenspiegel gibt es ja schon über die letzten 20 Jahre. Nein, ich denke, allen Entscheidern im Spitzensport ist bewusst, dass weitere Reformen bei der Förderung notwendig sind.

Wobei die Förderung heute eher nach dem Belohnungssystem funktioniert. Man muss also schon erfolgreich sein, damit Gelder fließen?

Das stimmt. Ein Olympiakader-Athlet, der erwiesenermaßen etwas geleistet hat, erhält erheblich mehr als ein Nachwuchssportler. Und ich bin auch sehr dafür, dass die Spitzenathlet:innen ihre 800 Euro Sporthilfe bekommen. Aber man muss natürlich auch Anreize und Sicherheiten für den Nachwuchs schaffen. Die Töpfe sind begrenzt, man gerät dabei automatisch in Verteilungskonflikte. Das sind keine einfachen Fragen, die alle Bestandteil einer anstehenden sportpolitischen Debatte sein werden.

Welche Rolle können Sie als „Athleten Deutschland“ spielen?

Als Athletenvertretung ist es unsere Aufgabe, die Bedürfnisse der Athletinnen und Athleten sichtbar machen. Sie stehen schließlich im Mittelpunkt, so steht es zumindest in allen Papieren, und werden doch selten gefragt, was sie überhaupt benötigen, um erfolgreich zu sein. Diesen Beitrag werden wir liefern. Und wir tragen auch dazu bei, dass der Sport integrer und transparenter wird. Unsere kürzlich eingerichtete Anlaufstelle für Betroffene von Gewalt und Missbrauch ist dahingehend ein wichtiger Schritt. Ein skandalfreier Spitzensport hat ja nicht nur Vorteile für potenzielle Betroffene. Er ist auch attraktiver: für Eltern, die ihre Kinder in die Vereine schicken, aber natürlich auch für Sponsoren.

Interview: Patrick Reichelt

Johannes Herber.
Johannes Herber. © imago/Ulmer

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