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Jan Ullrich: Ein Märchen, das böse endet

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Von: Sebastian Moll

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Lässig ins Ziel: Tour-Sieger Jan Ullrich am 27. Juli 1997 in Paris.
Lässig ins Ziel: Tour-Sieger Jan Ullrich am 27. Juli 1997 in Paris. © imago/Horstmüller

FR-Reporter Sebastian Moll legt eine Biografie über Radprofi Jan Ullrich vor. Es ist die Geschichte eines „tragischen Helden“ – passend zum Start der diesjährigen Tour de France. Ein Auszug

Als am 5. Juli 1997 die Tour de France in Rouen startete, war es in Deutschland noch lange nicht selbstverständlich, dass in den folgenden drei Wochen am Nachmittag in den Büros die ARD eingeschaltet wurde und es auf öffentlichen Plätzen und in Kneipen am helllichten Tag Viewing Partys gab.

Überhaupt war es das erste Jahr, in dem von jeder Etappe zumindest ein wenig live gezeigt wurde. Noch im Vorjahr, als Jan Ullrich mit angezogener Handbremse leicht Zweiter geworden war, gab es nur Live-Bilder von den wichtigsten Etappen, ansonsten musste man sich mit abendlichen Tageszusammenfassungen begnügen.

So saßen am 15. Juli zum Start der 10. Etappe in Luchon auch nur eingefleischte Radsportfans vor den Fernsehern. Nur Kenner wussten zu diesem Zeitpunkt, dass etwas Großes in der Luft lag.

Es war fast unheimlich: Jan Ullrich schwitzte nicht mal

Auf dem Programm stand an jenem Tag eine monströse Etappe mit 252,5 Kilometern und fünf Passüberquerungen in den Pyrenäen. Die Ziellinie zog sich über den höchsten Punkt der Straße hinauf in die Skistation Ordino-Arcalís. Die Ausgangslage war so: Im Gelben Trikot saß der Franzose Cédric Vasseur, der seinen Vorsprung von einer Attacke der ersten Woche gerade so über den Tourmalet gerettet hatte. Kurz dahinter lauerte Ullrich, der sich am ersten Tag in den Pyrenäen noch zurückgehalten hatte. Dennoch war am Vortag bereits offensichtlich geworden, dass der vermeintliche Kapitän des Teams Telekom, Bjarne Riis, seine Leaderrolle nicht würde ausfüllen können. Riis hatte 30 Sekunden verloren und musste dabei ans Limit gehen.

Wer nun den richtigen Riecher hatte und sich am Nachmittag des 15. Juli irgendwo ein Fernsehgerät suchte – Streaming gab es noch nicht –, der konnte live jene Bilder sehen, die sich später als Geburt eines deutschen Helden in das kollektive Bewusstsein brannten.

Das Spektakel begann irgendwo auf der Carretera general 2, der Nationalstraße, die Andorra von Osten nach Westen durchquert. Vom Peloton der Tour de France war nach sieben Stunden im Sattel nur noch eine Gruppe von 17 Mann übrig geblieben, die Besten dieser Tour, die nun am 11 Kilometer langen Schlussanstieg unter sich den Primus, den Patron de Tour, ausfahren würden. Jan Ullrich bewegte sich leicht durch diese Gruppe, so, als hätten ihm die mehr als 3000 Höhenmeter und mehr als 200 Kilometer des Tages nicht das Geringste anhaben können. Er schien nicht einmal zu schwitzen, und als er sich kurz zum Mannschaftswagen zurückfallen ließ, tanzte er so mühelos wieder zur Gruppe hin, dass der Konkurrenz angst und bange werden musste.

Jan Ullrich ließ die Konkurrenz scheinbar mühelos hinter sich

Sein Mannschaftskapitän Bjarne Riis hingegen hatte die Stirn in Falten gelegt. Er spürte, dass es heute nicht reichen würde. Sobald die Angriffe anfingen, würden ihm die Oberschenkelmuskeln zugehen und er müsste sich mit Mühe und Schmerz hinauf zur Ziellinie wuchten.

Ganz anders Jan Ullrich. Er setzte sich gleich in den ersten Kurven des Anstiegs an die Spitze des Felds, so, als seien seine Kräfte grenzenlos. Da gab es kein Taktieren, wie das heute bei der Tour de France unter den Favoriten oft ist.

In der ersten steileren Serpentine ging Ullrich kurz aus dem Sattel, es war nicht einmal ein richtiger Antritt, er erhöhte kaum die Trittfrequenz, er brachte nur ein klein wenig mehr Druck auf die Pedale. Doch es reichte, um seine verbliebenen Widersacher abzuschütteln. Es war das letzte Mal, dass er sich umschaute. Danach beugte er sich über seinen Lenker, als würde er im Flachen in den Wind fahren, die Ellbogen angewinkelt, der Oberkörper nur ganz leicht im Tretrhythmus wippend, und schlug seinen unbarmherzigen Takt an, der das gesamte Feld der Tour vernichten würde.

Die Kommentatoren hoben Jan Ullrich in den Himmel

Alle verblassten sie an diesem Tag hinter dem neuen Tour-Helden. Die beiden Bergspezialisten Marco Pantani und Richard Virenque ließen hinter Ullrich ihre Kurbeln wirbeln, was das Zeug hielt, doch ihr Gesichtsausdruck verriet ihre Resignation.

Noch bevor Ullrich die Ziellinie erreichte, sagten die Kommentatoren voraus, dass dieser Ullrich die kommenden zehn Jahre die Tour dominieren würde. So, wie er an diesem Tag Rad fuhr, erschien es undenkbar, dass ihm jemals wieder irgendwer das Wasser würde reichen können. Er kam aus dem Reich des Menschlichen und entschwebte in die Sphären der Götter. Es gab nur noch ihn, ein Sinnbild roher Kraft, und den Berg.

Das Bild, wie er kurz vor dem Ziel sein deutsches Meistertrikot mit den Farben Schwarz, Rot, Gold zurechtrückte und die Arme in den Himmel streckte, würde an diesem Abend in alle deutschen Wohnzimmer ausgestrahlt werden. Es lief in der Tagesschau und es würde am nächsten Tag die Titelseiten der Zeitungen zieren.

Die Begeisterung für Jan Ullrich war vollkommen maßlos

So erlebten am übernächsten Tag schon Millionen an den deutschen Bildschirmen Ullrichs Triumphfahrt beim Zeitfahren von Saint-Étienne. Es war erneut eine Demonstration totaler Dominanz. In aller Seelenruhe wechselte Ullrich am höchsten Punkt der Prüfung das Fahrrad, so, als hätte er alle Zeit der Welt. Den Zweitplatzierten der Tour, Richard Virenque, überholte er dennoch und demütigte ihn vor ganz Frankreich. Ullrich walzte mit seiner unbändigen Power die Tour de France in Grund und Boden.

Es waren noch neun Tage bis Paris, neun Tage, in denen in Deutschland eine Radsporthysterie ausbrach, wie es sie noch nie gegeben hatte. „Was damals in Deutschland los war, das war vollkommen maßlos“, erinnert sich der Journalist Detlef Hacke, der jahrelang für den Spiegel über Radsport berichtete.

Die Tour, das Buch

Am 1. Juli beginnt die erste Etappe der diesjährigen Tour de France. Vom Start in Kopenhagen bis zum Endspurt auf der Pariser Champs-Élysées am 24. Juli absolvieren die Fahrer 21 Etappen. Die 109. Ausgabe des Radrennens führt die Athleten nicht nur durch Frankreich, sondern eben auch durch Dänemark, Belgien und die Schweiz.

Das Buch: Jan Ullrich gewinnt 1997 die Tour de France mit dem Team Telekom. Seine Duelle mit Lance Armstrong und Marco Pantani fesseln Millionen Menschen an die TV-Bildschirme. Doch dann: Dopingskandal, Karriereende, Alkohol- und Drogenausfälle. Ullrichs Absturz ist einer der tragischsten in der Sportgeschichte. Was hat dazu geführt? 25 Jahre nach dem legendären Tour-de-France-Sieg geht Sebastian Moll dieser Frage nach. Als Radsportjournalist begleitete er Ullrichs Karriere von Anfang an und blickt nun auf den Aufstieg und Fall des Spitzensportlers zurück.

Ulle – Jan Ullrich. Geschichte eines tragischen Helden“ von Sebastian Moll, 180 Seiten, Verlag Delius Klasing, 22 Euro.

Man konnte gar nicht genug davon bekommen, Jan Ullrich Tag für Tag dabei zuzusehen, wie er im Gelben Trikot eine Überlegenheit demonstrierte, die man so von einem deutschen Sportler vielleicht noch nie gesehen hatte.

Die deutsche Fußballnationalmannschaft hatte den WM-Titel 1990 gewonnen, aber sie war nicht unantastbar. Boris Becker kämpfte immer vor aller Augen so sehr mit sich selbst wie mit seinen Gegnern. Franziska van Almsick war launisch, sie konnte siegen, aber sie konnte ihre Rennen auch verhauen. Michael Schumacher rang nach seinem Wechsel zu Ferrari noch mit seinem neuen Auto. Doch Ullrich war bei dieser Tour unverwundbar wie Siegfried. Als Ullrich dann endlich auf den Champs-Élysées als der „Kaiser“ der Tour gekrönt wurde – wie ihn vornehmlich die französische Presse titulierte –, war man in Deutschland außer sich. Sein Empfang am Bonner Rathaus glich dem Ankunft der Beatles in Amerika im Jahr 1964. Die Bonner Bürgermeisterin Bärbel Dieckmann ließ sich zu dem Satz hinreißen: „Sie stehen in einer glaubwürdigen Reihe mit Adenauer, Gorbatschow, de Gaulle und dem Papst.“

In seinem Wahlheimatort Merdingen benannte man gleich eine Straße nach ihm. Die traditionellen Kirmesrennen nach der Tour, Rennen mit klingenden Namen wie „Rund um den Pfaffenteich“, wurden live übertragen.

Auf diese Euphorie war Jan Ullrich nicht vorbereitet, wie auch?

Für Jan Ullrich selbst muss das alles überaus verwirrend gewesen sein. Einerseits war diese Aufmerksamkeit natürlich schmeichelhaft, dieser Überschwang an Zuneigung, berauschend vielleicht sogar. Andererseits mussten ihn Vergleiche mit dem Kaiser und dem Papst und Prognosen einer jahrzehntelangen Dominanz des Radsports doch befremden und beängstigen.

Natürlich wusste Ullrich nicht erst seit dieser Tour, dass er ein überdurchschnittlich talentierter Radfahrer ist. Und sicherlich hatte er sich auch spätestens nach 1996 ernsthaft mit der Möglichkeit auseinandergesetzt, einmal die Tour zu gewinnen. Aber auf das, was plötzlich Millionen von Menschen in ihm zu sehen glaubten, hatte ihn niemand vorbereitet.

Man hatte Jan Ullrich in Deutschland zwar schon 1996 wahrgenommen, doch im Jahr seines Tour-Siegs war etwas anderes passiert. Als Ullrich aus Frankreich zurück nach Deutschland kam, gab es ein Massenpublikum, das ihn zehn Tage stundenlang im Fernsehen gesehen hatte, ganz auf ihn fixiert, wie er heroisch durch die Pyrenäen und Alpen gefahren war.

Aus Jan Ullrich war plötzlich „unser Jan“ geworden

Jeder, der dabei zugeschaut hatte, glaubte ihn nun zu kennen, ihm nahe zu sein. Er war „unser Jan“ geworden, einer aus den eigenen Reihen, ein Nachbar, ein Kumpel, und doch einer, der Unglaubliches zu leisten vermag. Sportphilosoph Gunter Gebauer hat die Heldenbildung im Sport einmal so beschrieben: „Das Publikum wünscht sich sein Idol nicht aus seiner Gemeinschaft heraus; es will den Athleten bei sich behalten, als einen der Seinen, aus ihm Hervorgegangenen, und auf dieser Weise an der übermenschlichen Leistung partizipieren.“

Es ist ein eigenartiges Verhältnis, das die Fans zu ihren Sportidolen haben, insbesondere und gerade im Zeitalter der Massenmedien. Man glaubt, sie zu kennen, aber es ist eine falsche Nähe. Es ist, wie Gebauer es beschreibt, eine stark libidinöse Beziehung, von überwältigendem Affekt gekennzeichnet. Und doch ist es ein Affekt, der keiner echten Person gilt.

Der Fan verliebt sich nicht in eine komplexe Persönlichkeit, sondern in eine „Maske“, in ein Idealbild – in jenen glorreichen Jan Ullrich, der die französischen Gipfel erstürmt und die Konkurrenz plattwalzt, der symbolisch Frankreich erobert und dann am Bonner Rathaus der Menschenmenge zujubelt, dessen Leben eine einzige Abfolge von Höhenflügen und Abenteuern ist.

Jan Ullrichs Ritt durch die Pyrenäen löste eine Hysterie aus

Diese Liebe ist unentwirrbar mit der Selbstliebe des Fans verwoben. Wir lieben den Sporthelden, weil er unser Selbstwertgefühl steigert. Weil er einer von uns ist und trotzdem übermenschlich, suggeriert er uns allen auf unseren Sofas, dass wir unserer Mittelmäßigkeit ebenso entrinnen können. Und das, ganz ohne dass wir selbst etwas tun müssen. Gebauer beschreibt dieses Phänomen mit dem Begriff des Charisma. „Das Charisma des Helden und die innere Unterwerfung seiner Bewunderer bilden eine Balance: Außen revolutioniert der Held die alten Ordnungen, in der Gemeinde bildet sich innere Unterwerfung unter das noch nie Dagewesene, absolut Einzigartige, deshalb Göttliche.“

In den Momenten, in denen das Charisma sich zeigt, wie etwa in jenen Tagen im Sommer 1997, so Gebauer, wird der Alltag gesprengt, es entsteht ein Ausnahmezustand. Jan Ullrichs Ritt durch die Pyrenäen löst einen Taumel aus, in dem für einen kurzen Moment die Gemeinschaft der Anhänger glaubt, aus der Enge ihrer Existenz ausbrechen zu können. Es macht sich eine kollektive Ekstase breit, ein Moment der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, entfacht durch die außerirdische Leistung des Idols, die sich auf die Anhänger überträgt. Für ein paar Tage glaubte Deutschland, dass nicht alles so sein muss, wie es ist, sondern dass es reines Glück geben kann, Erlösung von den Fesseln des Wirklichen und Mondänen.

Es folgte der tiefe Sturz von Jan Ullrich - der Dopingskandal

Es war ein Gefühl, das süchtig machte, dieses Sommermärchen des Jahres 1997, ein Gefühl, das die Nation danach immer wieder im Juli erleben wollte und von ihrem Erlöser, der jetzt Jan Ullrich hieß, forderte.

Die Psychoanalyse kennt diese Art der affektiven Bindung an ein reduziertes Idealbild als eine überaus unreife Form der Objektbeziehungen – ein Bindungstyp, der jedoch für die massenhafte Verehrung eines Idols oder eines charismatischen Anführers typisch ist. Man ist verliebt in ein bestimmtes Bild einer Person, in diesem Fall das übermenschliche, heroische, das einem angenehme Gefühle bereitet. Dass dieselbe Person auch andere Dimensionen hat, blendet man aus, man will es nicht wahrhaben.

In der Objektbeziehungstheorie nennt man diese Art der Beziehung eine „paranoid-schizoide Position“, die in der Persönlichkeitsentwicklung zwischen dem vierten und dem sechsten Lebensmonat auftritt. Der Säugling kennt nur die gute Mutter, die ihm die Brust gibt und seine Bedürfnisse befriedigt, oder die böse Mutter, die diese Befriedigung verweigert. Die eine wird geliebt, die andere gehasst. Dass sowohl die Befriedigung als auch die Verweigerung Teil derselben Person sein kann, lernt das Kind erst später.

Dass Jan Ullrich bei seinen Fans nur die Wahl zwischen dem einen oder dem anderen hatte, musste er im Verlauf seiner Karriere schmerzhaft erfahren. Er bekam es in den Jahren zu spüren, in denen er wieder nur Zweiter wurde und die nationalen Glücksgefühle verweigerte. Und er musste es ganz besonders spüren, als 2006 das Heldenbild, das Medien, Manager und Vermarkter von ihm aufgebaut hatten, in der Empörungsorgie um seine Dopingskandale endgültig zerbarst. (Sebastian Moll)

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