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Lächelnd in Istanbul: Mesut Özil.
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Lächelnd in Istanbul: Mesut Özil.

Mesut Özil

„Ich kehre nicht wieder um“

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Bei seiner Vorstellung bei Fenerbahce Istanbul untermauert der Ex-Nationalspieler seinen Bruch mit seinem Geburtsland. In der Türkei wird der 32-Jährige als Heilsbringer gefeiert.

Als das letzte Foto geschossen war, er das Trikot zur Seite legen konnte, atmete Mesut Özil erst einmal erleichtert durch. Nach fast 100 Minuten hatte der 32-Jährige die pompöse Pressekonferenz als neuer Spieler von Fenerbahce Istanbul hinter sich gebracht. Mehr als 100 Journalisten waren in den großen Saal des Edelrestaurants auf dem Gelände Faruk Ilgaz im Stadtteil Kadiköy gekommen, das dem 19-fachen türkischen Meister gehört. Etliche Fernsehsender übertrugen die Heimkehr des verlorenen Sohnes live, über eine Videoplattform waren Hunderte ausgewählte Fans der „Kanarienvögel“ zugeschaltet.

Alle wollten hören, was der so verschlossene und schüchterne Mann zu sagen hatte. Schließlich war es seit Jahren überhaupt das erste Mal, dass er sich der Öffentlichkeit präsentierte. In schwarzem Anzug und schwarzem Hemd saß der gebürtige Gelsenkirchener neben Vereinspräsident Ali Koc und Sportdirektor Emre Belözoglu auf der Bühne und durfte nach 40 Minuten sein erstes holpriges Statement auf Türkisch abgeben. Wirklich viel erfuhren die Zuhörer:innen in der Folge nicht, trotzdem bekam Özil nach jeder Antwort von den anwesenden Mitgliedern des Präsidiums und Mitarbeiter:innen des Klubs Applaus.

Während er bei den meisten Antworten ein Lächeln auf den Lippen hatte, verhärtete sich seine Miene beim Thema Nationalmannschaft und Deutschland. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, irgendwann in die Bundesliga zurückzukehren, antwortete er kurz und knapp: „Nein, kann ich nicht.“ Und auf die Frage, ob es die Chance auf eine Rückkehr in die deutsche Nationalmannschaft gibt, sagte er: „Wenn ich einmal einen Weg eingeschlagen habe, kehre ich nicht wieder um.“ Deutlicher hätte er den Bruch mit seinem Geburtsland nicht untermauern können. Den Bemühungen von DFB-Präsident Fritz Keller, in Dialog gehen zu wollen, zum Trotz.

Die Affäre und die Debatte nach dem Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor der WM 2018 in Russland haben beim sensiblen Fußballer mit dem feinen Füßchen tiefe Spuren hinterlassen. Er hat seitdem alle Versuche des DFB, inklusive Bundestrainer Joachim Löw, abgeblockt und sich hinter seiner Familie, Beratern und seitenlangen Statements verschanzt. Das Foto wurde am Mittwoch auch noch mal in einem Video eingespielt, das Fenerbahce in der Stadt Devrek, der Provinz Zonguldak, gedreht hat. Dort hat die Familie Özil ihre Wurzeln, ehe sie nach Deutschland kam, und dort wurde eine Straße nach Özil benannt – mit dem nicht unwesentlichen Zusatz eines überdimensionalen Özil-Erdogan-Fotos.

Der einst in der Türkei für seine Entscheidung, für Deutschland zu spielen, verhasste „Deutsche“ hat seit der Affäre ein komplett anderes Image in der Türkei. Der von den bösen Deutsche Verstoßene wird nun mit offenen Armen empfangen. Erdogan war Özils Trauzeuge bei seiner Hochzeit mit der ehemaligen Miss Turkey, Amine Gülse, die mit dem gemeinsamen Töchterchen Eda bei der Pressekonferenz ebenfalls anwesend war.

Weitere Fragen zum Thema DFB oder seinem traurigen Abschied vom FC Arsenal wurden nicht gestellt. Stattdessen bat ein aserbaidschanischer Journalist darum, Özil eine Flagge seines Heimatlandes zu überreichen. Ein türkischer Journalist bedankte sich gar beim Spielmacher, der die Rückennummer 67 erhält, in die Türkei gewechselt zu sein. Dazu kamen belanglose Fragen der zugeschalteten Fans. „Für Fenerbahce war es ein Traum, ich habe es mir vorgestellt“, sagte Özil, der seit seiner Kindheit Fan der Gelb-Marineblauen ist und in den 90er Jahren Jay Jay Okocha in dessen Zeit bei Fener bewunderte.

Eine Ablöse an den FC Arsenal muss Fenerbahce nicht zahlen, das Gehalt wird in der laufenden Saison von den Engländern weiterbezahlt. Ab der kommenden Saison erhält Özil jährlich drei Millionen Euro Festgehalt und eine zusätzliche Unterschriftsprämie in Höhe von 550 000 Euro. Beim FC Arsenal kassierte er rund 20 Millionen Euro per annum. „Er hatte bessere Angebote als unseres“, verriet Präsident Koc, der in einem 20-minütigen Monolog erklärt hatte, wie der Transfer zustande gekommen war.

In erster Linie dank Acun Ilicali, TV-Produzent, Moderator Senderbesitzer und riesengroßer Fenerbahce-Fan. Und seit kurzem auch Gründer einer Plattform türkischer Serien, die sich im Nahen Osten und Nordafrika großer Beliebtheit erfreuen. Vielleicht schon bald mit Özil, bekennender Fan türkischer Serien, als Werbeträger. Auch Koc betonte, dass der Klub im neuen Spielmacher auch einen Wirtschaftsfaktor sieht. Neben verkauften Trikots macht sich das schon in einer SMS-Kampagne bemerkbar.

Der mit 300 Millionen Euro verschuldete Klub hatte sich kürzlich an die Fans gewandt, um ihn mit einer Kurznachricht, bei der 20 Lira (rund 2,10 Euro) direkt an den Verein gehen, zu unterstützen. Mit dem Transfer wurde die Kampagne kurzerhand in „Mesut Ol“ umbenannt, wörtlich übersetzt, „werde glücklich“. 250 000 SMS sind in den vergangenen Tagen eingegangenen.

Die Vorfreude und die Erwartungen an den Weltmeister von 2014 sind wie immer in der Türkei gigantisch. Das Team von Erol Bulut, der aus dem hessischen Bad Schwalbach stammt und einst für Eintracht Frankfurt spielte, liegt auf dem zweiten Tabellenplatz, zwei Punkte hinter Rivale Besiktas. „Ich will natürlich so schnell wie möglich Meister werden“, sagte Özil. Wann er wieder auf dem Platz stehen kann, ist noch unklar. Sein letztes Pflichtspiel absolvierte er im März vergangenen Jahres. Anvisiert ist das Derby gegen Erzrivale Galatasaray am 6. Februar.

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