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Ironman Hawaii steht an - „Man muss den Triathlon lieben“

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Von: Frank Hellmann

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Eine der Favoritinnen: Anne Haug. dpa
Eine der Favoritinnen: Anne Haug. dpa © Marco Garcia/dpa

Trainer Dan Lorang vor dem Ironman Hawaii über die Chancen der Titelverteidigerin Anne Haug und die Selbstzweifel des Weltmeisters Jan Frodeno.

Herr Lorang, wo erleben Sie den diesjährigen Ironman Hawaii?

Ich bin am Sonntag nach Hawaii geflogen, um das Frauenrennen am Donnerstag live vor Ort zu verfolgen, muss dann aber am Tag danach zurückfliegen, weil ich bald mit einem Radteam Bora-hansgrohe die Saisoneröffnung habe. Da will und muss ich natürlich wieder da sein. Von daher wird es nur ein Kurztrip.

Unter den Athlet:innen häufen sich die Beschwerden, dass die Kosten für Startgeld, Flug, Unterkunft und Verpflegung beim diesjährigen Ironman Hawaii explodiert sind. 10 000 Euro reichen oft nicht mehr aus, um sich den Traum zu erfüllen. Und wer als Profi nicht mindestens auf Platz zehn kommt, wo es 11 300 Euro Preisgeld gibt, zahlt wohl drauf. Wie nehmen Sie diese Debatte wahr?

Die Preise haben sich in der Tat verdoppelt. Ich habe das Glück, dass ich bei Bekannten unterkomme. Man will natürlich in Kona vor Ort sein, weil es einfach das Event auf der Langstrecke ist, aber man stellt sich natürlich schon die Frage, wie viel man bereit ist zu investieren. Ich finde es vor allem für die Agegrouper extrem, wie viel Geld sie für die Teilnahme in den Hand nehmen müssen. Auch die Preisgelder bei den Profis stehen nicht in Relation zu den Kosten. Das ist ein großer Kritikpunkt.

Die Preisexplosion hat nicht nur mit der Energiekrise zu tun, sondern vor allem damit, dass nach den ausgefallenen Rennen 2020 und 2021 jetzt fast 5000 Menschen starten.

Ja. Wer früh gebucht hat, konnte eine Unterkunft für 1500 Euro pro Person ergattern. Wer relativ spät dran war, musste für dieselben Apartments 15 000 Euro für eine Woche zahlen. Das ist enorm: Es ist die doppelte Anzahl an Leuten wie sonst auf der Insel. Nachfrage bestimmt das Angebot. Hawaii versucht eben, Profit aus dem Ironman zu schlagen. Da steigen die Preise ins Unermessliche. Ich sehe es wirklich kritisch, die doppelte Anzahl von Startern nach Hawaii zu bringen. Der Mythos lebt doch davon, dass es etwas ganz, ganz Besonderes war, dieses Rennen bestreiten zu dürfen. Warum bleibt das nicht so?

Finden Sie es eigentlich gut, dass erstmals in der Geschichte des Ironman der Start der Frauen zwei Tage vorgezogen wurde?

Eher nicht. Für mich hatte es schon seinen Reiz, dass alle an einem Tag gestartet sind. Profis und Amateure, Frauen und Männer. Man muss mal abwarten, ob die Frauen in ihrem Einzelrennen jetzt am Donnerstag wirklich mehr Aufmerksamkeit generieren. Jetzt ist das schwer abzuschätzen. Wenn wirklich Zahlen wie Einschaltquoten vorliegen, lasse ich mich gerne belehren.

Anne Haug startet als Titelverteidigerin. Sie kennen die 39-Jährige seit 2007. Was ist von Ihr am Donnerstag zu erwarten?

Ich kann auf jeden Fall sagen, dass sie körperlich und mental gut drauf ist, auch wenn es bei der Leistungsdichte extrem schwer sein wird, dieses Rennen noch einmal zu gewinnen. Sie ist bereit, alles zu riskieren. Anne hat dafür in der Vorbereitung alles gegeben.

Ist ihre Erfahrung ein Vorteil?

Sie ist 2018 Dritte geworden und hat 2019 gewonnen: Sie weiß auf jeden Fall, wie es geht, um aufs Podium zu kommen. Mit den extremen Bedingungen kommt sie gut zurecht, weil sie ist eben recht klein und leicht ist, was ihr bei der Aerodynamik auf dem Rad und beim Laufen hilft.

Ist Sie besser drauf als die von Ihnen betreute und zehn Jahre jüngere Lucy Charles-Barcaly, von der Sie ja auch Leistungsdaten vorliegen haben?

Ich muss neutral sein, dass kann ich nicht beantworten (lacht). Auch wenn mir das wahrscheinlich keiner glaubt: Ich vergleiche das nicht mal. Das habe ich noch nie gemacht, weil ich jeden Athleten und jede Athletin als Individuum betrachte. Es ist jedem bekannt, dass Lucy die bessere Schwimmerin, etwas stärkere Radfahrerin und Anne die stärkere Läuferin ist.

Wie oft sehen Sie eigentlich ihre Triathlet:innen?

Eigentlich kaum, das ist auch der große Nachteil unserer Zusammenarbeit. Ich habe Anne das letzte Mal beim Challenge Roth gesehen, vorher aber auch extrem selten. Wir schreiben, wir telefonieren, wir skypen – ich kann aus ihren Rückmeldungen durch unsere lange Zusammenarbeit viel herauslesen. Sobald die Athleten nach Hause kommen, laden sie ihr Training hoch: Ich sehe jede Wattzahl, jeden Kilometer, jeden Pulsschlag. Sie haben von mir einen Plan, der zu absolvieren ist – und der wird auch zu 99 Prozent erfüllt. Diese Daten werte ich aus und gebe Feedback, das ist natürlich alles in ein Team eingebettet. Ich kann ja kein Techniktraining beim Schwimmen machen. Ansonsten bekomme ich immer wieder auch Rückmeldung von der Physiotherapie am Olympiastützpunkt Saarbrücken oder aus Bayreuth. Das ist natürlich nie der Idealzustand, aber die einzige Bedingung, unter der ich Triathleten überhaupt betreuen kann, weil mein Hauptjob beim Radteam ist. So lange das für Anne oder Jan (Frodeno, Anm. d. Red.) in Ordnung ist, werde ich das machen.

Wie problematisch ist es im Langstrecken-Triathlon, dass seriös nur zwei volle Wettkämpfe im Jahr möglich sind. Alles ist also auf einen Tag ausgerichtet, an dem Kopf und Körper funktionieren müssen. Kann man das überhaupt trainieren?

Man kann sicherlich daran arbeiten, um unter Druck auf den Punkt seine Leistung abzurufen. Wenn man allerdings mit zehn Triathleten redet, stellt man fest, dass es zehn verschiedene Wege gibt. Ich habe ehrlicherweise Glück, weil Anne, Jan oder auch Lucy alles Wettkampftypen sind: Wenn die an der Startlinie stehen, ist der Race-Modus an. Jan hat deswegen immer wieder mal mit Sportpsychologen zusammengearbeitet, um genau diesen Fokus zu haben – wenn er nicht gewinnt, hat er für die Öffentlichkeit ja verloren. Damit über Jahre umzugehen, ist eine große Kunst.

Zur Person

Dan Lorang , 43, ist einer der erfolgreichsten Trainer im Triathlon. Er betreut seit einem Jahrzehnt den dreifachen Ironman-Weltmeister Jan Frodeno, der aus Verletzungsgründen beim Ironman Hawaii fehlt, als auch Titelverteidigerin Anne Haug und die Britin Lucy Charles Barclay, die beide als Mitfavoritinnen beim bereits am Donnerstag gestarteten Frauenrennen dabei sind. Lorang ist Sportwissenschaftler, arbeitete von 2013 bis 2016 als Bundestrainer bei der Deutschen Triathlon-Union, ehe der Luxemburger als Trainer im deutschen Profi-Radteam Bora-hansgrohe einstieg, wo er inzwischen als „Head of Performance“ seine Haupttätigkeit ausübt. (hel)

Wie viel ist bei einem Ironman denn Mentalität und wie viel Training?

Die Basis ist das Training. Wer seine Arbeit nicht macht, kann auch über den Kopf nicht genug abrufen. Nur es gibt mittlerweile sehr viele, die wissen, was zu tun ist. Und das lässt sich im Wettkampf über den Kopf schon etwas rausholen. Die Mentalität ist bei einem Ironman sehr wichtig, weil ja schon die Vorbereitung extrem herausfordernd ist. Man muss den Triathlon lieben: Wer im Kopf nicht klar und bereit ist, wird in dieser Sportart keinen Erfolg haben.

Die Pandemie hat im Triathlon noch mehr durcheinandergebracht als in anderen Sportarten: Zwei Auflagen auf Hawaii fielen aus, bei vielen litt die Motivation, bei Anne Haug offenbar nicht.

Tatsächlich hatte sie weniger Probleme, weil sie das Training so liebt. Sie mag diesen Prozess, an ihrem Körper zu arbeiten, um besser zu werden. Wettkämpfe sind für sie eher Stress. Deshalb konnte Anne mit der Corona-Zeit sehr gut umgehen.

Müssen Sie Anne Haug auch dazu anhalten, mal eine Ruhepausen einzulegen?

Das ergibt sich nach dem Hawaii-Rennen automatisch: Danach wird sie eine Woche lang durchatmen, nur sie würde es nicht gut finden, wenn ich ihr vier Wochen Pause gönnen würde. Sie fragt als erste: ‚Kriege ich jetzt mal wieder einen Plan?‘

Im Schwimmen kann man einen Ironman nicht gewinnen, höchstens verlieren. Auf dem Rad fährt kaum jemand mehr alles in Grund und Boden. Also entscheidet der Marathon. Stimmt der Trend?

Man hat jetzt mehr Wissen als früher, kann jederzeit auf seinen Wattmesser schauen. Wer einst einem Norman Stadler auf dem Rad zehn Kilometer hinterherjagte, ist bald darauf explodiert. Das riskiert keiner mehr. Auf dem Rad wird deshalb mehr taktiert als früher. Man sieht oft gar nicht die Leistung, die möglich wäre, weil jeder sich über die Folgen fürs Laufen im Klaren ist. Ich erwarte weder bei den Frauen noch den Männern, dass beim Radfahren jemand richtig weit rausbricht.

Jan Frodeno ist wegen einem so genannten Morel-Lavallée-Läsion an der Hüfte dreimal operiert worden. Zuvor hatte er sich einen Teilriss der Achillessehne zugezogen, bei einem Sturz mit dem Rad noch Rippenbrüche erlitten. Wie geht es ihm?

Die Operationen sind alle gut verlaufen, aber es war extrem hart für ihn. Er war sehr down und sicher knapp dran, die Karriere zu beenden. Als er wusste, dass er an der Hüfte operiert werden muss, war zumindest der Druck weg, noch teilnehmen zu können. Jetzt geht es für ihn darum, noch ein perfektes Jahr hinzukriegen. Deshalb ist er auch nach Hawaii gekommen (unter anderem als TV-Experte, Anm. d. Red.), um sich noch mal reichlich Motivation für sein letztes Rennen 2023 zu holen.

Kann er seiner einzigartigen Karriere noch einen Titel hinzufügen oder wird es ein Abschied durch die Hintertür?

Er liebt den Sport, das Training, das Leben damit – das ist wie bei Anne, obwohl die beiden sonst sehr unterschiedliche Charaktere sind. Jan pflegt einen Lifestyle, der auf Triathlon ausgelegt ist. Ein Champion will nicht einfach so abtreten. Wenn der Körper noch ein Jahr hält, wird er noch einmal ein Jahr hochmotiviert durchziehen. Beim Challenge Roth hatte er ja seine Form beim Schwimmen und Radfahren wieder gezeigt.

Können Sebastian Kienle oder Patrick Lange die deutsche Siegesserie seit 2014 noch mal verlängern oder gibt es an diesem Wochenende die Wachablösung durch die Norweger Kristin Blummenfelt oder Gustav Iden?

Die Norweger haben faszinierende Leistungen abgeliefert. Ich kenne die beiden Jungs. Wenn keiner von den krank wird, stürzt oder einen Platten hat, wird es extrem schwer, sie zu schlagen. Wenn sie ihre Vorleistungen bestätigen, wird es eher keinen deutscher Sieger geben. Aber Sebastian und Patrick haben so viel Erfahrung mit diesem Rennen, dass sie überraschen können. Gerade auf Hawaii.

Blummenfelt will nicht nur auf Hawaii, sondern auch noch bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris auf der Kurzstrecke gewinnen. Viele reden von einem norwegischen Ausdauerwunder, weil auch Langläufer oder Läufer Weltspitze sind. Erkennen Sie dahinter eine Systematik?

Es muss eine übergreifende Erklärung geben, weil sich die Dominanz eines kleinen Landes über mehrere Sportarten zieht. Ich weiß, dass sich die einzelnen norwegischen Sportverbände sehr stark austauschen. Dort sind sportartenübergreifende Konzepte entwickelt worden, bei denen das Wissen ständig geteilt wird. Was neueste Erkenntnisse der Trainingswissenschaften zu Ausdauerleistungen angeht, ist Norwegen seit fünf bis zehn Jahren führend. Ich erinnere mich gut an ein Gespräch mit deren Trainer Olav Aleksander Bu in der Sierra Nevada, als er mit von den Zielen erzählt – was da jetzt herauskommt, ist kein Zufallsprodukt. Es hilft natürlich, dass Sport generell einen hohen Stellenwert in der skandinavischen Gesellschaft hat. Und wer mal mit den norwegischen Triathleten spricht, stellt schnell fest, dass sie ihr ganzes Leben dem Sport widmen – und glücklich damit sind. Das scheint derzeit alles zu passen.

Interview: Frank Hellmann

Trainer Dan Lorang und Anne Haug.
Trainer Dan Lorang und Anne Haug. © imago images/Future Image

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