Die ewigen Zweiten: Kai Havertz (l.) und Karim Bellarabi.
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Die ewigen Zweiten: Kai Havertz (l.) und Karim Bellarabi.

Bayer Leverkusen

Für immer Vizekusen

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Und täglich grüßt das Murmeltier. Bayer Leverkusen fehlt im DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern wie so oft der Mut.

Es waren zwei Minuten in diesem Geister-Finale, die schlaglichtartig aufzeigten, warum Bayer Leverkusen auch dieses wichtige Spiel in den Sand gesetzt hat, so wie sie in der Vergangenheit die meisten ihrer wichtigen Spiele in den Sand gesetzt haben. Den letzten Titel holte die Werkself 1993, sieht man vom Hallenpokal 1994 mal ab, und es ist deshalb kein Wunder, dass sich die Klubspitze erst unlängst das Patent auf die Marke „Vizekusen“ für weitere zehn Jahre hat schützen lassen. Bayer Leverkusen ist zum Synonym fürs Verlieren geworden, zum sprichwörtlichen Pferd, das vor der Apotheke kotzt.

57 Minuten waren gespielt, die Bayern führten routiniert 2:0, ganz langsam taute Bayer Leverkusen auf, als Moussa Diaby auf rechts unwiderstehlich davonzog, perfekt quer legte, so dass Kevin Volland die Kugel mittig nur noch ins Tor schieben musste, ein sicheres Tor. Doch der Stürmer, zur Halbzeit eingewechselt, trat, man glaubt es kaum auf diesem Niveau, ein respektables Luftloch, er säbelte wie ein übergewichtiger Kreisliga C-Kicker am Ball vorbei. Es wäre das 1:2 gewesen, und die Karten neu gemischt. Kaum eine Minute später boxte sich der an sich gute Leverkusener Torwart Lukas Hradecky einen leicht haltbaren Schuss von Robert Lewandowski ins eigene Tor, nichts war es mit „legenderisch“, so hatte Hradecky vor zwei Jahren den Pokalsieg mit Eintracht Frankfurt (gegen Bayern) gewürdigt. „Mein Fehler hat alles kaputt gemacht“, sagte der Ballfänger. „Manchmal sieht man eben wie ein Depp aus.“ Es stand 0:3, das Spiel war nach einer Stunde entschieden.

Es war ein Spiel so typisch für Bayer Leverkusen. Wieder haben sie sich nicht getraut, wieder haben sie, zumindest in den ersten 45 Minuten, Angst gehabt, haben nicht über ihren Schatten springen können. Warum Trainer Peter Bosz im ersten Abschnitt auf einen nominellen zentralen Angreifer verzichtete, erschließt sich einem nicht, sowohl Volland als auch Lucas Alario standen bereit. Stattdessen beorderte der Niederländer die Kreativkraft Kai Havertz in die Spitze, damit war der feine Fußballer verschenkt. Nicht ganz zu Unrecht monierte der meinungsstarke frühere Nationalspieler Thomas Berthold anderntags im Fußballtalk bei Sport 1 fehlenden Mut: „Ich frage mich auch, in einem Spiel, in dem du nichts zu verlieren hast – warum dann so eine Hasentaktik?“ Im zweiten Abschnitt agierte die Bayer-Elf mit der echten Spitze Volland und Spielgestalter Kerim Demirbay deutlich offensiver, deutlicher besser, auf einmal hatten sie Zugriff auf das Spiel, hatten Möglichkeiten. Es war freilich zu spät.

Erstaunlich war auch: Wenn ein Team die flinke Bayern-Hintermannschaft mit seinen blitzschnellen Außen Leon Bailey und Diaby in Verlegenheit bringen kann, dann ist es Bayer. Doch die müssen eingesetzt werden und sie brauchen einen Abnehmer für ihre Flanken. Beides fehlte in der ersten Halbzeit. Nun wolle man „in der Europa League attackieren“, kündigte Lars Bender an. Da wird Bayer bestimmt ganz anders auftreten. Ganz bestimmt. (mit dpa)

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