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In der Todesspirale der Klischees

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Von: Thomas Kaspar

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Ein sehr amerikanisches Spiel, aber es kommt an in München. Foto: AFP
Ein sehr amerikanisches Spiel, aber es kommt an in München. Foto: AFP © afp

American Football ist angekommen in Deutschland. Und die NFL ist ganz offenbar gekommen, um zu bleiben, selbst wenn Tom Brady seine Lederhose mit nach Hause nimmt.

Mit einem Wumms hat die NFL, die US-Liga für American Football, ihre Eroberungsflagge am Wochenende in den deutschen Markt gerammt. Mit einem hochprofessionellen Debut der Tampa Bay Buccaneers gegen die Seattle Seahawks in der Arena in München haben die Strategen den nächsten Schritt zur weltweiten Expansion ihres Sportmarktes getan. Übrigens gewannen die Spieler um Tom Brady mit 21:16 – doch das Entscheidende war nicht das sportliche Ergebnis.

Wer die Arena in Fröttmaning kennt, traute seinen Augen nicht. Bis auf die letzte Schraube, bis zum kleinsten Aufkleber – vom Bratwurststand im Mittelblock bis zur Dekoration am VIP-Counter – war die NFL omnipräsent. Wer den einstigen FC Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß schon einmal hat schäumen hören, weil er etwas blaue Farbe für die damaligen Miteigentümer 1860 akzeptieren musste, erahnt, wie groß die Gestaltungsmacht der Football-Organisatoren ist. Die Bayern erhielten einzig den Schriftzug „Home of FC Bayern Munich“ in allen Ortsaufdrucken, dafür opferten sie den kompletten Umbau vom Spielfeld bis zu den Umkleidekabinen des Stadions in Fröttmaning – wirklich nichts erinnerte noch an Fußball oder den FCB.

Kampfflugzeuge donnern über das Stadion, die Nationalhymnen werden inbrünstig geschmettert, während Soldatinnen und Soldaten spielfeldgroße Fahnen ausrollen. So begannen die Europe Games in den vergangenen Jahren in London bei den bisherigen europäischen Gastspielen der NFL. Wie viel von diesem patriotischen Zirkus werden die wohl auch in Deutschland veranstalten? Unfassbar: Aber bis auf die Kampfflugzeuge folgte auch der erste Auftritt im Nato-Partnerland Deutschland exakt dieser Choreographie. Und während in so manchem Fußballstadion schon Pfiffe erklingen, wenn nur das Deutschlandlied angestimmt wird, spielten die über 69 000 Football-Fans das importierte Theaterstück mit.

„I am Patriot“ steht auf der Mütze von Bernd aus Mörfelden. Auf die Idee, dass das noch etwas anders bedeuten könnte als Fan der einstigen Übermannschaft des vielleicht bekanntesten lebenden Spielers Tom Brady zu sein, ist der 27-jährige noch nie gekommen. Es ist ein wie eine postkoloniale Rache. Nur dass der einst eroberte Kontinent nicht auf der Santa Maria nach Europa zurückkehrt, sondern im Piratenschiff der Buccaneers, nicht angeführt von Christoph Columbus, sondern von Quarterback Tom Brady. Und der größte Unterschied: Die Ureinwohner scheinen selig auf die Besiedelung zu warten. Ausnahmslos alle Spieler attestierten den deutschen Fans eine unfassbare Freude am Sport und eine lautstarke Begeisterungsfähigkeit – wer Football liebt, erlebte am Sonntag seine Offenbarung mit großem Suchtfaktor.

„Ich stelle mir vor, ich hätte da als junger Soldat stehen dürfen“, meint Matthias aus Bad Füssing. Der 34-jährige Vorarbeiter aus Niederbayern war selbst zwei Jahre Soldat. 140 Euro für ein Ticket und zwei Stunden Fahrt hat er investiert, um „seinen Sport“ endlich mal live zu sehen. Spannend: Er trägt kein Trikot eines Vereins – wie fast alle im ausverkauften Stadion, sondern outet sich als „Bromantiker“. Das ist der Name des bekanntesten deutschsprachigen Podcasts der Sportart mit Coach Esume und dem einstigen Björn Werner. Die beiden hatten als Moderatoren bei Ran dem aufstrebenden Sport ihr Gesicht gegeben – und sich inzwischen zur eigenen „Bromance“-Marke verselbstständigt. Und: Die beiden sind ab der kommenden Spielzeit arbeitslos.

Denn die NFL geht in Deutschland wie in anderen Ländern rigoros und knallhart strategisch vor. In zahlreichen Ländern hat der neue Chef des internationalen Geschäfts die Partner ausgewechselt. Das Kalkül ist immer das Gleiche: Danke für die Aufbauarbeit für die Sportart, aber durch den Wechsel des TV-Senders – wie hier zum TV-Sender RTL werden die deutschen Fans wohl umschalten, dafür kommen neue Gesichter und Ideen gratis dazu. Ein weibliches Gesicht fehlt, ein Angebot für Kinder und noch mehr Spiele im Free-TV. Dafür werden jene gestoppt, die sich zu weit von der Muttermarke entfernen und statt NFL-Trikots plötzlich „Bromance“-Shirts für 90 Euro verkaufen.

Anders als zur Zeit der Eroberungen sind die Märkte in den Industrieländern heute verteilt: hier gibt es nichts zu erobern. Wer gewinnen will, muss verdrängen, muss die Aufmerksamkeit in den Medien gewinnen und diese anderen abnehmen. Merken werden das in Deutschland mit Sicherheit Sportarten wie Handball.

Es ist eine spannende Phase, in der sich die NFL in Deutschland befindet. Im Stadion in München waren Trikots nahezu aller Mannschaften der US-amerikanischen Liga zu sehen und dokumentieren die Liebe zur Sportart, nicht zum speziellen Verein. Quarterback Garoppolo von den San Francisco 49ern taucht auf. Natürlich Brady, Brady und immer wieder Brady auf T-Shirts aller Phasen seiner 23jährigen Karriere. Aber auch überragende Spieler wie Beckham Jr., der in T-Shirts der New York Giants, der Browns aus Cleveland verewigt im Stadion ist. Bei keinem der Vereine spielt der verletzte Wide Receiver – aber die Fans dokumentieren, dass er ihr Held war, der sie zum Football brachte und tragen das Shirt jetzt beim ersten Spiel in Deutschland. Ob sich die NFL je aus diesem Stadium des Events lösen wird?

Auf der Gegenseite zeigt sich die große Neugier des Footballs am neuen Land. Gerüchten zu Folge soll Tom Brady sein Karriereende aufgeschoben haben, weil er beim ersten Spiel in Deutschland dabei sein wollte, ein Spiel das er, wie er im persönlichen Gespräch beteuert, „anders als andere Spiele nie vergessen werde“. Und der Überspieler nimmt – natürlich – eine Lederhose der bayerischen Ureinwohner mit nach Hause. Willkommen in der Todesspirale der Klischees.

Nach diesem Auftritt, bei dem das schöne Erlebnis für 70 000 Fans am Reißbrett geplant – aber dann auch zur großen Feier wurde, sollte jedem klar sein: Die NFL ist angekommen in Deutschland. Und sie ist gekommen, um zu bleiben.

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