1. Startseite
  2. Sport

Im Falschen das Egale

Erstellt:

Von: Jakob Böllhoff

Kommentare

Auch er darf nicht mitspielen in England: der Russe Andrey Rublev, Sieger in Belgrad.
Auch er darf nicht mitspielen in England: der Russe Andrey Rublev, Sieger in Belgrad. © AFP

Russische Tennisspieler dürfen in Wimbledon nicht mitspielen: Ist das richtig oder falsch? Oder steht darüber nicht das Dilemma: Das Richtige tun zu wollen, wenn sich alles falsch anfühlt.

Knapp eine Woche her, dass die Wimbledon-Organisatoren verkündeten, wer aus Russland oder Belarus komme, dürfe nicht mitspielen beim Tennisklassiker in London. Beruhigt hat die Szene sich seitdem nicht. Täglich neue Stimmen, die sich zur Thematik äußert, und der Tenor ist klar: Das geht so nicht. Kann man nicht machen. Wo kommt man denn da hin?

Kleiner Stimmenauszug der vergangenen Tage, nur aus Deutschland: Michael Stich, früherer Sieger in Wimbledon, nannte den Schritt inakzeptabel. Man könne Menschen „nicht aufgrund seiner Herkunft und seines Geburtslandes diskriminieren.“ Dirk Hordorff, Vizepräsident des deutschen Tennisbundes, beklagte den Alleingang des Rasenturniers: „Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn das jeder separat händelt, sondern da sollte Tennis eine gemeinsame Antwort haben.“

Ex-Spielerin Anke Huber sah sich derweil zur Aussage hingerissen, sie fände „es schade, dass man Sport und Politik mischt“. Für sie seien „das Mädchen und Jungs, die einfach nur Tennis spielen wollen und ihren Sport ausüben wollen“ – was mit Abstand die einfachste (und naivste und schwächste) Antwort auf eine hochkomplexe Fragenstellung ist, die viele Gesellschaftsbereiche berührt, Sport und Politik und Kultur und Geschichte und das meiste, was dazwischenliegt.

Natürlich sind die russischen und belarussischen Spieler und Spielerinnen völlig unverschuldet in diese Situation geraten. Sie können nichts für den barbarischen Krieg des Wladimir Putin in der Ukraine. Warum also sollten ihnen berufliche Nachteile entstehen? Aber das gleiche gilt für jeden Menschen, der indirekt unter den Sanktionen gegen Russland leidet. An der Richtigkeit und Notwendigkeit von Sanktionen ändert dies nichts.

Am Sonntag hat der Russe Andrej Rublew das Tennisturnier in Belgrad gewonnen. Rublew ist ein friedlicher und freundlicher Kerl, „no war please“ hat er neulich nach einem Sieg auf das Objektiv einer Fernsehkamera geschrieben. Man nimmt ihm die Geste ab. Dennoch ist Rublew – genauso wie der russische Weltranglistenzweite Daniil Medwedew oder die Belarussin Wiktoryja Asaranka – mehr als er selbst. Er ist ein Repräsentant Russlands in der Welt, ob er will oder nicht, kraft seiner Herkunft und seiner Berühmtheit. Grundsatzfrage: Kann man das ertragen, dass die russische Armee in der Ukraine unbeschreibliche Gräueltaten begeht, und nebenbei feiert ein Russe irgendwo einen Turniersieg, wird dafür in der Heimat gefeiert, wird womöglich von der Staatspropaganda vereinnahmt? Oder muss man es sogar ertragen, weil es, ehrlich gesagt, auch nicht sonderlich schlimm ist, sondern eher die Fußnote einer Fußnote einer Fußnote eines wirklichen Problems?

Nichts, was der Sport unternimmt, wird dazu führen, dass Putin den Krieg beendet. Womöglich füttert die Entscheidung von Wimbledon gar das Narrativ eines antirussischen Westens, das Putin so gerne verbreitet. Wer weiß? Oben drüber steht ein universelles Dilemma: Das Richtige tun zu wollen, wenn sich alles falsch anfühlt.

Auch interessant

Kommentare