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„Ich bestimme, wo es langgeht“

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Von: Jörg Allmeroth

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Als die Blicke noch liebevoll waren: Boris Becker mit Günther Bosch beim Empfang in Leimen nach dem ersten Wimbledonsieg.
Als die Blicke noch liebevoll waren: Boris Becker mit Günther Bosch beim Empfang in Leimen nach dem ersten Wimbledonsieg. © imago/Frinke

Am Freitag wird das Urteil im Londoner Prozess gegen die deutsche Tennisikone Boris Becker erwartet - sein ehemaliger Trainer Günther Bosch erinnert sich,

An den seltsamen, lange zurückliegenden Flug nach Australien kann sich Günther Bosch auch heute noch sehr genau erinnern. Es war im November 1985, das Grand Slam-Turnier in Melbourne fand damals noch im Herbst des alten Jahres statt. Bosch, der Trainer, saß zusammen mit seinem Schützling Boris Becker in der Lufthansa-Maschine, es gab etwas zu feiern, Becker, bis dato der „17-jährigste Leimener aller Zeiten“, wurde 18 Jahre alt. Volljährig also. Bosch hatte eine Torte bei der Crew bestellt, auch Champagnergläser.

Aber kaum waren die Gläser geleert, in denen tatsächlich nur Wasser war, wurde es plötzlich ziemlich kühl in dem Lufthansa-Jumbo auf dem Weg ans andere Ende der Welt. Zwischen Becker und ihm, Bosch. Becker habe zu ihm herüber geblickt und ihm unversehens ins Gesicht gesagt, von nun „alles selbst“ entscheiden zu wollen: „Er meinte: Ich bestimme jetzt, wo es lang geht.“ Und tatsächlich sei es dann auch so gekommen, sagt Bosch: Becker habe sich oft nicht mehr in wichtige Angelegenheiten reinreden lassen, ob es nun um Training, Taktik oder das professionelle Leben neben dem Centre Court gegangen sei. „Er wusste: Ich bin hier der Präsident. Ich habe das Sagen“, so Bosch.

Eine Episode mit Symbolkraft, ein Beleg dafür, dass Becker sich früh und dann fast immer am liebsten selbst vertraute, im Tennis und auch nach dem Tennis?

Bosch und Becker jedenfalls, das ist ja auch eine Geschichte für sich. Und was für eine Geschichte. Gemeinsam eroberten sie aus der badischen Provinz, aus Beckers Heimatstadt Leimen heraus, den Thron von Wimbledon, sie galten als Traumkombination, er, Bosch, der sportliche Ersatzvater des jugendlichen Himmelsstürmers. Aber schon gut anderthalb Jahre nach dem Urknall von Wimbledon, dem ersten deutschen Sieg auf dem Heiligen Rasen am 7. Juli 1985, war alles vorbei zwischen „Güntzi“ und „Bobbele“.

Die Nacht der langen Messer, die Trennung nach Beckers Achtelfinal-Scheitern in Melbourne im Januar 1987, war eine deutsche Staatsaffäre. Eine Aufmacher-Nachricht im Fernsehen, eine Seite 1-Geschichte in allen Zeitungen. „Es war aber nicht so, wie fast alle berichteten. Ich habe den Schluss-Strich gezogen, nicht Boris“, sagt Bosch. Es hatte letztlich mit dem legendären Geburtstags-Flug zu tun, mit Beckers Eigensinn danach. Mit Boschs Unwillen, immer weiter Spielball der Launen von Becker und dessen monegassischer Freundin zu sein. Außerdem, sagt Bosch, sei man auch ständig am Limit gewesen: „Es gab keine Ruhepausen, Boris hat jeden bis zur Erschöpfung gefordert und herausgefordert.“

Bosch lebte bis kurz nach der Jahrhundertwende in Monte Carlo, dort, wo auch Becker in den glorreichen Tenniszeiten seine Zelte aufgeschlagen hatte. Heute residiert der 85-jährige in Berlin, und von dort aus blickt er auch auf den Londoner Prozess gegen Becker, in dem am Freitag das Urteil erwartet wird. Die Geschworenen haben den sechsmaligen Grand Slam-Champion in vier Anklagepunkten schuldig gesprochen, es geht dabei um beträchtliche Summen, die Becker eigentlich den Gläubigern in seinem Insolvenzverfahren schuldig gewesen wäre – und die er unter anderem für Zahlungen an seine ehemaligen Gattinnen verwendet haben soll.

Bosch will sich nicht direkt zu dem aufsehenerregenden Verfahren äußern, aus einem Grund, den Außenstehende wohl kaum glauben würden. Aber Fakt ist: Seit dem Ende des Arbeitsverhältnisses haben Becker und Bosch in 35 langen Jahren in anderen Welten gelebt und nur noch ein einziges Mal miteinander gesprochen, bei einer Zufallsbegegnung auf einem Flug von Nizza nach Madrid. „Ich kam allerdings kaum zu Wort. Boris redete. Er wollte recht haben. Die anderen sollten ja immer nur nicken“, sagt Bosch.

Was auch andere Weggefährten Beckers im Laufe der Zeit zu spüren bekamen, erlebte Bosch als erster: Das Elefantengedächtnis des Tennisstars, der nichts vergaß und verzieh, vor allem nicht den von ihm so wahrgenommenen Bruch von Loyalität. Trafen sich Becker und Bosch später auf Turnieren, bei denen der gebürtige Siebenbürger als TV-Kommentator oder Zeitungskolumnist arbeitete, gingen sie wortlos aneinander vorbei. Becker setzte eine Pokermiene auf, er tat manchmal so, als kenne er Bosch nicht mehr. Erst später rang sich Becker auch einmal dazu durch, seinem früheren Trainer etwa zu runden Geburtstagen zu gratulieren. Eine wirkliche Aussöhnung gab es aber nie.

Es gebe schon zu viele Leute, sagt Bosch, „die behaupten, viel über Boris zu wissen und nun drauflos spekulieren. Ich habe an seinem Leben seit 1987 praktisch nicht mehr teilgenommen.“ Was einerseits stimmt, denn Bosch war ja tatsächlich der erste enge Wegbegleiter, der öffentlich verstoßen und geächtet war am Hofe des Tenniskönigs. Aber andererseits ist Bosch auch nie ganz losgekommen von Becker, dessen Laufbahn er aus der Distanz mit heißem Herzen verfolgte – bis zu jenem Julitag des Jahres 1999, an dem für Becker in Wimbledon alles vorbei war mit einer Achtelfinal-Niederlage gegen den Australier Patrik Rafter. Mit seinem letzten Spiel als Profi, auf jener Bühne, die sein Leben bestimmte. Und die Segen, aber auch Fluch war. Boschs Fazit damals vor Ort und heute: „Boris hätte mehr gewinnen müssen. Für das, was er an Fähigkeiten besaß, war es eigentlich zu wenig.“

Viele Becker-Insider sagen, dass es nach jenem Rückzug mit einem gewissen Illusionstheater Beckers weiterging. Mit der Überzeugung, er werde auch im Leben nach dem Tennis als Geschäftsmann die Asse und meisterlichen Returns schlagen, Tiebreaks gewinnen und Matchbälle verwandeln. Bosch würde so etwa niemals sagen und aussprechen, er betrachtet ganz diplomatisch und ernsthaft nur den Tennisakteur Becker. Und da wähnte Bosch seinen ehemaligen Chef Mitte des letzten Jahrzehnts „auf einem eigentlich sehr guten Weg“, als Übungsleiter und Berater des Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic. Dessen Spiel habe Becker noch einmal auf eine neue Stufe gehoben, ihm die erfolgreichste Karrierezeit beschert. „Boris war selbst der Weltmeister der umgedrehten Spiele, und diese Mentalität hat er auch Djokovic eingeimpft“, sagt Bosch, „mich hat erstaunt, dass er dann rasch wieder aufhörte. Aber vielleicht war es auch zum genau richtigen Zeitpunkt, auf der Höhe der Zusammenarbeit.“

Bosch selbst hat über viele Jahre die Suche nach dem zweiten Boris betrieben. Es war eine Suche, die ihn viel Mühe und später auch noch viel Geld kostete, als ein Akademie-Projekt im brandenburgischen Wandlitz krachend scheiterte. Bosch hatte sich allerdings auch manchmal im Potenzial späterer Schützlinge verrechnet: Keiner stürzte sich mehr mit jener Bedingungslosigkeit und Wahnsinnsintensität in das Berufsleben hinein wie der Partner Becker – jener Bursche, den er einst aus der Qual befreite, ständig mit Mädchen im Leimener Leistungszentrum trainieren zu müssen. Irgendwann reifte in Bosch die Erkenntnis, „dass man anerkennen muss, wie einzigartig ein Spieler ist, einer wie Boris“. Der originale Boris.

Das liebe Geld habe auch in frühen Zeiten schon einiges durcheinander gebracht, erinnert sich Bosch. Bis zum ersten Wimbledonsieg redeten er und Becker damals ungezwungen mit der Presse, es gab angenehme Gesprächsrunden und kaum Geheimnisse. Dann, nach dem ersten Sieg, kamen die Exklusivverträge, ausgehandelt von Manager Ion Tiriac. Plötzlich sprachen Becker und Bosch nur noch mit den Vertragspartnern, „Bild“ druckte eine Boris-Serie. „Der Rest zählte nicht mehr so richtig, galt sogar als Gegner“, sagt Bosch. Und als er später selbst Zeitungskolumnen verfasste, sei er auch „die Opposition“ gewesen. Gut und Böse, so war das damals, so Bosch. Beckers inzwischen verstorbener Vater Karl-Heinz habe ihm deshalb nur heimlich sagen können, „dass alles, was in Deinen Kolumnen steht, zutreffend ist.“

Bosch sagt, Geld sei in Beckers sehr jungen Jahren komplett unwichtig gewesen. Becker habe 20 Mark Taschengeld von den Eltern bekommen, er habe sich davon mal eine Cola gekauft und am Automaten geflippert. Wenn das Geld aufgebraucht gewesen sei, „bin ich eingesprungen und habe ihm was bezahlt“, sagt Bosch, „aber es ging um nichts Großes.“ Becker habe zuerst nur ein Ziel gehabt, einen Traum: „Nach oben zu kommen. Es war nicht seine ursprüngliche Motivation, reich zu werden mit dem Tennis.“ Was Geld bedeute, sei Becker erst später von Manager Tiriac verklickert worden: „Für Ion galt immer: Der Preis muss stimmen. Das hat er dann Boris immer wieder eingetrichtert.“

Bosch hat einen dringenden Wunsch, jetzt, da es ernst wird für Becker in London. Wo das Urteil über ihn, den Tennis-Kanzler, gefällt wird. „Ich hoffe, dass er irgendwie durchkommt. Dass er nicht ins Gefängnis muss“, sagt Bosch.

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