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Jeder Tag ein Kampf

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Von: Harald Joisten

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Will sich nicht unterkriegen lassen: Frank Weckler.
Will sich nicht unterkriegen lassen: Frank Weckler von Eintracht Frankfurt. © Privat

Wie der schwerbehinderte Frank Weckler sein Leben mit dem Laufen bewältigt, das ihm aber immer schwerer fällt. „Die Zeiten sind härter geworden. Ich auch.“

Er hatte sein Leben schon mehrfach beenden wollen. Aufgeben. Schluss machen mit dem ewigen Kampf gegen seinen Körper und die Welt. Doch aufgeben ist eigentlich gar nicht sein Ding. Frank Weckler ist ein Kämpfer, der vielen Menschen als Vorbild in schwierigen Situationen dienen kann. „Mein Kinderarzt sagte meinen Eltern damals, ich werde nicht alt“, erinnert sich der heute 56-Jährige. „Ich habe diesen Arzt dann 35 Jahre später mal getroffen. Da war er derart perplex. Darauf habe ich ihn sogar einmal privat besucht. Zwei Wochen später ist er gestorben.“

Seit seiner Geburt ist Frank Weckler körperlich stark eingeschränkt. „Ich habe eine Versteifung der Gelenke.“ Eine Art Rheuma. Dauerhaft. Es hieß, er werde nie richtig laufen können. Auch damit lagen die Ärzte falsch. Der Sulzbacher wurde zwar „nur“ 1,53 Meter groß, ließ sich aber nicht aufhalten. Er zeigte, was möglich ist – wenn man nur will.

Zunächst schloss er sich dem Ersten Bad Sodener Schwimmclub (ESSC) an. Spielte jahrzehntelang Tennis beim TVST Sulzbach. Gehörte vier Jahre lang den Handballern der TSG Sulzbach an. Und er fuhr Ski alpin. „Bei einem Skirennen in Obergurgl in Österreich bin ich 1975 und 1976 Erster in meiner Altersklasse geworden“, sagt er stolz.

Eines Tages lernte er Dietmar Stenzel kennen, einen ehemaligen Langstreckenläufer aus Frankfurt. „Ich habe bei ihm in Sulzbach trainiert. Er sagte: Egal, was ist, du kommst immer. Und je mehr du trainierst, desto mehr gehen deine spastischen Bewegungen weg.“ Von dieser Zeit an, er war 17, war Frank Weckler kaum noch aufzuhalten. Er lief und lief. Trotz der Schwerbehinderung. Immer weiter. Und absolvierte mehrere Marathonläufe: Fünf in Frankfurt, einen in Berlin, in Palma und einen in New York. Dazu Halbmarathons, den Hofheimer Kreisstadtlauf, und, und. „Die Leute haben gesagt, der Kleinwüchsige kann das nicht.“ Er konnte es.

Rund um Frankfurt, wo die Volkslaufdichte groß ist, ist „Fränkie“ in Insiderkreisen immer noch bekannt. Auch zu seiner Arbeitsstelle in Höchst lief der gelernte Tierpfleger einst stets zu Fuß. „Seit 1990 gehöre ich Eintracht Frankfurt an“, sagt er. Vereinspräsident Peter Fischer habe er auch kennen und schätzen gelernt. „Wir sind befreundet.“

Das sind Momente, an denen er sich festhält, hochzieht. Denn Respekt wurde ihm im Leben selten entgegen gebracht. „Ich wurde immer in Schubladen gesteckt. Das habe ich immer gemerkt, egal, in welcher Situation ich gewesen bin“, erzählt er. Fast täglich musste er Rassismus erleben. Als „Spasti“, „Judensau“ oder „Gartenzwerg“ sei er von Jugendlichen bisweilen beschimpft worden. Manchmal erwiderte er etwas, meistens joggte er stumm weiter. Irgendwann zog er sich Kopfhörer auf. „Wenn du jeden Tag denselben Mist hörst, schaltest du irgendwann ab. Das ist wie bei dem immer gleichen Film im Fernsehen. Die Zeiten sind härter geworden. Ich auch.“ Inzwischen scheint es, hat er seinen Frieden damit gemacht. Er sagt: „Das gehört zum Leben dazu.“

Und das, obwohl der einstige Dauerläufer fast zum Stillstand gekommen ist. Das Laufen fällt ihm noch schwerer. Er kann nicht mehr mit Bahn oder Bus fahren, ist auf einen Rollator angewiesen, geht selten raus. „Ich kann seit einiger Zeit nicht mehr viel weg. Durch meine Gesundheit geht es nicht mehr. Zu Hause kann ich laufen. Draußen nicht.“ Einen genauen medizinischen Grund für die Verschlechterung gebe es nicht. „Die Ärzte meinen, es hat mit meinen Depressionen und Angstzuständen zu tun. Ich habe alles versucht, nichts half.“

Dreimal, sagt er offen, habe er versucht, sich umzubringen. „Einmal mit Alkohol und Tabletten, einmal nur mit Tabletten. Dann habe ich versucht, mich vor einen Zug zu werfen.“ Es scheiterte. Zum Glück. Denn natürlich sei es „traurig, wenn sich Menschen umbringen wollen. Man muss so fertig sein. Jedes Leben, das geht, ist ein Leben zu viel.“ Es sei wichtig, „dass man diesen Leuten versucht zu helfen.“ Und dann sagt er: „Ich denke heute nicht mehr daran. Ich bin froh, ich habe zu Hause meine Katzen.“ Bemerkenswert.

Denn elf Jahre nach seinem Vater starb vor kurzem auch seine Mutter. Frank Weckler wird heute Nachmittag das erste Weihnachten ohne sie verbringen. „Das ist sehr traurig und eigenartig, dass sie nicht mehr da ist. Man muss es so nehmen wie es ist.“ 39 Kilo hat er in den vergangenen neun Wochen abgenommen, Jetzt wiegt er noch knapp 90 Kilogramm.

Ob er sich selbst als Kämpfer fühlt, nach all‘ dem, was er erreicht hat? Frank Weckler überlegt kurz: „Was anderes ist mir ja nicht übriggeblieben.“ Noch immer versucht er, irgend etwas zu machen, in Bewegung zu bleiben. Er hat seinen Tagesablauf, wollte einst nochmal bei einer Tafel in der Region aushelfen, sei dort aber abgewiesen worden.

Er wird seinen Weg weiter gehen. Auch wenn’s schwer fällt. Das ist er gewohnt. „In dieser Hinsicht geht’s mir gut.“

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