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Katarina Witt mit roten Rosen vor dem Denkmal von Karl Marx in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz

30 Jahre Mauerfall

Sportstars als Beschleuniger

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Der Sport hätte die ideale Plattform sein können, um BRD und DDR zusammenzuführen - doch während Boxer Henry Maske von der Einheit profitierte, hatte Eiskunst-Star Katharina Witt es schwer.

Vor der Wende war es so: In der DDR fand man die Bundesliga toll. Der „Kicker“ war ein hochgehandeltes Gut, nur die Sportkommentatoren des DDR-Fernsehens kamen an ihn ran, sie durften ihn offiziell abonnieren. Der Normalbürger musste sich das Magazin aus Nürnberg auf anderen Wegen besorgen. Eine gute Gelegenheit waren Spiele der BRD-Nationalmannschaft in Osteuropa. Der DFB wusste um den Zustrom seiner Fans von drüben und nahm an „Kicker“-Exemplaren mit, was ins Gepäck passte. Vor dem Hotel der Mannschaft wurden die Hefte dann verteilt.

Hingegen interessierte DDR-Fußball in der Bundesrepublik nicht sonderlich. Woran der Westen aber Gefallen fand: Daran, wie im Ostfernsehen Sport aufbereitet wurde. Vor allem bei Olympischen Spielen switchte, wer es aufgrund seiner Empfangslage konnte, gerne zu Heinz-Florian Oertel, Dirk Thiele und Wolfgang Hempel. Die Sportkommentatoren der DDR galten als besonders fachkundig. Im vereinten Deutschland konnte man sie dann beim neuen Sender Eurosport hören.

Richtig verliebt war der Westen in Katarina Witt, die anmutige Eisprinzessin, das „schönste Gesicht des Sozialismus“. Ein Star wie geschaffen für die Revue, den Glitzer des Westens, für „Holiday on Ice“. 1988 in Calgary wurde sie Olympiasiegerin. In der Rolle der „Carmen“. Die Bundesrepublik stand nachts auf – für den Star der DDR.

Es war klar: Der Sport könnte die ideale Plattform sein, um zwei Staaten zusammenzuführen. Die Sportsysteme standen zwar in erbitterter Rivalität – doch wenn man Stars fände, die von beiden Seiten geliebt würden, könnte das wirken wie ein Vereinigungs-Beschleuniger.

Vor allem im olympischen Sport war die DDR viel erfolgreicher gewesen als die Bundesrepublik. Den letzten Vergleich bot das Jahr 1988. Winterspiele: DDR Zweiter im Medaillenspiegel mit neun Goldenen, zehnmal Silber und sechs Bronze-Plaketten – die BRD auf Platz acht mit 2-4-2. Die Sommerspiele in Seoul: 37-35-30 (Platz zwei) gegenüber 11-14-15 (Fünfter). Im Westen ahnte man, dass die Bilanzen des Ostens nur mit massiver staatlicher Förderung zustande gekommen waren – die so nicht weiterexistieren könnte in einem vereinten Land, das nach den liberaleren Regeln des Westens spielen würde.

Die ersten Zahlen waren aber noch gut: Olympische Winterspiele 1992 in Albertville: erfolgreichste Nation (10-10-6). Sommer ‚92 in Barcelona: 33-21-28 – Platz drei im Medaillenspiegel.

1990 war das Übergangsjahr gewesen. Vom 27. August bis 1. September fanden im jugoslawischen Split die Europameisterschaften in der Leichtathletik statt – es war der letzte Auftritt einer DDR-Mannschaft in den blauen Trikots mit dem Staatswappen (Ährenkranz, Hammer, Sichel). Die DDR räumte noch einmal zwölf Goldene ab, und im Westen (nur dreimal Gold) wusste man nicht: Gehören die Ost-Medaillen uns jetzt auch schon?

Katrin Krabbe gewann drei Goldmedaillen, mit der Staffel und auf den Sprintstrecken, und sie war die Erste, die der Westen umarmte. Die Krabbe war 20 und schön. 1991 wurde sie Weltmeisterin über 100 und 200 Meter – doch als gesamtdeutsches Idol mit einem Schlag nicht mehr haltbar: auffällige Dopingprobe im Januar 1992, Sperre, Aufhebung, positiver Test auf das Kälbermastmittel Clenbuterol im August 1992, Gerichtsprozesse, gescheitertes Comeback – alles vorbei.

Doch dann kam Franzi. Sie tauchte auf. Einfach so. Im Olympiaschwimmbecken von Barcelona. 14 Jahre. Magische Augen. Und dann dieser Name, der überhaupt nicht nach Arbeiter- und Bauernstaat klang, sondern nach Adel: Franziska van Almsick. Mit 13 war sie dem Fachpublikum erstmals aufgefallen – als frecher Newcomer bei der Deutschen Meisterschaft: Sie trug eine Badekappe mit DDR-Emblem, als wäre sie eine Ostalgikerin, lange bevor Wehmut nach den schönen Seiten der DDR aufkam.

Sie war noch ein Kind des DDR-Sports mit Kinder- und Jugendsportschule und Spartakiade. Aber sie glitt geschmeidig hinüber in den Kapitalismus: Opel machte sie zur Werbeikone. Und der Boulevard sorgte dafür, dass Deutschland mit Franzi litt. Ließ die Nation teilhaben an der Liaison mit dem wilden Handballer Stefan Kretzschmar, deutete ihre Tattoos, war verliebt, aber auch beleidigt, weil sie nie eine Goldmedaille erschwamm. Die „BZ“ titelte bei Olympia 2000: „Franzi von Speck – als Molch holt man kein Gold.“

Die erstaunlichste Geschichte aber schrieb Henry Maske. Olympiasieger für die DDR im Boxen 1988. Sein Trainer: Manfred Wolke, Olympiasieger für die DDR 1968. Maske kam aus Frankfurt an der Oder, das noch im neuen Jahrtausend ihr Grau bewahrte, als der Solidaritätszuschlag für prachtvoll renovierte Citys gesorgt hatte. Dem Amateurboxer Maske blieb nichts anderes übrig, als einen Profivertrag zu unterschrieben. Berufsboxen war aber ein erledigter Fall damals. Es gab keine deutschen Helden, am Ring saßen Zuhälter und ihr Gefolge. Ein Faustfechter aus dem Osten würde daran nichts ändern können. Die Amis würden ihn ohnehin weghauen.

Doch Maskes Karriere wurde von Promoter Wilfried Sauerland genial aufgebaut. Er nutzte die Vielfalt an Boxverbänden aus, gefährliche Gegner mied man – und auf einmal war Maske Weltmeister. Dass er seine Kontrahenten nicht k.o. schlug, stilisierte man zu seinem Markenzeichen: Sir Henry, der Gentleman, der alles mit Köpfchen löst und weiß: Man darf sich nicht treffen lassen.

Boxen war nicht mehr brutal und widerlich, es war Schach mit Fäusten und intellektuell. Boxen begann zu glänzen, aus Nummerngirls wurden Damen in Roben, der Kampf entwickelte sich zum Event mit Musik. Und Henry Maske machte Hits. Seine Power-and-Glory-Compilations gingen in die Charts, Vangelis‘ Hymne „Conquest of Paradise“ begleitete den Einmarsch des Gladiators Maske, und als er zum letzten Fight lud, sangen der blinde Tenor Andrea Bocelli und die Musical-Chanteuse Sarah Brightman „Time to say goodbye“. In den Plattenläden verlangten die Menschen „das Lied von Henry Maske“. Als hätte er gesungen.

Noch ein paar andere aus dem Osten etablierten sich im Westen. Birgit Fischer, die ihre olympische Karriere als Birgit Schmidt begonnen hatte, begeisterte damit, dass sie immer rechtzeitig zu Olympia wieder mit Paddeln anfing und insgesamt sechs Mal teilnahm (1980 bis 2004). Heike Drechsler, schon in der DDR-Leichtathletik eine feste Größe und nebenbei mit einem Sitz in der Volkskammer ausgestattet, schloss ihre Karriere mit dem Weitsprung-Olympiasieg 2000 ab. Danach wurde sie Gesundheitsbotschafterin bei einer gesetzlichen Krankenkasse.

Nach zehn Jahren Einheit war es kein Thema mehr, ob einer aus dem Osten oder Westen kommt. Nur Thüringen, im Eis- und Schneesport sehr erfolgreich, tanzte aus der Reihe, weil es bei Winterspielen einen eigenen Pavillon aufstellte und einen Medaillenspiegel führte, in dem es vor Deutschland stand. Das kam nicht überall gut an.

Die ersten gesamtdeutschen Stars heute: Katrin Krabbe ist noch keine 50. Ihr Mann, ein Anwalt, der sie in Schadenersatzprozessen gegen den Leichtathletik-Weltverband vertreten hatte, beging Suizid, Krabbe-Zimmermann engagiert sich ehrenamtlich in einem Hospiz. Franziska van Almsick ist im Vorstand der Deutschen Sporthilfe tätig und oft bei den Fußballspielen der TSG Hoffenheim zu sehen. Henry Maske versenkte ein paar Millionen aus seinen Kampfbörsen in der Kölnarena, musste daher 2007 ein Comeback geben (und bezwang Virgil Hill, gegen den er 1996 seinen letzten Kampf verloren hatte). Er betreibt McDonald’s-Restaurants, spielte in einem Film Max Schmeling und tritt im TV auf, wenn beim Boxen ein Experte gebraucht wird.

Katarina Witt tat sich auf dem neuen Markt schwerer als erwartet. Sie genoss ihre Freiheit zunächst lieber in Amerika, gab 1994 bei Olympia ein Comeback. Der Aufwand war kapitalistisch: Sogar eine eigene Kürmusik („Sag mir, wo die Blumen sind“) wurde für sie aufgenommen. Doch sportlich war die Sache aussichtslos: Platz sieben. Auch der spätere Versuch einer sportpolitischen Karriere missglückte: Witt sollte die Figur der Bewerbung Münchens um Olympische Winterspiele 2018 sein. In Oberbayern fand sie keine Akzeptanz, und die Bewerbung fiel beim IOC durch.

Katarina Witt stellte im vereinten Deutschlands jedoch einen Rekord auf. 1998 war sie Covergirl des US-amerikanischen „Playboy“. Die englischsprachige Ausgabe wurde auch in Deutschland verkauft – und keine zuvor oder danach so gut wie die mit Witt. Wer heute noch das Heft hat, kann das Vielfache des Kaufpreises verlangen. Witt war eine gute Anlage.

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