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Wie aus einem Guss: Oliver Bierhoff.
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Wie aus einem Guss: Oliver Bierhoff.

Nationalmannschaft

„Jogi ist der Richtige“

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  • Frank Hellmann
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  • Günter Klein
    Günter Klein
  • Jan Christian Müller
    Jan Christian Müller

Oliver Bierhoff erklärt wortreich, warum der Bundestrainer auch in Zukunft Joachim Löw heißt, umso wortkarger bleibt er bei Fragen nach der tiefen Krise in der DFB-Führung.

Oliver Bierhoff sitzt in der DFB-Zentrale in Frankfurt, in der Rechten hält er eine Fernbedienung, mit der er Präsentationen und Charts in das virtuell abgehaltene Pressegespräch einbauen kann. Es geht um Joachim Löw. Es geht auch darum, „subjektive Betrachtungen zu objektivieren“. Dafür haben ihn die Analysten aus der Akademie mit Daten versorgt.

Den wichtigsten Satz sagt der mächtige DFB-Direktor Nationalmannschaften & Akademie in der Schlussminute, sozusagen als Quintessenz des fast 90-minütigen Ergusses: „Jogi Löw ist der richtige Trainer.“ Ob Fritz Keller noch der richtige Präsident ist oder Friedrich Curtius der richtige Generalsekretär? Präsidiumsmitglied Bierhoff windet sich um den zehrenden Machtkampf an der Verbandsspitze herum. „Das müssen die Personen unter sich ausmachen.“ Andere Krisen rund um den DFB hülfen nicht, das Image zu verbessern, bemerkt er zwar, vermeidet es jedoch sehr bewusst, zu den hauspolitischen Verwerfungen etwas Tiefgründiges beizutragen. Dürre Worte für eine tiefe Krise.

Umso mehr Worte fürs Sportliche: Schon im vergangenen Jahr habe Löw laut Bierhoff viel Gutes geleistet. Eine Verjüngung, eine Veränderung des Spielstils sei 2019 sichtbar gewesen. Was 2020 betrifft, seien die Werte ein wenig gesunken, aber: „Wir sollten uns bewusst werden, in welchem Jahr wird sind.“ Im Coronajahr, in dem die Spieler in stimmungslose Stadien einlaufen und im Hotel Abstand zueinander halten müssen. „Und die Spieler kamen entweder aus dem Urlaub oder der Belastung.“

Der Spielstil, den man nach dem WM-Desaster von 2018 anzustreben begonnen habe, erfordere hohe Beschleunigungen und viele Laufwege in den Rücken der Abwehr. „Da waren wir 2019 fast wieder so gut wie 2017, als wir kein Spiel verloren und den Confederations Cup gewonnen haben.“ Die Ballbesitzzeiten – „nahezu perfekt fast wie 2014“. Nur: Dem Team fehle es an Erfahrung – auch dazu Zahlen: „145 Prozent weniger Länderspielerfahrung als unsere 2014er-Mannschaft. 50 Prozent weniger als 2010, wo wir eine sehr junge Mannschaft hatten.“

Diese aktuelle Mannschaft sei „kein Sauhaufen wie 2000“, die Spieler würden gerne kommen. Und weil man ja auf das 0:6 von Sevilla zu sprechen kommen muss: „War der Trainer da hilflos?“, fragt Bierhoff und gibt gleich die Antwort: „Er ist in der Halbzeit nicht gesessen und hat geheult, sondern umgestellt.“

Und habe nicht im November 2019 nach dem 6:1 gegen Nordirland in Frankfurt eine prächtige Stimmung geherrscht? Der smarte Macher mit seinem aufgekrempelten hellblauen Hemd scheint sich eine Zeitmaschine zu wünschen, die ihn genau dorthin zurückbringt.

Dennoch präsentiert der 52-Jährige für das DFB-Aushängeschild auch fürs Pandemie-Jahr 2020 ein Schaubild mit drei grünen Haken. Weil die Ziele erreicht worden seien: in der A-Kategorie der Nations League geblieben, im ersten Topf der WM-Qualifikation gelandet und die Belastungssteuerung mit den Vereinen geschafft. Im gesamten Kontext „ein tolles Ergebnis, dass der Bundestrainer unter diesen Umständen und Schwierigkeiten erreicht hat“. Bierhoff berichtet, dass Löw die heftigen Debatten nach dem 0:6 in Spanien nicht ungerührt ließen: „Er kann das aber auch schlucken. Viel mehr hat man Wut bei ihm gesehen.“ Der bald 61-Jährige will sich laut DFB noch vor Weihnachten persönlich erklären.

Bierhoff vermeidet tunlichst, die Namen Hummels, Boateng und Müller zu nennen, er sagte aber auch: „Jetzt beginnt ein neues Kapitel. Jetzt gilt es zu bewerten: Auf welche Spieler kann der Trainer bauen?“ Zwischenmenschlich sei zwischen Löw und „den Personen“ (gemeint: Hummels, Boateng, Müller) nichts passiert. Der Türspalt zur Rückkehr ist wieder ein Stückchen mehr geöffnet. „Am Ende spricht man über alle Spieler“, so Bierhoff, im Fall der drei sei „nichts Absolutes dabei, Jogi und sein Trainerstab sind nicht verbohrt, sie haben alle Optionen.“ Und sowieso: „Wir können mit dieser Mannschaft ein Topturnier spielen.“

Für seinen Arbeitgeber spricht Bierhoff nur rudimentär. „Ich fand es sehr traurig, hat mich auch verärgert, dass viele Interna nach außen getragen worden. Damit machen wir uns das Leben selbst schwer.“ Angeblich will er nichts davon mitbekommen haben, dass Keller und Löw gestritten hätten, nachdem der Präsident offenbar vorschlug, nur bis Sommer 2021 mit dem Bundestrainer zusammenzuarbeiten. „Von einem heftigen Streit weiß ich nichts, dass man mal lauter diskutiert, gehört dazu.“ Interpretationssache.

Was er versichern könne: Weder habe es von den Präsidiumskollegen Gegenreden noch Nachfragen gegeben. Und er selbst habe definitiv keine Gespräche mit irgendwelchen Nachfolgern geführt. Trotzdem will er Löw keinen Freifahrtschein ausstellen, dass dieser tatsächlich bis Vertragsablauf im Dezember 2022 zur WM in Katar auf der Trainerbank sitzt. Anders als ein einzelnes Nations-League-Spiel dient ein EM-Turnier sehr wohl als Gradmesser, „und unabhängig davon, ob ein Vertrag, bis 2022 oder 2028 läuft“, so Bierhoff, „im Sommer müssen wir die Arbeit bewerten.“

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