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Geld regiert die Sportwelt: Sepp Blatter im unfreiwilligen Geldregen.  

Von Helden und Schattenmännern

Spitzensport: Von einem Jahrzehnt der Entfremdung

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Die Entwicklung des Spitzensports von 2010 bis heute gibt mit Blick auf die Zukunft Anlass zur Sorge.

Es war im Januar 2011. Thomas Müller saß in der Lobby eines feinen Strandhotels in Doha und erzählte, wie sein Leben sich verändert habe: „Wenn ich mit meiner Frau essen gehe: Die Pizza muss nicht mehr fünf Euro kosten.“

Seit der WM 2010 war Müller ein Fußballweltstar, er hatte beim FC Bayern gerade einen neuen Vertrag unterschrieben, der diesen Status würdigte. Und er nahm Kontakt mit der fernen Zukunft auf. Sein Verein hielt das Trainingslager erstmals in Katar ab, ein paar Wochen vor der Reise hatte das Emirat die WM 2022 zugesprochen bekommen. Alle waren neugierig auf das Land in der Wüste. Dessen Image war so schlecht nicht: Scheicha Musa, die schöne Frau des Emirs, hatte sich so herzlich über den Sieg bei der Fifa-Abstimmung gefreut. Gegen Katar sprach damals nur: Es ist zu klein und zu heiß. Die Menschenrechtsverletzungen, der Tod von Bauarbeitern – noch nicht das Thema.

Zehner Jahre - großartiges Fußballjahrzehnt für Deutschland

WM 2022, geht da was, Thomas? Er lachte. „Da bin ich 32. Könnte sein.“ Er stand immer noch am Anfang seiner Karriere und spürte: Es würde noch besser werden.

Die Zehner-Jahre waren für Deutschland ein großartiges Fußballjahrzehnt. Klar: Die WM 2018 muss man rausrechnen. Dann bleiben: die schwungvolle WM 2010 mit einer blutjungen und multikulturellen Truppe, der Triumph in Brasilien 2014, sechs märchenhafte Wochen, das Campo Bahia, das 7:1 von Belo Horizonte. Mit dem Sieg beim Confed Cup 2018 schien es so, als würden die deutschen Talentquellen nie versiegen. Der Klubfußball hatte auch seine großen Momente: 2013 in London das deutsche Finale in der Champions League, die Bayern gegen Dortmund. Danach kam Pep Guardiola als Trainer nach München – auch dies ein Indiz der Wertschätzung für Deutschland und die Bundesliga.

Und der Fußball wurde auch immer besser. Unfassbar schnell und athletisch. Die Fernsehanstalten konnten gar nicht anders: Sie mussten dieses Produkt kaufen, kaufen, kaufen.

Wohin treibt der Sport?

Wenn man untersucht, wie das Jahrzehnt von 2010 bis 2019 für den Sport war, dann kommt man auf all die Erfolgsgeschichten. Die Dekade gehörte Stars, die teils schon zuvor groß und (mit) die prägendsten in der Geschichte ihrer Sportart waren und sind. Der Schwimmer Michael Phelps dehnte seine 2004 begonnene olympische Geschichte bis 2016 und auf 23 Goldmedaillen aus, der Sprinter Usain Bolt war das Gesicht der Leichtathletik, das Tennis erlebte den unverwüstlichen Roger Federer (und die nahezu gleichwertigen Herren Nadal und Djokovic), Serena Williams (seit 20 Jahren ebenso unverwüstlich wie Federer), in der Formel 1 entwickelte sich zuerst eine Dominanz des jungen Sebastian Vettel (bis 2013) und danach des gereiften Lewis Hamilton. Simone Biles turnt wie keine Frau vor ihr. Im alpinen Skisport übertraf der Superathlet Marcel Hirscher alle Vorgänger (von Toni Sailer bis Hermann Maier), bei den Frauen war Lindsey Vonn einzigartig – wobei sich ihre Nachfolgerin Mikaela Shiffrin schon für die Nachfolge positionierte.

Und Deutschland hatte in Maria Höfl-Riesch ebenfalls eine außergewöhnlich gute Skifahrerin. Dazu Stars in den kleineren Wintersportdisziplinen. Magdalena Neuner und Laura Dahlmeier im Biathlon, die Rodler Natalie Geisenberger und Felix Loch im Eiskanal. „Wir“ sind Wintersportnation, räumen bei Olympia ab, und an Samstagen und Sonntagen kommen zehn Stunden am Stück Erfolgsgeschichten. Im Fernsehen viel Siegesgeschrei.

Der Sport der Jahre 2010 bis 19 hat aber noch eine andere Seite. Wenn man die Lautstärke der Verkaufsübertragungen herunterdreht, vernimmt man die Stimmen des Zweifels: Wohin treibt der Sport?

Doping bestimmt den Sport

Es ist in diesem zu Ende gehenden Jahrzehnt auch nachhaltiger Verdruss am (Leistungs-)Sport entstanden.

Doping ist trotz Einrichtungen wie der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) nicht verschwunden. Es gibt reichlich Länder, in denen nicht kontrolliert wird oder die – siehe Russland – den Betrug von oben veranlasst betreiben.

Bei Olympia sieht man immer mehr den Kommerz, die Zerstörung der Umwelt. Den Spielen wird die Nachhaltigkeit abgesprochen, vor allem denen im Winter. Potenzielle Bewerber sagen ab.

Wir hören von sexualisierter Gewalt. Bei amerikanischen Turnerinnen. Aus Österreich wird von Vorfällen im alpinen Skisport berichtet, die weiter zurückliegen – doch man stellt sich ihnen nicht, man versucht zu verhindern, dass sie eine breite Öffentlichkeit erreichen.

Der Fußball erscheint uns immer maßloser. Die Enthüllungen des portugiesischen Whistleblowers Rui Pinto und seiner Plattform „Football Leaks“ zeigen, wie viel Geld im Spiel ist – und an den Finanzbehörden vorbeigeschleust wird. Ganz große Geschäftemacherei, Marktplatz der zwielichtigen Investoren, der Spieler wird zum Anlageobjekt.

Geld bestimmt auch den Wettbewerb immer deutlicher. Die Champions League macht reich, wer dort nicht spielt, verliert den Anschluss. Vier der fünf großen europäischen Ligen sind nahe an einer Monokultur. Bundesliga = FC Bayern. Serie A = Juventus. La Liga: Real und Barca weit voraus. Ligue1: Paris Saint Germain. Nur noch in der Premier League können die Meister variieren, aber gerade überragt der FC Liverpool alle anderen um Längen. Der FC Bayern ist seriös und stocksolide, sein Stadion abbezahlt und eine Goldgrube – doch mit den aus dem arabischen Raum subventionierten PSG und Manchester City können die Münchner nicht konkurrieren.

Thomas Müller - deutsche Fußballkonstante des Jahrzehnts

Und auch in den großen Verbänden wird sich bereichert. Vor dem Fifa-Kongress 2015 wurden Funktionäre aus dem Hotel heraus verhaftet, Präsident Sepp Blatter musste gehen und bekam in Gianni Infantino einen Nachfolger, der Reformen verhinderte. Bei der Uefa stolperte der einst große Michel Platini über seine Geschäfte. Auch andere Fußballnamen haben an Reputation verloren. Franz Beckenbauer will Geldflüsse rund um seine WM 2006 nicht erklären, er ist keine Lichtgestalt mehr. Und Uli Hoeneß schrieb mit seiner Steuerhinterziehung eine der verwunderlichsten Geschichten dieses Jahrzehnts.

Beckenbauer und Hoeneß, die Bayern-Granden, sind nun Geschichte. Und der Geist der Jahre von 2006 bis 14 hat sich verflüchtigt. Seinen Ruf als weltoffenes Land hatte Deutschland seit der Heim-WM, der Fußball wurde lange von dieser Stimmung getragen. Die Nationalmannschaft lebte Integration vor.

In gesellschaftlich aufgewühlten Zeiten verlor auch sie sich. Die Entfremdung des deutschen Fußballs von Mesut Özil, der fünfmal in Folge zum Nationalspieler des Jahres gewählt worden war, riss Wunden. Sie werden nicht verheilen.

Thomas Müller wird auch die ersten Tage des neuen Jahrzehnts wieder in Doha verbringen. Die Bayern fahren jedes Jahr hin in das Land, das die WM 2022 wohl gekauft hat, sie aber nicht mehr verlieren wird. Die WM wird in drei Jahren in der Adventszeit stattfinden – der nächste Bruch, den der Fußball hinnehmen muss.

Müller ist eine Konstante des Jahrzehnts gewesen. Frisur, Figur, Naturell, Bodenständigkeit, Witz – alles 2019 noch so, wie es 2010 war. Doch die WM in Katar wird ihn nichts mehr angehen. Joachim Löw, der ewige Bundestrainer, hat ihm gesagt, dass er ihn nicht mehr braucht.

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