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„Ich hoffe, dass Jules Erfolg eine Initialzündung ist“

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Von: Jörg Allmeroth

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Traut dem deutschen Tennis-Nachwuchs einiges zu: Bundestrainerin Barbara Rittner.
Traut dem deutschen Tennis-Nachwuchs einiges zu: Bundestrainerin Barbara Rittner. © dpa

Die Tennis-Bundestrainerin Barbara Rittner spricht im FR-Interview über das deutsche Viertelfinale in Wimbledon, die Aussichten für den Nachwuchs und die Balance zwischen Freundschaft und Rivalität.

Frau Rittner, welche Bedeutung steckt hinter dem deutschen Viertelfinale in Wimbledon?

Gerade haben alle von einer großen Krise im deutschen Damentennis gesprochen, die Kritik war teilweise auch berechtigt. Nun ist mit Jule Niemeier aber doch eine junge Spielerin da, die ihr Potenzial auf der größten Bühne der Welt ausspielt und gleich auch Werbung für das deutsche Tennis macht. Das ist natürlich auch eine Inspiration für ihre Mitspielerinnen aus dieser Generation, eine Motivation, ihr nachzueifern. Und Tatjana? Sie ist einfach eine starke Persönlichkeit, als Mensch, als Mutter, als Spielerin. Sie hat nie, nie, nie aufgehört, an sich zu glauben. Und nun steht sie mit 34 Jahren im Viertelfinale von Wimbledon.

Die Spielerinnen aus der goldenen Generation, ob Kerber, Petkovic, Görges oder Lisicki, haben sich stets gegenseitig vorangetrieben und dadurch verbessert.

Ich wünsche mir wieder so einen Effekt. Dass die anderen Talente, eine Nastasja Schunk oder eine Eva Lys, jetzt sagen: ,Hallo, die Jule Niemeier ist doch nicht aus der Welt für mich. Die habe ich doch zuletzt auch mal geschlagen. Was die erreicht hat, müsste ich doch auch schaffen. Ich will jetzt die nächste sein, der der Durchbruch gelingt.‘ Es ist gut, dass mit Jule eine mal richtig vorwegzieht und die anderen reizt, sie motiviert. Das kann so eine richtige Initialzündung sein, ein starker Impuls. Schunk hat Niemeier kürzlich bei einem gut besetzten Turnier in Wiesbaden geschlagen, die denkt sich doch jetzt: Warum bin ich das denn nicht, die jetzt in Wimbledon in den Schlagzeilen ist.

Sie haben zuletzt mal gesagt, der jüngeren Generation mangele es zuweilen an der nötigen Profimentalität, viele Spielerinnen seien zu verwöhnt.

Wenn ich an Petkovic und Kerber zurückdenke, dann fällt mir ein, wie hart die gegenseitig auf dem Court gerangelt haben. Wie bei denen im Training die Fetzen flogen, wie die sich reingehängt haben, jede für sich. Und wie sie sich nach den Matches umarmt haben und sagten: Toller Fight. Das war harte Konkurrenz, aber auch große Freundschaft. Bei den Jüngeren fehlt mir diese Bedingungslosigkeit noch, da sind noch nicht alle wirklich im Profigeschäft zu 100 Prozent angekommen. Da muss man manchmal dazwischen gehen und sagen: Jetzt hört mal mit den Nettigkeiten auf dem Platz auf.

Zuviel Harmonie ist eher schädlich.

Es ist tatsächlich ein Problem. Wir haben letztes Jahr mal ein Turnier gehabt, wo Wild Cards ausgespielt wurden. Da kam dann eine Spielerin zu mir und sagte: Hoffentlich streiten wir uns da aber nicht. Da habe ich gesagt: Wir wollen aber diese Auseinandersetzung, ihr müsst und dürft euch nicht lieb haben in diesen Trainings- oder Ausscheidungsmatches. Manche der Jüngeren haben zuletzt auch mit Petko trainiert. Und da wehte ein anderer Wind. Da hat Petko gesagt: Hier wird nicht in den Pausen herumgeredet und Smalltalk gemacht, wir konzentrieren uns auf das Match und auf sonst nichts. Der Konkurrenzkampf muss einfach noch tougher werden. Da draußen auf der Tour kriegst du auch nichts geschenkt.

Auch in puncto Fitness ist bei einigen Talenten noch Optimierungsbedarf.

Ohne Zweifel. Als wir kürzlich mit dem Nationalteam in Kasachstan waren, haben einige der Jüngeren gestaunt, welches Programm etwa eine Angie Kerber absolviert. Die hatte schon vor dem Frühstück ihre ersten Trainingsintervalle absolviert, da haben einige Jüngere den Mund nicht mehr zugekriegt. Es war so ein Moment, wo sie gemerkt haben: Wir sind auf einem ganz guten Weg vielleicht. Aber wir haben auch noch in vielen Bereichen eine lange Strecke vor uns.

zur Person

Barbara Rittner (49) ist beim DTB verantwortlich für das nationale Frauentennis. Die ehemalige Profispielerin und Freundin von Steffi Graf kann das Wimbledon-Turnier wegen einer Corona-Infektion vorerst nur aus der Heimat verfolgen – und damit auch das deutsche Viertelfinale am Dienstag zwischen Tatjana Maria und Jule Niemeier. FR

Wie wichtig ist es, dass die älteren Spielerinnen noch immer auf der Tour unterwegs sind?

Es ist eine extreme Hilfe, dass eine Jule Niemeier mal eben zu Andrea Petkovic hingehen und sie mit allen möglichen Fragen löchern kann. Petko hat sich unheimlich liebevoll um unsere jungen Mädels gekümmert, als Mentorin. In Wimbledon hat sie ja mit Jule auch noch Doppel gespielt. Angie hat kürzlich beim Länderspiel in Kasachstan auch zum ersten Mal sehr offensiv und bewusst die Rolle der Mentorin eingenommen und bei einer Ansprache ans Team erklärt, was es bedeutet, Tennisprofi zu sein. Welche Entbehrungen man auf sich nehmen muss, wie schwer manche Trainingstage sind. Aber dass man sich am Ende große Träume erfüllen kann, die größten sogar. Sie hat ihnen Mut gemacht, aber auch klar gesagt, dass Fleiß und Durchhaltewille absolut unerlässlich sind. Ich glaube, Angie hatte den Eindruck, dass die Mädels noch ein bisschen zu weich sind. Nicht gestählt für das, was auf sie zukommt.

Zurück nach Wimbledon. Was hat Sie bei Jule Niemeiers Lauf in die Runde der letzten Acht am meisten überrascht?

Die Selbstsicherheit, mit der sie sich in dieser für sie eigentlich neuen Welt bewegt. Wie sie ein Match gegen Heather Watson von A bis Z in einer Seelenruhe runtergespielt hat, ohne mal die Fassung zu verlieren. Das war eine sehr reife, sehr erwachsene Vorstellung. Man konnte glatt vergessen, dass es nicht selbstverständlich ist, sein erstes Centre Court-Match in Wimbledon so zu gewinnen.

Hilft ihr die Erfahrung, die der neue Coach Christopher Kas mitbringt?

Ganz sicher. Kasi ist vor allem ein Typ, der bei aller Seriosität in der Trainingsarbeit eine ansteckende Fröhlichkeit mitbringt. Da taut Jule regelrecht auf, sie ist ja eigentlich ein eher introvertierter, ernsthafter Charakter.

Mutter Maria überzeugt mit ihrem ganz eigenen Stil, aber ihrer Lebensgeschichte überhaupt.

Als wir damals, vor fast 20 Jahren, diese ganze Gruppe zusammen hatten, u.a. Kerber, Petkovic, Görges und Maria, habe ich gedacht, sie könnte eine Weltkarriere schaffen. Tatjana hatte das Talent, das Händchen, auch den Willen. Dann kamen diese ganzen Schicksalsschläge, die Lungenembolie. Später viele Verletzungen. Wie schön, dass sie jetzt so im Blickpunkt ist, als zweifache Mutter. Als eine, die sich nicht hat unterkriegen lassen und jetzt glücklich mit der Familie unterwegs ist. Das ist schon ein rührender Augenblick.

Und wer gewinnt das Viertelfinale?

Ich würde es nicht sagen, wenn ich einen Tipp hätte. Aber ich habe bei diesem Spiel wirklich keine Ahnung. Das ist komplett offen. Es entscheidet die berühmte Tagesform. Wer an diesem Tag bereit ist für etwas Großes.

Interview: Jörg Allmeroth

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