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„Ich sagte: ‚Gibt’s nicht, holt’s den Schlickenrieder.‘“

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Von: Günter Klein

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1976 Teamkollegen beim Bronze-Coup, heute Nachbarn in Landshut: Alois Schloder (rechts) und Erich Kühnhackl.
1976 Teamkollegen beim Bronze-Coup, heute Nachbarn in Landshut: Alois Schloder (rechts) und Erich Kühnhackl. © imago sportfotodienst

Ex-Eishockeyspieler Alois Schloder über seinen „Dopingfall“ 1972, seine schwierige Rehabilitierung und die deutschen Medaillenchancen

Herr Schloder, Sapporo 1972 ist in Ihrem Leben eine spezielle Geschichte.

Auch 50 Jahre danach ein Krimi, der mich beschäftigt. Gerade musste ich wieder zwei österreichischen Zeitungen schreiben.

Es geht um den Dopingfall von damals. Sie wurden positiv getestet, aber vollständig rehabilitiert.

Ich kam in Sapporo mit einigen unserer Skifahrer in Gespräch, die fühlten sich wie ich down. Wir wollten uns den Blutdruck messen lassen. Ich bin also zum deutschen Mannschaftsarzt Franz Schlickenrieder, der langt in seinen Koffer, holt Tabletten raus und sagt: dreimal am Tag nehmen. Einen Tag nach unserem zweiten Spiel gegen Jugoslawien werde ich im Olympischen Dorf zur Mannschaftsleitung bestellt: Positive Dopingprobe, Ephedrin. Ich sagte: „Gibt’s nicht, holt’s den Schlickenrieder.“ Der legte Medikamente vor, die er mir gegeben haben wollte. Aber es waren nicht die richtigen. Ich hatte eine Durchdrückpackung bekommen, die sah anders aus und war inzwischen leer. Professor Prokop aus Wien, der Dopingexperte, sagte, das höre er jeden Tag. Man setzte mich unter Druck, ich solle es zugeben. Habe ich nicht getan. Die IIHF (Eishockey-Weltverband, d. Red.) sperrte mich für sechs Monate.

Sie waren aber schneller wieder frei.

Weil ich beweisen konnte, was Schlickenrieder mir gegeben hatte. Helmut Meyer vom Bundesausschuss Leistungssport, der hat an mich geglaubt, und ich habe alles aufgeschrieben. Es kam über Schlickenrieder dann einiges raus: Dass er Selbstversuche machte, morphium- und alkoholabhängig war.

Damit war für Sie aber nicht alles wieder gut?

Ich war nun mal der erste Dopingfall bei Olympischen Spielen. Überschrift: „Als der Sport seine Unschuld verlor.“ Alle vier Jahre ging es damit wieder in den Vorschauen los oder 2014, als der Fall von Evi Sachenbacher-Stehle war – und dagegen habe ich gekämpft. Ich habe zwei Leitz-Ordner mit Anwaltsschreiben an Zeitungen von Polen bis USA. Und – das Wichtige – ich habe den Anspruch auf ergänzende Berichterstattung durchgesetzt. Ich kann auf Artikel in Fachzeitschriften wie „Sport und Recht“ verweisen, auf Wikipedia steht es nun richtig, und es gab bei der „Zeit“ den Artikel „Der falsche Mann“ von Christian Schweppe, in dem alles klar gerückt wird.

Das Problem war die IOC-Homepage, die Sie trotz Rehabilitierung weiter als 1972 gedopt führte – ohne erklärenden Zusatz.

Ich habe zwei Briefe an Thomas Bach in Lausanne beim IOC geschrieben – keine Antwort. Wir haben seine Privatadresse rausbekommen und die Unterlagen seiner Frau übergeben. Und auf einmal kam Bewegung rein. Das IOC meldete sich: Ihre Recherche hätte nun ergeben ...

Sie und Bach kennen sich von Sportler zu Sportler.

Ja, und er weiß genau, wie Sportler ticken. Aber es interessiert ihn nicht mehr. Er ist, so wird er beschrieben, der Fechter hinter der Maske. Ein Unding, dass er nicht einmal den Felix Neureuther neulich für diese eindrucksvolle ARD-Reportage vorgelassen hat.

Aber Ihr Kampf ist nun gewonnen.

Jedes Jahr erzähle ich an der Uni Eichstätt Journalismus-Studenten von meinem Fall. Die kapieren dadurch, was Anspruch auf ergänzende Berichterstattung ist.

1976 wurden Sie mit Sensationsbronze von Innsbruck ja für Sapporo irgendwie entschädigt.

2026 haben wir 50-Jähriges. Ich habe zum Franz Reindl (Mitspieler von damals, nun Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes, Anm. d. Red.) schon gesagt: Da fahren wir zu den Olympischen Spielen nach Mailand und feiern. Notfalls fahren wir im Rollstuhl hin.

1976 war lange das größte Erlebnis des deutschen Eishockeys. Im ARD-Film dazu schilderten Sie den Wahnsinn: „Da stehst du als deutscher Eishockeyspieler auf einmal neben den Russen und Tschechen.“ Sprung ins Heute: Jetzt könnte das aber der Anspruch sein, oder?

Ich sagte immer: Neue Helden braucht das Land. Es begann mit dem Trainer-Glücksfall Marco Sturm, der vieles aus unserem Film übernommen hat. Spieler, die sonst absagten, kamen, als er rief. Silber 2018 war der Wahnsinn. Und wenn ich den Ausgleich des Russen im Finale kurz vor Schluss anschaue: So wie die Scheibe flattert, trifft der den neun von zehn Mal gar nicht. Von Marcos Nachfolger Toni Söderholm habe ich auch Respekt. Ein Blick auf unsere Gruppe: Kanada am Donnerstag – können wir schlagen. USA mit College-Leuten, nicht eingespielt – sollte man nicht unterschätzen. China – da gewinnen wir. Wir können Gruppenerster werden, dann sind wir direkt im Viertelfinale und haben eine echte Chance auf eine Medaille.

Marco Sturm wurde in Landshut groß, im Peking-Kader stehen fünf, die Eishockey spielen beim EV Landshut gelernt haben. Sie haben als langjähriger Sportamtsleiter so manche Karriere von Beginn an verfolgt?

Auch der DEB-Sportdirektor Christian Künast war bei uns, der U 20-Bundestrainer Tobi Abstreiter, wir haben vom Verband fünf Sterne für unser Nachwuchsprogramm bekommen, das macht uns stolz. Wie das Stadion, das die Stadt für 22 Millionen Euro saniert hat und das für mich das schönste in Deutschland bis 5000 Zuschauer ist.

Landshut verließ die DEL 1999. die Lizenz ging an die München Barons.

Momentan sind 18 in Landshut ausgebildete Spieler in der DEL. Du kannst es halt keinem Talent verwehren, wenn es aus der DEL 2 weg will.

Tobias Rieder und Tom Kühnhackl, die jetzt in Schweden spielen, haben Karriere in der NHL gemacht.

Der Tobi ist für meine Tochter wie ein Ziehsohn, wir haben ihn zwei-, dreimal in Amerika besucht. Und die Kühnhackls wohnen neben uns. Tom hat zweimal den Stanley Cup gewonnen und nach Landshut gebracht, ich hatte ihn bei mir im Swimmingpool stehen. Leon Draisaitl, unser größter Star, sagt, er würde alle Awards hergeben für den Stanley Cup. Und wir hatten ihn hier.

Wären Sie gerne bei den Spielen in Peking?

Nein, was wir erlebt haben – Freundschaften mit russischen und tschechischen Spielern –, Feiern mit den Skifahrern, das erleben die Leute bei Olympia nicht mehr. Die haben ihren Wettkampf und sehen vielleicht noch einen anderen.

Interview: Günter Klein

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